Haltung bewahren
Heinrich Hoffmanns Zappelphilipp hatte recht: Stillsitzen ist ungesund und gilt für Gross und Klein genauso. Um Rückenschäden möglichst vorzubeugen, sollten Eltern die Haltung ihrer Sprösslinge stets im Blick behalten.
Die meisten Kinder kommen mit gesundem Rücken zur Welt. Die körperliche Entwicklung verläuft in den ersten Lebensmonaten planmässig, solange dem Baby volle Bewegungsfreiheit gewährt wird. Daher rät der Arzt und Bewegungsforscher Dr. med. Christian Larsen von Stützsitzen, Gehhilfen und Wippen ab: «Wer seinen Nachwuchs in solchen Geräten "einparkt", staucht den kindlichen Rücken und schadet der gesamten Entwicklung.»Die Haltung ihrer Sprösslinge sollten Eltern stets im Blick behalten. «Äffchenstand» und O-Beine sind bei Zweijährigen so normal wie X-Beine und Hohlkreuz bei Vierjährigen. Mit dem Zahnwechsel geht die körperliche Streckung des Kindes einher. Das Becken richtet sich auf, der Kopf wird zum Körper verhältnismässig kleiner. «Beobachten Sie an Ihrem Kind dann immer noch Knickfüsse oder ein Hohlkreuz, so ist es höchste Zeit zu reagieren», sagt Dr. Larsen. In der Pubertät schiessen die Kinder in die Länge, erhöhtes Körpergewicht und neue Körperlänge bringen Statik und Dynamik durcheinander. Dazu kommt, dass Coolness und Abhängen, im wahrsten Wortsinn, angesagt sind. Hier heisst es, das natürliche «Stützkorsett» bei Bedarf gezielt zu stärken, um langfristigen Schäden und Beschwerden vorzubeugen. Wichtig: Eltern sollten den natürlichen Bewegungsdrang ihrer Kinder unterstützen. Und gegebenenfalls motivierend eingreifen, wenn ihr Nachwuchs eher zu den Bewegungsmuffeln gehört.
Rückenleiden nehmen deutlich zu
Rund zwanzig Stunden pro Woche verbringt ein Kind «stillsitzend» in der Schule. Zählt man den Zeitaufwand für Hausaufgaben, Lesen und die vor dem Computer verbrachte Freizeit hinzu, so sind heute sogar die Sechs- bis Zwölfjährigen bereits unter die «Vollzeit-Büromenschen» zu rechnen. Dass durch häufiges und falsches Sitzen Rücken- und Nackenbeschwerden, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen verursacht werden, ist eine anerkannte Tatsache. Ganze Generationen sassen ihren Rücken krumm - und dies nicht nur unter der Last harter Arbeit, sondern vor allem durch eine schlechte Haltung. Zum Beispiel weil sie über lange Jahre wie Gipfel über dem Pult hingen. Oder weil sie sich zu wenig aktiv und rückenfreundlich bewegten.
Das hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Immer mehr Menschen sitzen täglich über Stunden in Büros, erledigen Bildschirmarbeit, fahren viel Auto, versuchen sich abends halb sitzend, halb liegend vor dem Fernseher zu erholen, schlafen anschliessend gekrümmt in einem zu harten oder zu weichen Bett. Kein Wunder, leiden auch in der Schweiz unzählige Menschen an den gesundheitlichen Folgen von Haltungsschäden. Die Kosten dafür belasten das Gesundheitswesen und unsere Wirtschaft massiv, laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gemäss Studie 09/2009 mit 4 Milliarden jährlich! «Kinder sind noch weit betroffener als Erwachsene, weil stundenlanges Sitzen sie zu einem Zeitpunkt trifft, zu dem entscheidende, wachstums- und reifungsbedingte Veränderungen des Muskel-, Skelett- und Nervensystems ihre Entwicklung prägen», warnen Fachleute. Nach jüngsten Untersuchungen weist bereits jedes dritte Kind Haltungsschäden und Rückenschmerzen auf, die darauf zurückzuführen sind, dass viele Schülerinnen und Schüler immer noch an Tisch-Stuhl-Kombinationen arbeiten müssen, die nicht -optimal sind. Sogar an ergonomisch gutem Mobiliar können Kinder nur dann gut sitzen, wenn das Pult und der Stuhl der Körpergrösse entsprechend eingestellt sind. Pulte und Stühle sollten deshalb bei jedem Platzwechsel angepasst und halbjährlich überprüft werden. Es ist wichtig, die Schulkinder in das Anpassen einzubeziehen, das fördert ihre Selbstkompetenz. Ergonomisches Schulmobiliar kann die durch das Sitzen hervorgerufene Belastung des Halte- und Bewegungsapparates nicht grundsätzlich verhindern. Doch ergonomisches Schulmobiliar, dynamische Sitzweisen und alternative Arbeitshaltungen zusammen ergeben optimale Voraussetzungen für die Gesundheitsförderung von Schulkindern. Lehrpersonen sollten die alternativen Sitzformen kennen und zulassen. Und auch die Kinder selbst müssen Wissen über den Körper und seine Funktion haben, um richtiges Sitzen anzuwenden und in Selbstverantwortung zu handeln. Selbstverständlich sollte auch zu Hause ein optimaler, das heisst ergo-nomisch ausgerichteter Arbeitsplatz zur Verfügung stehen.
