Was Kinder für die Zukunft brauchen

Viele Eltern sind verunsichert: Sie wissen nicht, ob sie die fünfjährige Julia in den Fremdsprachenkurs, gar ins Kinder-Fitnesscenter oder zum Tennis schicken sollen oder ob das Spielen im Sandkasten und das Toben mit ihren Gspänli ausreicht, damit ihr Kind fit für die Zukunft ist.
Viele Eltern glauben, ihre Kinder in Kursen weiterbilden zu müssen. Allerdings fragen sich viele Mütter und Väter, welche Förderung Ihr Kind braucht.

Hinzu kommt, dass wir im Gegensatz zu früheren Elterngenerationen nicht davon ausgehen können, dass es unseren Kindern später besser gehen wird. «Wir ahnen, dass unsere Kinder in eine Welt hineinwachsen, in der die Kategorien unserer Lebenskultur Beruf, Wissen, Erfolg, Lernen, Alter, Ehe und Familie sehr viel anders aussehen werden als bisher», sagt der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx. «Unsere Kinder gehen in eine riskantere, individuellere, vielfältigere Welt, in der die Spiele des Lebens nach komplexeren Regeln gespielt werden.»

Dieser Wandel beunruhigt. Und bis zum «hysterischen Zukunftsangst-Syndrom», wie Horx formuliert, ist es oft nicht weit. Wer allerdings diese Angst seinen Kindern, wenn auch ungewollt, vermittelt, kann nicht erwarten, dass sie mit Zuversicht, Selbstbewusstsein und Optimismus ihr Leben gestalten. Es ist daher wichtig, dass wir unseren Kindern ein gesundes Vertrauen in die Zukunft mit all den Chancen und Möglichkeiten zum Handeln und Verändern mitgeben.

Ganz banale Dinge
Wie kann man Kinder zukunfts-fit machen? Welche Schlüsselqualifikationen braucht ein Kind, um erfolgreich und lebenstüchtig zu werden? Kinder müssen als Basis zunächst ihrer eigenen Kraft und ihren Fähigkeiten vertrauen. Dafür brauchen sie das Gefühl, uneingeschränkt geliebt zu werden, so wie sie sind mit all ihren Schwächen und Stärken. Eltern, die die individuellen Fähigkeiten ihres Kindes erkennen und akzeptieren, legen die beste Grundlage. Die Eltern hingegen, die ihre Wünsche in ihre Kinder hineinprojizieren, tun ihrer Tochter oder ihrem Sohn keinen Gefallen. Wenn der Vater und die Mutter sich dem Kind aufmerksam zuwenden und echtes Interesse an ihm haben, werden sie bald erkennen, ob das Kleine ein Faible für Musik hat oder lieber herumrennt. Zudem hat jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo, das die Eltern ihm zugestehen sollten. Kinder sollten das tun, was ihnen Spass macht! Dann lernen sie ganz von selber weil sie es wollen. Die Kunst besteht darin, die Lernbereitschaft und freude beizubehalten.

Viele Experten weisen darauf hin, dass gute Förderung wie eh und je vor allem darin besteht, Kindern das zu geben, was sie am meisten brauchen. Und das sind die ganz «banalen» Dinge: Zärtlichkeit, Wärme und ein gutes Klima in der Familie, reichlich Bewegung und frische Luft, ausreichend Schlaf, Spiel- und Freiraum für Experimente und, bei aller Freiheit, Halt und Grenzen. Viele Kinder, die von einem Kurs zum anderen gefahren werden, oder die alles bekommen vom eigenen Computer bis zum «pädagogisch wertvollen» Spielzeug vermissen oft Alltägliches. Denn, so paradox es klingen mag: Viele Eltern bieten ihren Sprösslingen diese Dinge nicht mehr, die als Rüstzeug für später gelten. Viele Kinder sind heute auch einer merkwürdigen Mischung aus Unter- und Überforderung ausgesetzt, wie die Autorin Martina Hancke in ihrem Ratgeber «Kinder fördern aber richtig» behauptet: «Da wird von einem Vierjährigen verlangt, sich eine Stunde lang beim Musikunterricht zu konzentrieren, doch zu Hause ist er noch «zu klein», um sich selbst anzuziehen, den Tisch mit zu decken oder seine Schuhe abzubürsten. Kinder, die im Familienleben unterfordert sind, werden bequem und anspruchsvoll.» Einfach verwöhnt.

Die Sinne schulen
Die fehlende Normalität im Alltag hat schon fast groteske Folgen: So sind immer mehr Kindergartenkinder nicht mehr in der Lage, einen Purzelbaum zu machen, auf einem Baumstamm zu balancieren oder ein Rad zu schlagen. Leistungsstörungen, Hyperaktivität, geringes Durchhaltevermögen oder Übergewicht aufgrund mangelnder Bewegung nehmen in bedrohlichem Ausmass zu. Daten aus Basel, die sicher für andere Gebiete auch gelten, zeigen eine dramatische Zunahme an Übergewicht von im Durchschnitt 10 Prozent bei Jungen und Mädchen. Toben, Springen und Klettern sind wichtig, denn sie fördern nicht nur eine gute Körperbeherrschung, sondern machen Kinder selbstbewusst und sicherer. Das Denkvermögen wird dabei ebenso gefördert, und wer sich viel draussen bewegt, lernt besser und ist konzentrierter. Sportpädagoginnen sind überzeugt, dass das Toben in der Natur die beste Bewegungsförderung bis zum Alter von etwa zehn Jahren ist. Der einstündige Tanz- oder Schwimmkurs pro Woche ist kein Ersatz dafür. Als Ergänzung ist dies sinnvoll, aber die alltägliche Bewegung draussen an der frischen Luft zusammen mit anderen Kindern fördert das Kind ganzheitlich und kostet zudem nichts.

