Lernerfolge aus eigener Kraft

Jedes Kind lernt anders. Mit Hilfe von selbstgesteuertem Lernen haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, ein Thema individuell zu erfahren und zu erarbeiten. Was bedeutet dies für die Eltern?
Draussen vor dem Kindergarten stehen eine Plastikbox, die zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt ist, und zahlreiche Gegenstände. Zwei vier- und zwei fünfjährige Jungen probieren die Gegenstände im Wasser aus. Rechts neben dem Becken sitzt Lisa in Hockstellung neben dem Becken. Sie schaut aufmerksam zu, als die Jungen verschiedene Gegenstände ins Wasser legen und sich dabei austauschen: «Der Nagel ist untergegangen -probieren wirs mal mit dem Stein!» Lisa steht auf, geht um die Jungen herum an die hintere Seite des Beckens, zeigt dann auf einen Gegenstand im Wasser: «Guck!» Sie geht in die Hocke, die Hände am Beckenrand: «Und das hier geht nicht unter. Und der Deckel geht auch nicht unter.» Sinn dieser Übung ist, dass die Kinder vor dem Tun überlegen, ob etwas untergeht oder nicht. Die Kinder teilen die Lust zu spielen, die Spannung des Ausprobierens, die Neugierde, Wachheit und Aufmerksamkeit. Auf diese Weise erfahren und lernen sie das Verhalten von verschiedenen Gegenständen im Wasser durch ihr eigenes Tun -auch selbstgesteuertes Lernen genannt.

Selbstständig und autonom
Das traditionelle Grundmuster in der Schule basiert nach wie vor auf dem Grundgedanken, dass die Kinder und Jugendlichen von aussen gesteuert werden müssen. Um Wissen zu vermitteln, übernehmen die Lehrpersonen den aktiven Teil, die Schülerinnen und Schüler eher den passiven. «Das selbstgesteuerte Lernen dagegen steht für eine Lernform, in der die Kinder mehr oder weniger selbstständig und autonom den Schulstoff erarbeiten und lernen», sagt Helga Hotz, Berufs und Laufbahnberaterin sowie Kursleitern für Lerntechnikkurse unter anderem für verschiedene Sektionen von Schule und Elternhaus. «Das Kind entscheidet, wann, wo, wie lange und mit welchen Hilfsmitteln es lernt. So kann es den Schulstoff nach seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten erarbeiten.» Ein rein selbstgesteuertes Lernen sei jedoch selten; viel häufiger wird mit einer Mischung aus fremd- und selbstgesteuerten Lernmethoden gearbeitet. Dabei übernimmt die Lehrperson die Rolle der Moderation. «Diese Rolle können zu Hause auch die Eltern übernehmen, wenn sie ihren Kindern bei den Hausaufgaben und der Prüfungsvorbereitung helfen», erklärt Helga Hotz.

Prozessbegleitung durch die Eltern
Wie sollen die Eltern dabei vorgehen? Zuerst können die Eltern ihren Kindern eine niederschwellige Hilfe anbieten, die dann nach Bedarf gesteigert werden kann. «Sinn dieser Prozessbegleitung ist es, den Kindern nur so viel Hilfe wie nötig anzubieten. Es gilt jedoch, stets ein klares Ziel vor Augen zu haben.» Wird selbstgesteuertes Lernen nicht optimal begleitet, läuft es Gefahr, zu versanden. Zudem braucht es ein striktes Zeitmanagement, indem man Zeitfenster mit Lerninhalten bildet und immer wieder Zwischenbilanzen zieht. «Eine solche Bilanz sollte stets auf das Kind bezogen sein und nicht den Vergleich mit anderen Kindern anstreben», empfiehlt Helga Hotz. Je jünger ein Kind ist,
desto mehr Begleitung braucht es. Dazu gehört zum Beispiel auch, ihm gewisse Hilfsmittel und Techniken wie zum Beispiel für den Umgang mit Leuchtstiften oder die optimale Bearbeitung eines Textes zu vermitteln. Memorierungstechniken, Lernplakate, Visualisierungen, Besichtigungen, der Einsatz verschiedener Medien oder die Arbeit mit Tonband sind mögliche Hilfsmittel.

