Schlampe statt Schwester

Wenn Kinder und Jugendliche kommunizieren, schockieren sie Erwachsene nicht selten mit Gewalt- oder sexistischen Ausdrücken. Woher kommt dieser Trend? Wie soll man darauf reagieren?
Dieter Bohlen hält «Bitch» als Bezeichnung für eine «DSDS»-Kandidatin nicht für eine Beleidigung, weil dieses Wort in der Jugendsprache längst eine andere Bedeutung habe. Wenn sich zwei Jugendliche mit «Looser» oder «Hurensohn» betiteln, gehört dies in der Jugendsprache heute in der Regel zur Umgangssprache. Während diese Ausdrücke für Erwachsene bereits als grobe Beleidigungen und sprachliche Gewalt betrachtet werden, sind sie für die Jugendlichen nicht selten ein Spiel - ausser, es handelt sich um eine bewusste Beschimpfung. Sie grenzen sich mit ihrer eigenen, zum Teil grobschlächtigen Sprache von jener der Erwachsenenwelt ab. «Ich erlebe heute, dass Kinder und Jugendliche die Fähigkeit haben, unterschiedlich zu sprechen - je nach Zusammenhang und Umfeld. So pflegen sie zum Beispiel eine Schulsprache, eine Sprache im Umgang mit Erwachsenen oder dann die sogenannte Jugendsprache, wenn sie unter Gleichaltrigen kommunizieren», berichtet Ron Halbright vom «National Coalition Building Institute» NCBI Schweiz, das sich unter anderem für Gewaltpräventionsprojekte wie Peacemaker an Schulen einsetzt. Vor allem die Alltagssprache der Jugendlichen eckt bei vielen Erwachsenen an, weil sie alles andere als gepflegt und mit Gewalt- sowie sexualisierten Ausdrücken besetzt ist. Dies sei eine eher neuere Tendenz, stellt Ron Halbright fest, die unter anderem das Ziel verfolge, starke Emotionen durch das Sprechen zu erzeugen.

Einflüsse aus der Musik und Erwachsenenwelt
Woher kommt dieser Trend zu einer -Jugendsprache, die mit beleidigenden Gewalt- und Sexualausdrücken provoziert? Die Jugendsprache ist heute stark geprägt von den Musikrichtungen Rap und Hip-Hop, die als eigentliche Transportmittel der Jugendsprache funktionieren. Manche Rapper zeichnen sich durch kurze Sätze, gebrochene Reime sowie eine krasse, sexistische Wortwahl aus. Nicht selten wird in den Videos dieser Musiker sexuelle oder körperliche Gewalt verherrlicht. «Solche Bilder von Gewalt werden aber auch in den Medien vorgelebt. Und sogar die Politik bläst ins gleiche Horn, indem sie zum Beispiel Plakate mit schwarzen  Schafen aufhängen lässt. Solche Ausgrenzungsplakate werden von den Kindern schon im Kindergarten verstanden», kritisiert Ron Halbright. In diesem Sinne sei auch die Sprache der Erwachsenen gröber geworden, indem heute beispielsweise  Ausdrücke wie «Scheisse» oder «Shit» schon beinahe salonfähig sind. Als weiteren Punkt für diese Tendenzen in der Jugendsprache nennt Ron Halbright die sexualisierte Gesellschaft, in der die Kinder schon im ersten Schuljahr mit Themen aus der Sexualität konfrontiert werden. «Die Schmerzgrenze bei Gewalt- und Sexualausdrücken hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr unter die Gürtellinie verschoben. War in den 60er-Jahren der erhobene Mittelfinger noch eine schwerwiegende Beleidigung, löst dieses Symbol heute weniger Aufsehen aus.»

Beleidigung als Zeichen der Sympathie
Jugendsprache hat oftmals eine Eigendynamik, die von Erwachsenen nicht oder falsch verstanden wird. Laut Ron Halbright muss zum Beispiel unterschieden werden, ob eine grobschlächtige Sprache unter Freunden oder unter Feinden verwendet wird. «Für Erwachsene ist es oft verwirrend, wenn Jungs untereinander eine solche auf den ersten Blick beleidigende Sprache sprechen. Dabei deuten sie mit dieser Sprache nur an, dass sie sich im Grunde genommen sympathisch sind. Beleidigungen werden in solchen Fällen nicht ernst genommen. Würden sie ihre Sympathie mit anderen Worten ausdrücken, laufen sie Gefahr, als schwul bezeichnet zu werden.» Werden solche beleidigenden Ausdrücke dagegen unter Feinden ausgesprochen, kann die Situation indes schnell eskalieren. Im Gegensatz zu den Jungs pflegen Mädchen diese grobschlächtige Sprache meist nicht so ausgeprägt, stellt Ron Halbright fest.