Auch an Sinneserfahrungen mangelt es oft. «Ich war erschrocken, dass einige Kinder süss und salzig verwechselt haben», berichtet Myrta Dahinden, Kindergärtnerin in Arisdorf (BL), die kürzlich an dem Pilotprojekt «Tacco & Flip Essen &Bewegen im Kindergarten» der Gesundheitsförderung Baselland und der Schulgesundheitskommission teilgenommen hat. Sie sei auch erstaunt gewesen, dass einige sechsjährige Mädchen und Buben Kiwi oder Gurken nicht kannten oder noch nie probiert hatten. «Ich nehme an, dass viele Mütter und Väter mit ihren Kindern nicht mehr einkaufen gehen, und dass viele Kinder auch nicht beim Kochen mithelfen.» Ein Kind lernt dabei jedoch viel: Farben und Formen der vielen Früchte- und Gemüsesorten, wie eine Litschi schmeckt, eine Paprika riecht oder wie man beim Rüsten von Kartoffeln mit einem Messer umgeht. Nicht selten unterschätzen die Eltern die Fähigkeiten ihres Kindes. So kann eine Dreijährige mit Papas Hilfe schon den Mixer halten oder den Kochlöffel schwingen.

Spielen und Fehler machen = Lernen
Die Förderung im Alltag ist enorm wichtig. «Wenn alle Fähigkeiten des Kindes gleichermassen gefördert werden, lassen auch manche Ängste der Eltern nach. Denn oft wird so deutlich, wie individuell jedes Kind ist», sind die Journalistin Cornelia Nitsch und der Hirnforscher Gerald Hüther in ihrem Buch «Kinder gezielt fördern» überzeugt. Die Eltern sollten sich Zeit nehmen und ansprechbar sein. Der intensive Kontakt sei viel wichtiger als die gezielte Förderung der Intelligenz mit fabelhaftem Lernmaterial und pädagogisch wertvollem Spielzeug. Spielend lernen Kinder alles was sie brauchen. Der Drang, den Geheimnissen des Lebens auf die Spur zu kommen, ist Kindern angeboren. Sie lernen dabei, sich zu konzentrieren, sie trainieren ihre Ausdauer und Beobachtungsgabe und sie üben ihre Sozialkompetenz, und so nebenbei eignet sich der Knirps erstes technisches Wissen an. «Kinder, die richtig und ausgiebig spielen können, sind in der Regel fröhlicher, ausgeglichener, selbstsicherer und kompetenter als ihre Altersgenossen, die ihre Tage vor dem Fernseher verbringen oder schon im Vorschulalter in ein Kursprogramm eingebunden sind», sind Nitsch und Hüther überzeugt. Hetze und ein voller Terminkalender - viele Kinder sind schon im Vorschulalter «ausgebucht» sind die Spielverderber von heute.

Den Wissensdurst erhalten
Selbstbewusstsein, Stärke und Bildung, so meinen Experten, sind die Fundamente für die Zukunft. Bildung wird sogar noch an Bedeutung gewinnen, denn wir sind auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft. Wissen kann man sich aber nur aneignen, wenn man über gute Kenntnisse der Muttersprache verfügt und wenn man gut Lesen und Schreiben kann. An diesen Kulturtechniken führt kein Weg vorbei, darum sind die Ergebnisse aus den PISA-Studien, die einem Teil der Schweizer Jugendlichen eine schlechte Lesekompetenz bescheinigt haben, auch so folgenschwer. Ohne Lesen lernt es sich schlecht, deshalb der Appell an alle Eltern: Lest selber und regelmässig mit euren Kindern. Schafft eine Lesekultur und führt Leserituale ein.

Eltern sollten sich auch bemühen, eine Lernkultur zu schaffen. Man kann sich nicht nur auf Kindergarten und Schule ausruhen. Es muss gelingen, den kindlichen Wissensdurst bis ins Erwachsenenalter hinüberzuretten. «Lassen Sie Ihr Kind immer wieder neue Versuche starten und eigene Irrtümer begehen. Lassen Sie es spielen, allein und mit anderen Kindern, unbeobachtet, ohne Druck, Vorgaben und äussere Zwänge, mit wenig vorgefertigtem Spielzeug», raten die Expertinnen Monika Murphy-Witt und Petra Stamer-Brandt in ihrem Buch «Was Kinder für die Zukunft brauchen.» Möglichst viele Gelegenheiten zum Spielen, Entdecken, Experimentieren im Alltag auch diese Autorinnen sind überzeugt, dass das die besten Investitionen in die Zukunft sind. Denn dabei lernen Kinder auch das Lernen selbst. Und in einer Zeit, in der dauerndes Umlernen und «lebensbegleitendes Lernen» angesagt ist, ist diese Fähigkeit wichtiger als je zuvor.

Neben den Fundamenten Bildung, Selbstbewusstsein und Stärke sind für unsere Kinder zudem diese Eigenschaften wichtig: Stressresistenz, Kreativität, Organisationstalent, Medienkompetenz, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Flexibilität und Teamgeist. Aber vor allem anderen, so die Autorinnen, bräuchten unsere Kinder eine Lebenseinstellung, die sie zukunfts-fit macht: «Eine fortschrittliche Lebenseinstellung, die persönliches Wachstum nicht auf Kosten anderer vorantreibt und Perspektiven vermittelt. Mit Werten, die jungen Leuten eine Richtschnur liefern, an der sie sich orientieren können.» Das ist das Schöne daran: all das können wir selbst unseren Kindern mitgeben.

Quelle/Text: Dr. Jirina Prekop


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