Arenadiskussion: Was ist Familienzeit? Sogenannte «Qualitytime»?
Jasmin Hutter, einst die jüngste und wohl bekannteste SVP-Nationalrätin, hat kürzlich alle ihre politischen Ämter niedergelegt. Grund: Sie ist Mutter geworden. Und als solche möchte sie «nie so unverantwortlich sein, den Spross um ihrer Karriere willen morgens schnöde in der Krippe abzuliefern», gibt sie eine Ostschweizer Zeitung im O-Ton wieder. Die St. Galler SVP-Politikerin hat sich gegen den Spagat zwischen Familie und Beruf entschieden, sie will für ihr Kind rund um die Uhr da sein. Andere Mütter sind bestrebt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, und es gibt auch immer mehr Väter, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten.
Wie Andreas Borter vom VäterNetz.ch gegenüber Arena konstatierte, besteht der grösste Teil der «Familienzeit» von Vätern nach wie vor darin, Tag für Tag am Arbeitsplatz zu erscheinen und mit 80 Prozent den Löwenanteil des Familieneinkommens zu erwirtschaften. Andreas Borter rät den Eltern, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welchen «Preis» sie für das von ihnen angestrebte Familienmodell zu zahlen bereit seien. «Die Diskussion über den Preis der gewünschten Familienzeit kommt meines Erachtens oft zu kurz», meint er. «Väter wagen noch viel zu wenig, deutlich zu machen, dass mehr Familienzeit in der Regel mit einer Reduktion des Lebensstandards verbunden ist. Auch sind sie oft sehr zurückhaltend, selber mehr väterliche Präsenz und bei der Partnerin eine höhere Erwerbsbeteiligung einzufordern.»
Egal, welches Modell gelebt werde, es brauche eine eltern- und kinderfreundlichere Gesellschaft, meint Fritz Imhof, der Redaktor für die Schweizerische Stiftung für die Familie, in seiner Stellungnahme. Es brauche Schulen, die mit Eltern zusammenarbeiten, familienfreundliche Arbeitgeber und den Staat, der familienergänzende Strukturen anbiete. Erst dann können Eltern über Familienzeit nachdenken und ihre Familienmodelle frei wählen.
Die folgenden Stellungnahmen zum Thema Familienzeit zeigen ein breites Spektrum von entsprechen den Lösungsansätzen und Ideen. Und sie geben Eltern, die ihre Situation als unbefriedigend empfinden, bedenkenswerte Anstösse.
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Wir gönnen uns als Paar einen freien Abend.
Seit der Geburt unseres Sohnes Merlin im Dezember 2008 teilen sich mein Mann Stephan und ich Erwerbs- und Hausarbeit. Ich arbeite als selbständige Grafikerin rund 60%, Stephan als selbständiger Anwalt gut 70%. Merlin geht zwei Tage in die Krippe, den Rest der Woche betreuen wir ihn persönlich; wenn wir einen grossen Engpass haben, springen ab und zu noch Stephans Eltern ein.
Wenn ich Websites, Erscheinungsbilder oder Kampagnenkonzepte erarbeite, kann ich mir meine Zeit meist recht gut einteilen, da die Kunden hier langfristig planen. Manchmal aber, wenn ich zum Beispiel grössere, kurzfristige Projekte fürs Fernsehen mache, muss ich ganz schön mit meiner Zeit jonglieren. Im letzten Jahr arbeitete ich deshalb öfters nach dem gemeinsamen Abendessen bis tief in die Nacht und zog Freelancer als Aushilfe bei. Das wurde mir bisweilen zu viel. Derzeit bin ich das erste Mal seit gut zwei Jahren beruflich nicht voll ausgelastet. Einerseits geniesse ich diesen Freiraum, gehe liegen gebliebenen Sachen nach, vervollständige Projekte, räume auf oder gönne mir auch mal mehr Freizeit. Andererseits ist es als selbständig Erwerbende auch immer ein bisschen beunruhigend, wenn solche «Löcher» kommen.
Uns ist wichtig, dass wir unseren Sohn persönlich betreuen und er nicht ausschliesslich fremdbetreut wird. Dafür nehmen wir beide gern in Kauf, dass wir beruflich weniger Kapazitäten haben als früher, wobei wir als selbständig Erwerbende beide nach wie vor interessante Projekte betreuen; das wäre möglicherweise als Angestellte anders. Zudem machen wir rund sechs oder sieben Wochen Ferien pro Jahr und gehen seit Kurzem alleine als Paar am Donnerstagabend aus; das sind unsere Luxusinseln, die wir uns gönnen. Vor Kurzem bin ich allein für drei Tage mit einer Freundin nach Paris gefahren und konnte wieder mal so richtig in den Tag hinein leben. Auch mein Mann genoss dieses «Vater/Sohn-Wochenende».
