Erziehen wie ein Fussballtrainer?!
Motivation und Disziplin spielen im Juniorenfussball eine wichtige Rolle. Juniorentrainer sind Motivatoren und Autoritätspersonen zugleich. Ihre Erfahrungen können auch für die Erziehung im Elternhaus wertvoll sein
Warum spielen Kinder Fussball? Ein europäischer Eliteclub führte einmal eine Befragung unter den jungen Teilnehmern seiner Fussballakademie durch. Wenn Kinder Fussball spielen, tun sie dies vor allem, um Spass zu haben. Man muss ihnen dazu keine zusätzlichen Anreize bieten. Ein Ball und etwas Platz reichen, alles andere organisieren die Kinder ganz von selbst und völlig spontan. Es gefällt ihnen, durch Rennen, Fallen, Aufstehen, Schiessen, Stoppen und Kämpfen in Bewegung zu sein. Darüber hinaus sind sie mit Freunden zusammen, sehen und lernen neue Tricks und verbessern ihre Fähigkeiten, ohne dazu irgendwelche Anleitung zu benötigen. Sie tun alles das aus sich selbst heraus und entwickeln sich daher auch von selbst. Das heisst: Kinder bringen von ganz alleine eine «Prozessorientierung» mit - sie haben Spass an der Beobachtung des eigenen Fortschritts. Kinderfussball ist somit nicht nur Sport, sondern auch Erziehung. Kinder lernen auf dem Platz, Niederlagen zu ertragen, den anderen zu respektieren, Druck auszuhalten und das Zusammenspiel im Team.Juniorentrainer haben einen grossen Einfluss
Häufig stellen Eltern fest, dass ihre Kleinen im Fussballtraining nicht mehr wiederzuerkennen sind. Waren sie zu Hause kaum für etwas zu motivieren, springen sie auf dem grünen Rasen mit Übereifer dem weissen Leder hinterher und gehorchen dem Juniorentrainer, dass man als Eltern neidisch werden muss. «Die F-Junioren mit Jahrgang 2003 bis 2001 wie auch die E-Junioren mit Jahrgang 2000 bis 1999 erleben eine Umstellung in ihrem Leben. Sie gehen zur Schule, werden fremdgesteuert und zunehmend selbstständig. «Gerade im Fussballtraining, das ja von den meisten Kindern freiwillig besucht wird, haben die Juniorentrainer einen grossen Einfluss auf die Kleinen», berichtet Andy Fimian, ehemaliger Super-League- und Nationalspieler, Instruktor beim Schweizerischen Fussballverband und Leiter der Fussballschule Schweiz (FSS). Diese ist eine private Institution mit dem Ziel, im Nachwuchsbereich ein gezieltes Förderprogramm für Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren anzubieten. Pro Jahr besuchen dabei über 300 Kinder die Lehrgänge, Fussballtage und Trainingscamps der FSS. Andy Fimian bildet zudem jährlich im Auftrag des schweizerischen Fussballverbandes sowie der kantonalen Fussballverbände rund 400 Trainer aus und weiter.
Selbstvertrauen und Selbstwertschätzung
Auf dem Fussballplatz treffen verschiedene Kulturen, Ethnien und soziale Schichten aufeinander. Deshalb geht es hier nicht ohne Ordnung und Disziplin, wie Andy Fimian betont. «Wir legen Wert darauf, die Junioren wie Kinder und nicht wie junge Erwachsene zu behandeln. Als Juniorentrainer müssen wir auf die Kinder eingehen und ihre Sprache sprechen. Nicht die Leistung und der Sieg sollen im Vordergrund stehen, sondern die Möglichkeit, dabei zu sein, Spass zu haben sowie die Kinder zu fördern und zu fordern.» Eine wichtige Rolle bei der Motivation spielen das Selbstvertrauen und die Selbstwertschätzung der Kinder. Diese sind sehr empfindlich gegenüber abfälligen Kommentaren. Jedes Kind darf und soll seine Fähigkeiten zeigen und das entsprechende Lob dafür bekommen. Bemühungen der Kinder, etwas leisten zu wollen und das im Training Erlernte umsetzen zu wollen, sind immer positiv zu kommentieren - auch dann, wenn es nicht dem gewünschten Resultat entspricht. Ein Satz wie: «Du musst dich mehr anstrengen» kann von einem Kind überhaupt nicht umgesetzt werden. Ein Kind ist ein Kind - und kein Fussballspieler!
Spass statt Wettbewerb
Aus der Fussballpsychologie weiss man: Wenn Kindern eine Ergebnisorientierung antrainiert wird, hat dies zerstörerische Effekte auf die Motivation und den Spass am Spiel sowie an der Entwicklung. Nicht mehr die eigenen Fortschritte werden beobachtet, sondern die Reaktionen der Erwachsenen auf das eigene Spiel und das erzielte Ergebnis. Die Kinder beginnen, für den Trainer oder die Eltern zu spielen. Wer kennt sie nicht, die Szenen, in denen Eltern lauthals jede Aktion ihrer Kinder auf dem Spielfeld kommentieren, den Schiedsrichter beschimpfen, wenn ihnen Entscheidungen missfallen und den eigenen Sprössling durch ständige Zwischenrufe zu noch besseren Leistungen antreiben. Dabei will der moderne Kinderfussball vor allem eines: Die Freude erhalten - im Spiel und im Training. Den Gedanken vom kindgerechten, mehr auf Spass denn auf Wettbewerb ausgerichteten Fussball versucht der Schweizerische Fussballverband mit Plakaten und Merkkarten an die Eltern heranzutragen.