Wie Kinder lesen lernen
Viele Lehrpersonen und Eltern wissen: Der Weg, um Lesen zu lernen, ist weit. Nach den schlechten Ergebnissen der PISA-Studien haben die Themen Lesen und Schreiben neue Aufmerksamkeit erfahren. Eine Renaissance erlebt das Erstlesekonzept «Lesen durch Schreiben». Das Modell verbindet drei didaktische Prinzipien zu einem individualisierten und differenzierten Unterricht:
 
  • Die Schülerinnen und Schüler schreiben im ersten Schuljahr. Als Hilfe zur eigenständigen Wortkonstruktion dient ihnen dabei eine Übersicht, auf der Bilder mit den dazugehörenden Anfangsbuchstaben verzeichnet sind.
  • Das lernpsychologische Prinzip des selbstgesteuerten Lernens lässt den -Kindern die Möglichkeit, ihren Weg zum Schriftsprachenerwerb im eigenen Tempo zu gehen. 
  • Zu diesem stark individualisierten Lernprinzip gehört eine offene Unterrichtsform mit Lernangeboten (Pflicht- und Wahlangebote). Für jedes Lernangebot ist ein Kind zuständig. Es muss sein Wissen den -anderen Kameradinnen und Kameraden vermitteln.

Ein solch hohes Mass an Selbststeuerung vom ersten Schultag an soll den Kindern helfen, die für die Berufswelt und das Leben relevanten Fähigkeiten der Eigenverantwortung früh zu schulen.

Lerntyp berücksichtigen
Wie ein Kind am besten lernt, hängt -natürlich von seinem individuellen Lerntyp ab. «Die einen lernen über das Hören und sprechen die französischen Wörter, die sie lernen müssen, auf Tonband. Andere brauchen eine Visualisierung oder wollen das Thema am eigenen Leib erfahren», erläutert Helga Hotz. Besonders in der Oberstufe sei es wichtig, dass die Jugendlichen einen aktiven Umgang mit Wissen pflegen, das Gelernte mit vorhandenem Wissen verknüpfen und eigene Schlussfolgerungen ziehen. «Das Kind soll die Überwachung seines Lernerfolges selber übernehmen, währenddem die Eltern als Moderatoren zur Seite stehen.» Die Motivation zum Lernen sollte von innen kommen, also interimistisch sein, verbunden mit einem Interesse an der Sache und an guten Noten. «Nur, wenn das Kind überzeugt ist, die Aufgaben richtig zu lösen, ist selbstgesteuertes Lernen mit einem Erfolgserlebnis möglich.»

Unterschiede zwischen den Fächern
Nicht alle Fächer eignen sich gleich gut für ein selbstgesteuertes Lernen. So ist Helga Hotz überzeugt, dass sich zum Beispiel gewisse Themen aus der französischen und englischen Grammatik am besten im Frontalunterricht vermitteln lassen; sie können jedoch durch praktische Übungen ergänzt werden. Das gleiche gelte für die Mathematik, wo es nicht ohne eine gewisse Einführung mit Frontalunterricht gehe. Besonders gut eignen sich indes
Fächer wie Geschichte, Geografie oder Biologie für ein selbstgesteuertes Lernen. «Hier können die Kinder über ihr eigenes Handeln, über die Beobachtung und den Austausch untereinander viel lernen. Zudem können sie in diesen Fächern mit Hilfe von Texten ihr Wissen erweitern.» Wird ein Thema alters- und stufengerecht vermittelt, ist ein lustvolles Lernen möglich. Das Kind entdeckt den Reiz am Thema und ist stolz auf seine Arbeit.

Eltern und Lehrpersonen sollten sich mehr austauschen
Neben der Lernmethode kommt der -Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen eine wichtige Bedeutung zu.  In regelmässigen Beurteilungsgesprächen sollten klare, verbindliche Zielvereinbarungen getroffen werden. «Optimal wäre, dass der Austausch häufiger stattfinden könnte. Hier sind in Zukunft Eltern und Lehrpersonen gefordert, gemeinsam die Lernbemühungen der Kinder und Jugendlichen zu unterstützen.» Die Elternorganisation Schule und Elternhaus Schweiz setzt sich seit Jahren für den Dialog zwischen Eltern und Schulen ein und begrüsst solche Beurteilungsgespräche, verbunden mit Zielvereinbarungen. 

Weitere Infos:
schule-elternhaus.ch
gewusst-wie.ch




Kidy swissfamily: Juni/2010

Quelle/Text: Fabrice Müller