Was heisst «kindgerechtes Mobiliar»?
Zu den Mindestanforderungen an kindgerechtes Mobiliar zählt beim Stuhl eine stufenlose und bedienerfreundliche Höhenverstellbarkeit von Rückenlehnen und Sitztiefe. Und die Arbeitsplatte des Tisches sollte in Höhe und Neigungswinkel bis hin zu 16 Grad variabel sein. Erwiesen ist: Horizontale Arbeitsplatten verführen das Kind dazu, krumm nach vorn gebeugt «mit der Nase» zu schreiben. Und dies schädigt keinesfalls nur die Wirbelsäule, sondern behindert auch Blutzirkulation und Sauerstoffgewinn. Für die richtige Sitzposition beim Lesen empfehlen Fachleute einen Neigungswinkel von etwa 30 Grad. Mit dieser aufrechten Kopf- und Rumpfhaltung lassen sich Kopf- und Rückenschmerzen meist vermeiden. Schreibarbeiten sollten bei einer Tischschräge von 15 Grad ausgeübt werden, weil in dieser Position die Arme entspannt auf der Tischplatte liegen können und der Oberkörper gerade gestreckt bleibt.
Spezialisierte Mediziner haben längst erkannt: Wilhelm Buschs Zappelphilipp bewies weit mehr gesunden Instinkt als seine strengen Mahner. Zappelphilipp hatte völlig recht: Stillsitzen ist ungesund. Deshalb kippte und wippte er mit seinem Stuhl hin und her. Er hat damit das sogenannt «dynamische» Sitzen erfunden. Und alle Kinder, die auf einem normalen Stuhl zu wippen anfangen, machen intuitiv das Richtige. Bei diesem «dynamischaktiven» Sitzen wird mit dem wechselnden Körperschwerpunkt gewährleistet, dass alternierend verschiedene Muskelgruppen aktiviert werden. Dadurch wird übrigens nicht nur die Wirbelsäule gekräftigt, sondern auch die Blutversorgung des Nervensystems optimiert. Die alte Lehrerweisheit, wonach «Stillsitzen» die Konzentration fördert, stimmt nach heutiger Erkenntnis der Ergonomen folglich nicht. Ganz im Gegenteil! Gerade beim kindlichen Körper, der für seine Entwicklung eigentlich viel Bewegung bräuchte, in diesem Punkt aber um der Schulbildung willen zurückstecken muss, sollte der Stuhl also so beschaffen sein, dass er unterschiedliche Sitzhaltungen nicht nur ermöglicht, sondern unterstützt.
Bewegung in der Schulstunde
Gute Stühle und Tische allein genügen jedoch nicht, um Haltungsschäden vorzubeugen. Angesagt ist Bewegung. Bewegung nicht nur in der Freizeit, Bewegung auch während des lernenden, schöpferischen oder verwaltenden Tuns. Die Regel «Stillsitzen» ist überholt. Sitzen, stehen und zwischendurch gehen, das empfehlen die Spezialisten. Der in den Büros Erwachsener zum Teil schon realisierte Wechsel von Sitzen und Stehen bei der Arbeit sollte in den Schulen ebenfalls umgesetzt werden: «Um Schülerinnen und Schülern das stundenlange "Sitzenbleiberdasein" zu ersparen, können Gruppenarbeiten auch einmal im Liegen, zum Beispiel auf Matten, gemacht und Lockerungsübungen in den Unterricht eingebaut werden», schlägt Pieter Keulen, Sportarzt und Initiant des Schulprojektes Fit@School vor. «Und damit auch in die langen Pausen Bewegung kommt, wünsche ich mir, dass in jedem Schulhaus einfache Spielgeräte oder Bälle zur Verfügung stehen würden.»
Weitere Infos:
rueckenforum.ch
fitatschool.com
Kidy swissfamily: Juni/2010
Quelle/Text: Christina Bösiger
Verwandte Adressen
- Spielgruppe Regenbogen, Juliane Mattmann
- Spielgruppe Hokus Pokus, Therese Ryf5102 Rupperswil
- Kinderspielgruppen Zwergen-Wekstatt4051 Basel
- Spielgruppe Windredli3018 Bern
- Musikschule Egnach9315 Neukirch
6300 Zug
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