Auch mal was Verrücktes
«Junge Spieler haben eine bessere Chance, sich zu entwickeln, wenn ein Trainer den Spass und das Lernen in den Vordergrund rückt», so Andy Fimian. Dieser legt grossen Wert auf die analytische und ganzheitliche Gestaltung der Juniorentrainings. Die Trainingseinheiten werden mit spannenden Elementen bereichert. Spezielle Spielformen und polysportive Aktivitäten bringen Abwechslung und fördern die Koordination. «Es darf auch mal etwas Verrücktes sein - zum Beispiel eine Fallrückzieher-Übung auf der grossen Matte. Das lieben die Kinder und macht Spass.» Der Vater von fünf Kindern warnt davor, als Trainer wie auch als Eltern in einen Trott zu verfallen, der den Kindern die Motivation nimmt. Flexibilität und Abwechslung sind deshalb im Fussballtraining wie auch zu Hause unverzichtbar. «Im Sport können die Kinder ihren Kopf leeren und angestaute Energien abbauen. Gleichzeitig bietet ihnen der Sport die Möglichkeit, ihre Batterien aufzuladen.» Natürlich gibt es immer auch Übungen, die weniger beliebt sind; dazu gehört zum Beispiel Joggen. Hier sei der Trainer gefordert, auch das Unbeliebte schmackhaft zu machen. «Man kann die Kinder dazu motivieren, gemeinsam etwas durchzuziehen, auch wenn es sie Überwindung kostet. Manchmal braucht es auch ein Zückerli, um die Kinder wieder zu packen und alle ins Boot zu holen. Als ich mit unseren Junioren bei Regenwetter auf der Strasse Joggen ging, erzählte ich ihnen von meiner Zeit als Nationalspieler. Sie hörten mir gebannt zu und vergassen die Strapazen des Joggens. Am Ende lud ich sie zu einer heissen Schokolade ins Restaurant ein. Zu Hause haben sie ihren Eltern ganz begeistert davon erzählt.»
Autorität bewahren
Als Juniorentrainer wird man von den Kleinen oftmals vergöttert. Umso wichti-ger ist es deshalb, die Autorität zu wahren, sprich, nicht zu persönlich und kumpelhaft aufzutreten, empfiehlt Andy Fimian. «Sonst wird man gefressen. Die Kinder versuchen immer wieder, die Autorität des Juniorentrainers zu untergraben. Dieser muss die richtigen Worte parat haben, um seine Autorität aufzuzeigen und die Junioren gleichzeitig zu motivieren.» Auch wenn es bei einer Juniorenabteilung mit 20 oder mehr Kindern nicht einfach ist, auf alle individuell einzugehen, dürfen nicht alle Kinder gleich angepackt werden. Die einen brauchen Feingefühl und Samthandschuhe, die andern eine härtere Führung. Stets sollten die Kinder nach ihren individuellen Fähigkeiten gefördert und gefordert werden. «Ohne eine schnelle und gute Auffassungsgabe geht es nicht. Juniorentrainer haben die Pflicht, aufmerksam zu sein - auch wenn es beispielsweise ums Thema Kinderschutz geht. Dann gilt es, das Gespräch mit den Eltern zu suchen», erklärt Andy Fimian.
Sport und Schule
Stellen die Eltern fest, dass wegen des Fussballtrainings die Schulleistungen leiden, sollte die Schule selbstverständlich erste Priorität haben. «Stimmen die Schulleistungen nicht, muss das Training reduziert werden. Dies müssen die Eltern ihren Kindern klar kommunizieren», fordert Andy Fimian. Grundsätzlich sei jedoch das Sporttraining ein willkommener Ausgleich zur Schule. Denn meist trage der Sport zu besseren Leistungen in der Schule und später auch im Beruf bei. Aus diesem Grund sollte das Training nicht gestrichen, sondern reduziert werden.
Kidy swissfamily: April/2010
Quelle/Text: Fabrice Müller
Verwandte Adressen
- Spielgruppe Chlötzli
- Spielgruppe Spatzennest4435 Niederdorf
- Musikschule Ybrig8842 Unteriberg
- Zweckverband Musikschule Oberuzwil-Jonschwil9242 Oberuzwil
- Musikschule Alpnach6055 Alpnach Dorf
4704 Niederbipp
Verwandte Artikel
- Strafen in der Erziehung - ein Auslaufmodell?Artikel vom 08.12.2011, 08:04
- Mehr Platz für Gefühle bitte!Artikel vom 02.12.2011, 17:10
- Mit Medienkompetenz ins InternetArtikel vom 22.11.2011, 11:00
- «Mami, du checkst überhaupt nichts!»Artikel vom 17.11.2011, 10:24
- Muss ich denn immer erst laut werden?Artikel vom 07.11.2011, 08:09





