Kluge Köpfe surfen mit Vorsicht

Ob zu Hause oder in der Schule - das Internet gehört zum Alltag von Kindern. Sie surfen, chatten, bloggen und laden sich Bilder, Musik oder Klingeltöne herunter. Aber sind sie sich wirklich der Risiken bewusst?
Die Antwort darauf gleich vorneweg: In der Regel nicht! Denn technische
Geschicklichkeit ist längst noch kein Synonym für Sicherheit. Medienkompetenz heisst das Zauberwort. Die müssen Kinder erst erwerben. Unterstützen sollen die Eltern und die Schule. Kein Kinderspiel, weiss die Stiftung Kinderschutz Schweiz und will gemeinsam mit der Organisation Action Innocence Hand -bieten: Mit netcity, einer mobilen Präventionskampagne, die Spass durch mehr Sicherheit beim Surfen verspricht.

«Ich hab nur kurz mit dem Luca gechattet» und «Hab grad keine Zeit, muss noch fertig bloggen.» Kennen Sie Sätze wie diese? Glückwunsch, dann gehören Sie immerhin zu den Eltern, deren Kinder darüber sprechen, was sie im Internet gerade treiben. Wenn Sie dann auch noch verstehen, was Ihre Kinder mit Begriffen wie «bloggen» und «surfen» meinen, sind Sie auf der Höhe Ihrer Zeit. Die Regel ist das eher nicht. Meist wissen Eltern nur wenig Bescheid über das, was ihre Kinder wann, wo und vor allem wie im Internet treiben. Dahinter steckt häufig nicht Ignoranz oder schnödes Desinteresse. Der Grund liegt ganz woanders: «Vielen Erwachsenen ist das Netz einfach fremder als den Kindern und Jugendlichen der Gegenwart», erklärt Ronja Tschümperlin, Expertin für Jugendmedienschutz der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Während sich die Erwachsenen den Umgang mit dem Internet erst aneignen mussten, um sich danach nicht selten auf den Arbeitsgebrauch, auf Surfen, Mailen und Onlineshopping zu beschränken, wachsen Kinder ganz selbstverständlich mit der Breite all seiner nahezu unbegrenzten Möglichkeiten für Alltag, Schule und Freizeit auf. Sie verbringen ihre Freizeit in und mit den neuen Medien, sie lernen mit ihnen und orientieren sich an ihnen.Verbote sind unrealistisch Grenzenloses kommunizieren in Online-Communities, Chats oder via Instant Messenger ist dabei mit das stärkste Motiv der Jugend im Netz. Und das beginnt schon in frühen Jahren. Studien aus Deutschland aus dem Jahre 2006 zeigen, dass bereits damals ein Viertel der befragten 6 bis 7-Jährigen das Internet regelmässig nutzten. In der Altergruppe der 10 bis 11-Jährigen stieg der Anteil der konstanten Nutzer und Nutzerinnen -bereits auf 80 Prozent. Bei den 12 bis 13-Jährigen war nahezu jedes Kind im Netz präsent - im Schnitt zwei Stunden pro Tag und bemerkenswerterweise dann, wenn es alleine zu Hause ist, wie eine weitere, im vergangenen Jahr publizierte deutsche Studie skizziert.

Nicht positiv beeinflussen oder kontrollieren zu können, was ihren Kindern im Netz begegnet, macht vielen Eltern Sorgen. Verständlicherweise, wie Ronja Tschümperlin betont. Das Surfen auf der Datenautobahn berge - neben all seinen positiven Aspekten - Risiken und Gefahren, besonders für Kinder und Jugendliche. Die unkontrollierte Verbreitung von persönlichen Daten und Bildern, sexuell motivierte Anfragen, Beleidigungen und Belästigungen jedweder Art, gefährliche Treffen mit Internetbekanntschaften oder Schuldenfallen sind nur einige davon. Das Internet als Erlebnisraum, Wissens- und Informationsdrehscheibe deshalb verbieten? Für die Expertin kein gangbarer Weg. «Kinder und Jugendliche haben das Bedürfnis, sich im Netz, das ja zu ihrer Welt gehört, mit allen Facetten ihres Lebens mitzuteilen. Und sie haben laut UN-Kinderrechtskonvention das Recht auf Information und auf Privatsphäre». Wichtig sei hingegen ein kritischer Geist und die nötige Vorsicht im Umfang mit Informationen. «Wir - die Kinder, aber auch die Erwachsenen - müssen uns der Risiken bewusst sein und mögliche Handlungsstrategien zur Verfügung haben, um auf allfällige Gefahren wie diese reagieren zu können.»

Das Zauberwort heisst Medienkompetenz
Der Schlüssel zu einem sichereren Umgang mit dem Internet heisst Medienkompetenz. Und Medienkompetenz will gelernt sein, denn sie umfasst weit mehr als nur das Wissen um technische Hilfsmittel wie Filter, Kinderschutzprogramme und Zugangsregulierungen, die einen wichtigen, aber ebenfalls nur begrenzten Schutz gewährleisten. Sie umfasst mehr als nur die technische Fertigkeit im Umgang mit den Medien und einzelnen Anwendungen. Medienkompetenz beschreibt die Fähigkeit einer kompetenten, reflektierten, sinnvollen, selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Nutzung des Internets sowie dessen Medieninhalten. «Sie bringt mehr als Verbote, denn sie macht Kinder fit fürs Netz, anstatt sie aus der Realität und den Möglichkeiten der Informationsgesellschaft auszuschliessen», ist Ronja Tschümperlin überzeugt.