Ich geniesse die Tage mit meinem Sohn sehr. Allerdings könnte ich mir ein Leben ausschliesslich als Familienfrau nicht vorstellen. Ich finde es auch gut, dass Merlin nicht nur Mama-, sondern auch Daddytage hat.
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Familienformen und -strukturen sind weithin Resultat der herrschenden Wirtschaftsstrukturen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Einen wesentlichen Einfluss haben aber - das zeigen die letzten dreissig Jahre - auch die Rollenverständnisse von Mann und Frau.
Im Nachgang der 68er-Bewegung wurde die Familienform zunehmend frei wählbar. Die gesellschaftlichen Konventionen haben sich aufgelöst. Dennoch hat die «bürgerliche Kleinfamilie» mit verheirateten Eltern und Kindern nicht an Attraktivität eingebüsst, obwohl viele daran scheitern oder nicht in der Lage sind, sie überhaupt zu realisieren.
Es ist aber nicht zu bestreiten, dass diese Familienform - insbesondere wenn auch Grosseltern und Verwandte zur erweiterten Familie gehören - Kindern am meisten Sicherheit und Geborgenheit bietet.
Für jede Familie stellt sich die Frage, wie sie sich organisieren will. Insbesondere wenn die berufliche Entwicklung beider Partner mit der Erziehung von Kindern zusammenfällt, ist ein Paar enorm gefordert. Befriedigende Teilzeitmodelle und die oft noch nötige ausserfamiliäre Betreuung zu realisieren, ist sehr aufwendig.
So stellt sich die Frage nach der kinderfreundlichen Gesellschaft neu. Sie muss auch eine elternfreundliche Gesellschaft werden. Arbeitgeber, die einen gesunden Wettbewerb um familienfreundliche Arbeitsmodelle führen. Schulen, denen der gute Kontakt zu den Eltern mit gemeinsam erarbeiteten Zielen und Vereinbarungen wichtig ist. Eine Politik, die gewinnsüchtigen Unternehmern, denen kein Produkt zu schade ist, die Jugend kommerziell und emotional auszubeuten, die nötigen Schranken setzt. Behörden, welche die Erziehungsnot, in der viele Eltern stecken, mit überzeugenden Angeboten beantworten.
Eine Gesellschaft mit schrankenlosen Freiheiten und Optionen erfordert auch Gestaltungswillen und überzeugendes Handeln. Sie muss entgegen herrschender Ideologien ein klares Nein zur grossen Freiheit setzen, wenn Wirtschaftskonzerne Väter oder Mütter, die eine Familie mit Kindern versorgen, wegen «Restrukturierungen» kurzerhand auf die Strasse stellen. Es muss wieder möglich sein, mehr als zwei Kinder zu haben, ohne ständige Existenzsorgen - dafür eine echte Wahlfreiheit im Hinblick auf Familienarbeit und Berufstätigkeit.
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Kinder sind kein Konsumgut, das man neben Auto und Ferienwohnung auch noch hat. Wer den Familienentscheid getroffen hat, muss wissen, dass sich Lebensschwerpunkte, Lebenssinn, Zusammenleben und Beziehungen verändern. Das gleiche Leben wie vorher, einfach zusätzlich mit Kindern, wird den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht und ist verantwortungslos. Familienleben eröffnet neue Horizonte, vermittelt neuen Lebenssinn und ist reich an beglückenden Momenten. Gleichzeitig ist es sehr fordernd oder gar herausfordernd. Wer eine Anpassung an die neue Lebenssituation als Zurückstecken empfindet, ist
nicht reif für eine Familie.
Wir können uns nicht mehr allein auf die traditionellen Familienstrukturen abstützen. Deshalb ist darauf zu achten, dass ein Kind stabile Bezugspersonen hat und das Umfeld seinen Bedürfnissen gerecht wird. Eine alleinerziehende Mutter zum Beispiel kann einem Kind oft die besseren Bedingungen bieten als eine gegen aussen intakt ¬wirkende Familie, die im Innern kaputt ist.