Klare Regeln aufstellen
Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagie-ren, wenn ihre Kinder bzw. Schüler mit Beleidigungen und anderen Kraftausdrücken um sich werfen? «Erwachsene haben die Pflicht, ihren Kindern zu zeigen, welche Sprache an welchem Ort angemessen ist», empfiehlt Ron Halbright. «Die meisten Kinder verstehen das relativ schnell.» Auch wenn beleidigende Ausdrücke gerade zu Hause oder in der Schule fehl am Platz sind, sollen gewisse Formulierungen erlaubt sein. Eine Kraftwort-Skala, die Ron Halbright gerne an Elternabenden erstellt, soll den Kindern und Jugendlichen zeigen, welche Wörter über oder unter der Gürtellinie liegen. Gleichzeitig sollte man gemäss Ron Halbright jedoch bedenken, dass man auch ohne Kraftausdrücke genauso beleidigend und verletzend kommunizieren kann; dazu gehören zum Beispiel Äusserungen wie «du bist genau wie dein Bruder» oder «aus dir wird nie etwas».

Die schlimmen Ausdrücke gingen in Rauch auf! Wie erlebt ein junger Primarlehrer die Sprachkommunikation in seiner Klasse? Der 32-jährige Marc Schumacher, Lehrer einer fünften Klasse, berichtet über seine Erfahrungen.
«Ich erlebe in meiner Klasse immer wieder, dass vor allem die Buben Gewaltausdrücke und sexualisierte Wörter verwenden», berichtet der Primarlehrer aus dem Raum Zürich. Auffällig dabei sei, dass mehrheitlich ausländische Kinder diese Wörter benutzen. Die Gründe dafür sieht Marc Schumacher einerseits beim Wortschatz, der bei ausländischen Schülern meist weniger umfangreich ist wie bei Kindern mit Deutsch als Muttersprache; andererseits verschaffen sich die Kinder mit solchen Begriffen Aufmerksamkeit und merken, dass sie mit ihrer Sprache etwas bewirken. Dieser Effekt entgeht natürlich auch den anderen Kindern nicht, die sich dann häufig als Nachahmer versuchen. «Ich erlebe dann immer wieder, wie die Eltern überrascht sind, wenn ihr Kind zu Hause plötzlich mit Begriffen dieser Art spricht. So kam es zum Beispiel vor, dass ein Junge das Wort Schlampe in der Schule aufgegriffen hat und zu Hause seine Schwester so nannte, ohne genau zu wissen, was es bedeutet», erzählt Marc Schumacher. Dieser ist überzeugt, dass auch die Medien einen bedeutenden Teil zu dieser Tendenz in der Kinder- und Jugendsprache beitragen. «Zu Hause schauen sich gewisse Schüler Filme an, für die sie noch zu jung sind. Dann schnappen sie gewisse Ausdrücke darin auf und verbreiten sie in der Schule.»

Schüler sollen die Ausdrücke erklären
Wie reagiert Marc Schumacher, wenn in seiner Klasse mit Gewalt- oder sexualisierten Worten gesprochen wird? «Ich spreche die Schüler auf diese Begriffe an und sage ihnen, dass ich diese Wörter nicht mehr hören will. Besonders bei Ausdrücken aus der Sexualität hake ich bewusst nach und fordere den Schüler auf, mir das Wort zu erklären. Den einen ist das peinlich, andere nehmen es locker. Am Schluss frage ich sie dann, ob dieses Wort mit der entsprechenden Situation, wo es benutzt wurde, etwas zu tun hat. Gemeinsam suchen wir dann nach einem anderen Wort, das besser passt.» Um diesen Ausdrücken den Garaus zu machen, liess Marc Schumacher während des Unterrichts alle schlimmen Wörter auf Zettel schreiben. Diese landeten dann in einem Eimer, wo sie angezündet und somit symbolisch verbannt wurden.

Sprachlicher Rückschlag
Allgemein beobachtet der Primarlehrer, wie die Sprachfähigkeit bei den Kindern heute abgenommen hat. «Ich sehe hier einen direkten Zusammenhang mit den elektronischen Kommunikationsmitteln wie E-Mail oder SMS, wo alles schnell gehen muss und abgekürzt wird. Ich persönlich erlebe dies als sprachlichen Rückschlag. Die Kinder wissen heute oft nicht mehr, wie man einen Brief schreibt.» Aus diesem Grund legt Marc Schumacher, der selber eine Medienausbildung absolviert hat, Wert auf regelmässige Schreib- und Wortschatzübungen. Weil heute schon Primarschüler mit zum Teil bis zu drei Sprachen konfrontiert sind, seien viele schon mit der eigenen Muttersprache überfordert.

Mehr Infos:
ncbi.ch
jugendsprache.ch



Kidy swissfamily: Oktober/2010

Quelle/Text: Fabrice Müller


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