Die Vermittlung solcher Medienkompetenz ist für viele Erwachsene, seien dies Eltern oder Lehrpersonen, eine Herausforderung. Für Nadia Garcia von elternet.ch liegt dies auch an den unterschiedlichen Erfahrungen mit dem www: «Viele Eltern kennen Online-Games nur vom Hörensagen und haben kaum je einen Fuss in eine Social Community gesetzt, die zum Lieblingsspielplatz ihrer Kinder gehört. Um Kinder und Jugendliche jedoch darin unterstützen zu können, sich die nötigen Kompetenzen für interaktive Kommunikationsprozesse, Dechiffrierung medialer Symbolwelten oder Verarbeitung von Informationen anzueignen, müssen sich Eltern mit der Mediennutzung ihrer Kinder auseinandersetzen und selbst über eine beträchtliche Medienkompetenz verfügen oder wissen, wo sie sich die entsprechenden Informationen beschaffen können.

«kampagne-netcity.org» zur Prävention der Gefahren im Internet
Eine jetzt lancierte Kampagne der Stiftung Kinderschutz Schweiz und der Organisation Action Innocence will nun vor allem Lehrpersonen, aber auch Eltern darin unter-stützen, Kindern einen möglichst sicheren Umgang mit dem Internet zu vermitteln. Herzstücke der Kampagne sind das Onlinespiel netcity.org für 9 bis 12-Jährige und der dazugehörige Kampagnen-bus. Rund 400 Tage lang soll dieser in der ganzen Schweiz an Schulen, Messen und Ausstellungen haltmachen und, ausgerüstet mit Notebooks, Kindern die Möglichkeit bieten, das Präventionsspiel im Rahmen eines 90 Minuten dauernden Lernmoduls zu erforschen und dessen Botschaften zu erlernen. Speziell ausgebildete Animateurinnen und Animateure betreuen die Kinder dabei im Bus. Unterstützt werden sie von UBS-Lernenden, die im Rahmen des UBS Employee Volunteering, des Programms für gemeinnützige Freiwilligeneinsätze von Mitarbeitenden, den Kindern bei allfälligen Schwierigkeiten mit dem Computerspiel zur Seite stehen.

Ziel der Kampagne ist es, die Selbständigkeit der Kinder beim Schutz vor Internetgefahren anzusprechen. Gleichzeitig soll der Dialog zwischen Eltern und Kindern zum Thema Umgang mit dem Internet gefördert und Lehrpersonen ein unterhaltsames Lehrmittel zur Prävention der Gefahren im Internet an die Hand gegeben werden. «Um Kindern beizubringen, wie sie am besten von diesem aussergewöhnlichen Werkzeug Internet profitieren können und ihnen gleichzeitig zu helfen, es im Bewusstsein der damit verbundenen Gefahren sicher zu handhaben, schien es uns am Erfolg versprechendsten, dass die Betroffenen selber das Ziel und den Sinn der zu beachtenden Regeln verstehen. Was würde sich dazu besser eignen, als das Werkzeug selber - und das auf spielerische Weise!», erläutert Tiziana Bellucci, Geschäftsleiterin von Action Innocence die Grundidee des Online-Spiels.

Schulen, die den Kampagnenbus gerne bei sich haben und vom Lernmodul netcity profitieren möchten, können sich ab sofort dafür anmelden. Auf der Projektwebsite kampagne-netcity.org stehen Informationen und eine Online-Anmeldung zur Verfügung. «Wir hoffen, dass viele Schulen auf unser niederschwelliges Angebot zurückgreifen und die Kinder darin unterstützen, fit fürs Internet zu werden», sagt Miriam Lüthold, Projektkoordinatorin bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Und wenn denn auch noch die einen oder anderen Väter und Mütter auf netcity.org mit ihren eigenen Avataren auf Wissensjagd gehen - umso besser. Denn: Kluge Köpfe, ob jung oder alt, surfen mit Vorsicht!

Ratschläge für Eltern So können Sie Ihre Kinder bei der Nutzung und der Entdeckung des Internets begleiten: 

  • Installieren Sie den an das Internet angeschlossenen Computer in einem gemeinsam genutzten Raum oder vereinbaren Sie, dass die Tür zum Zimmer stets offen bleibt beim Surfen.
  • Stellen Sie Nutzungsgrenzen und Nutzungsregeln auf. 
  • Zeigen Sie Interesse für die verschiedenen Aktivitäten, die von Ihren Kindern geschätzt werden.
  • Machen Sie die Kinder darauf aufmerksam, dass das Internet ein öffentlicher Raum ist. Es greifen gesetzliche Bestimmungen und alle veröffentlichten Informationen sind für jedermann zugänglich.
  • Beharren Sie auf den Gefahren einer Verabredung mit einem Unbekannten, dem die Kinder im Internet begegnet sind.
  • Helfen Sie Ihren Kindern, ihren kritischen Verstand im Umgang mit dem Internet zu schärfen.

Links zum Thema:
kinderschutz.ch
kampagne-netcity.org  
actioninnocence.ch
netcity.org
elternet.ch
swisscom.ch

Kidy swissfamily: Juni/2010

Quelle/Text: Cordula Sanwald