Qualitytime klingt betriebsökonomisch und tönt nach Planung, Leistung und Qualitätssicherung. Ich ziehe den leichter verständlichen Begriff Familienzeit vor. Ein Familienleben muss zwar organisiert, aber nicht durchgeplant sein. Familienzeit heisst Bedürfnisse wahrnehmen, Werte vermitteln, Grenzen setzen, Sorgen austauschen, Fragen beantworten, zusammen sein, sich mit der Umwelt auseinandersetzen - oder eben: Zeit haben. Wenn Eltern sagen, sie hätten zwar sehr wenig Zeit für ihre Kinder, nutzten diese aber dafür sehr intensiv, heisst das übersetzt: «Mir ist klar, dass ich zu wenig Zeit in die Erziehung meiner Kinder investiere.» Die Frage der Familienzeit muss individuell gelöst werden. Staat und Wirtschaft sollen hier aber bei Bedarf wirkungsvolle Unterstützung leisten (Krippenplätze, Tagesstrukturen in Schulen).
Immer mehr Kindern fehlen elementare Verhaltensweisen, wenn sie in die Schule kommen. Diese Basics müssen allen Eltern frühzeitig bekannt sein. Anderseits leidet die Schule genauso wie die Eltern unter den Einflüssen auf die Kinder, die kommerziell motiviert sind. Es war noch nie so nötig, dass sich alle Erziehungspartner zusammenfinden, um einen möglichst grossen gemeinsamen Wertenenner zu suchen, auf dem die Kinder und Jugendlichen erzogen werden. Fazit für alle Beteiligten: Mehr Austausch, mehr gegenseitiges Verständnis, mehr Partnerschaft, mehr Sachlichkeit, mehr Vertrauen.
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Die erste Herausforderung beginnt für Eltern schon bei der Gründung einer Familie. Was für Werte wollen wir vermitteln, was für eine Grundstimmung möchten wir in unserer Familie aufbauen. Was für Rollen haben Vater und Mutter? Wie können sie sich jeder für sich selber während der Familienzeit stärken, wo und wie und in welcher Nische holen Vater und Mutter je für ihre eigene persönliche Weiterentwicklung ausserfamiliäre Anerkennung, nährende Begegnungen? Was auch immer das Paar entscheidet, ob der Vater voll arbeitet, die Mutter daheim bleibt, ob sie sich die berufliche Arbeit und die Familienarbeit teilen, wichtig ist, dass beide Eltern einen stärkenden ausserfamiliären Bereich haben, wo sie auftanken und für sich selber schauen können. Kinder spüren sehr genau, ob ihre Eltern persönlich ausgefüllt sind, eigene Interessen und Freuden für sich auch allein leben können. Kinder lernen so, dass Individualität und sich mit sich selber beschäftigen wichtige Werte sind. Wie auch immer sie sich entscheiden, sie kreieren eine ganz eigene Stimmung und Farbe für die geplante Familie. Dies wären sozusagen die Samen einer Familie, die die Eltern setzen.
Ein sehr wirksames Instrument ist die Familienkonferenz. Ein fest abgemachter Tag, ohne Ausnahme, für ein wöchentliches Zusammenkommen der ganzen
Familie, wo jedes Familienmitglied, wie alt auch immer, gehört und ernst genommen wird. Freuden und Sorgen werden offen mitgeteilt, ohne dass jemand lächerlich gemacht wird. Diese Bereitschaft aller Familienmitglieder, sich gegenseitig mit emotioneller Wärme und Anteilnahme auf einander einzulassen, schafft einen ganz wichtigen Ort des Vertrauens, einen Ort, an dem sich gerade Kinder auch in heiklen Situationen aussprechen können.
Die Familienkonferenz ist ein gutes Mittel, um das Vertrauen in einer Familie zu gründen, zu fördern und zu stärken, auch für schwierige Zeiten danach. Auf
jeden Fall hat eine Familienkonferenz nichts mit Intellektualisieren zu tun, nichts mit Kontrolle und auch nichts mit gut dastehen wollen, sich gut fühlen, sich gut zeigen usw. Ob es gelingt, liegt an jedem Einzelnen, wie ernsthaft er oder sie sich darauf einlässt, wie viel ausgehalten werden kann, wie viel man den anderen in seinem persönlichen Erleben als eigenständige Persönlichkeit respektieren kann. Es geht nicht darum, wie gut man sich fühlt, sondern, wie
echt man sich fühlt.
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Um Qualität zu bieten, braucht es immer auch ein gewisses Mass an Quantität. Manchmal geht dieser Aspekt in der Diskussion um die Qualitätszeit unter. Um die Freuden und Ängste eines Kindes zu erfahren, braucht man Zeit. Zeit, die nicht mit Schuheeinkaufen, Haushalt oder sonstigen Erledigungen gefüllt ist, sondern einfach nur Sofa- oder Kinderzimmer- oder Spielplatzzeit. Zeit, miteinander Geschichten zu erfinden, Zeit, Neuigkeiten auszutauschen. Bei kleineren Kindern kann man das z.B. tun, indem man sie fragt, ob sie Lust auf ein Kaffeekränzchen haben und dann «klatscht und tratscht» man, was es alles an Neuigkeiten im Leben gibt. Das macht Spass, fördert die Kommunikation, das gegenseitige Anteilnehmen und Zuhören und ist sehr ergiebig.
Pro Tag sollte mindestens eine Hauptmahlzeit gemeinsam eingenommen werden. Am Tisch passieren oft sehr wichtige Dinge und Gespräche, auch Erziehungssituationen. Gemeinsame Mahlzeiten sind gesünder, weil man sie weniger hektisch einnimmt und fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch kann man ein Kind auf das bevorstehende Essen vertrösten und ihm sagen, dann seien offene Ohren da. Ein Bedürfnis aufzuschieben und noch etwas warten zu müssen, kann für Kinder ebenfalls ein wichtiger Lernprozess sein, wenn die Auflösung denn auch wirklich wieder stattfindet.
Wir meinen, wir müssten dauernd etwas unternehmen. Doch wir könnten auch einfach nur «wohnen», es gemütlich machen in der Stube, vielleicht eine Matratze in den Wohnraum schleppen und dort in eine Decke eingewickelt eine Familienlesezeit abhalten. Familienzeit muss nicht immer Action bedeuten. Familienzeit kann auch bedeuten, zusammen die Wohnung wieder auf Hochglanz zu putzen und danach den verdienten Putzfrauenlohn in Form
eines feinen Coupes zu geniessen - zu Hause oder auswärts. Spass macht es so oder so! Nicht nur Spass, sondern auch Pflichten sollen in der Familie geteilt werden.
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Zeit ist Geld, sagt man. Doch was ist wichtiger? Als ich meinen Sohn heute fragte, ob er lieber eine Stunde mit mir spielen oder 43 Franken haben möchte, überlegte er eine Weile und meinte dann, dass er schon lieber mit mir spielen würde. Natürlich war ich von seiner Antwort sehr gerührt. Anders sah es aus, als ich ihn mit dem Stundenlohn von Herrn Oswald Grübel, UBS-Chef, in Versuchung brachte: 7017 Franken für eine Stunde spielen? Die Antwort war klar und überlegt hat der Bengel auch nicht lange.
Was aber soll dieses Gedankenspiel? Nun, auch in der Familienpolitik geht es um die Frage: Geld oder Zeit? Soll pro Kind mehr Geld von den Steuern abgezogen werden können oder mehr Fremdbetreuungskosten? Und wenn ja, wie viel? Hat sich einer der Politiker mal überlegt, was mit dem Geld geschieht, das die Eltern einsparen? Zum Beispiel könnte ich als Vater zu meinem Chef sagen: «Für die zweitausend eingesparten Steuerfranken nehme ich zwei Wochen unbezahlten Urlaub, die ich mit meinen Kindern verbringe.»
Und warum sollen Eltern, die ihre Kinder mehr fremdbetreuen lassen, überhaupt mehr entlastet werden? Natürlich gibt es Familien und insbesondere Alleinerziehende, die auf Fremdbetreuung angewiesen sind. Ihnen muss ein umfassendes und günstiges Krippen- und Hortangebot zur Verfügung stehen. Aber mit den 600 Millionen, welche die Steuervergünstigungen für Eltern kosten werden, könnte man auch einen den Müttern gleichberechtigten, 14-wöchigen Vaterschaftsurlaub finanzieren! Dass ein solches Modell bzw. noch viel weitreichendere Modelle funktionieren und auch finanzierbar sind, beweisen unsere nördlichen Nachbarn von Deutschland bis Skandinavien. Denn über die Wichtigkeit einer guten Vater-Kind-Beziehung muss zum Glück nicht mehr diskutiert werden.

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Kidy swissfamily: April/2010
Quelle/Text: Barbara Heuberger
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