Erziehung - quer durchs Alphabet (A-G)

Kinder sind toll - aber Erziehungsarbeit ist anstrengend und schwierig. Babys ruinieren -Nächte, Kleinkinder beissen anstatt in den Apfel ins Nachbarskind, klauen den Schulkollegen die besten Pokémonkarten, schneiden sich selbst die Haare und die der Schwester gleich dazu.
Kinder grosszuziehen ist Knochenarbeit. Die Zeiten mit drei Fernsehsendern, einer Turnschuhmarke, ohne Globalisierung und Digitalisierung sind längst vorbei. Die Werte der Gesellschaft ändern sich, und wir Eltern jagen den neuen Erziehungswerten ständig hinterher. Es herrscht ein grosses Bedürfnis nach pädagogischem und psychologischem Wissen. Bücher, Ratgeber, Erziehungsberatungsstellen und kurse bieten vielfältige Unterstützung. Oft aber helfen im Alltag auch der gesunde Menschenverstand und eine grosse Portion Humor weiter. Hier ein kleines ABC des gesunden Elternverstands in drei Folgen. Die Folgen zwei und drei lesen sie im Kidy Swissfamily April resp. Juni. Die folgenden Gedanken und Ideen beruhen auf praktischen Erfahrungen von Eltern.

Aggressionen Aggressionen sind bis zu einem gewissen Grad durchaus ein normales Verhalten, welches zur Entwicklung eines Kindes gehört. Die ständigen Streitereien zerren aber mächtig an den Nerven. Und Grund für Streit gibts in Hülle und Fülle: Wer darf den Bagger haben? Wer soll der Bestimmer sein? Wer ist die beste Freundin? Wer darf mitspielen? Schon der Gedanke an alle möglichen Konfliktherde lässt erschöpft zusammenbrechen.

Streitereien unter Kindern auszuhalten ist ganz schwierig. Schreiten Sie trotzdem nicht immer und sofort ein - vielleicht können die Kinder den Zwist selber regeln. Wenn nicht, machen Sie Vorschläge, wie eine befriedigende Lösung für alle gefunden werden kann. Bei unangebrachten Aggressionen, also Tätlichkeiten,  müssen Sie allerdings konsequent handeln und diese unterbinden. Nur so können Kinder auch lernen, ihre eigene Wut einzuschätzen und richtig zu dosieren. Die wichtigsten Regeln: Nicht mit Gegenständen aufeinander eindreschen oder mit ihnen werfen. Nicht auf Kleinere und Schwächere losgehen. Nicht zu mehreren gegen einen vorgehen. Gefühle sind erlaubt, Gemeinheiten tabu.

Und: Es bricht einem auch kein Zacken aus der Krone, wenn man mal nachgibt. Ein ehrenhafter Friedensschluss ist immer möglich. Ein guter Streit endet mit Einigung, nicht mit Sieg und Niederlage.

Alle andern dürfen auch! Colafröschli zum Znüni, mit elf auf eine Party ins Nachbarsdorf bis um Mitternacht - alle andern dürfen, nur Ihre Tochter, nur Ihr Sohn mal wieder nicht. Egal, um welches Thema es geht - Computer, Fernsehen, Ausgehzeiten, Taschengeld oder Schule -, irgendwie gibt es keine verbindlichen Regeln (mehr). So sind Eltern heute gefordert, eigene Regeln mit ihren Kindern auszuhandeln. Heute umso schwieriger, weil sich immer mehr Fragen stellen und immer mehr Kinder schlichtweg alles dürfen.

Totalverbote und totale Freiheiten sind wohl die einfachsten Wege, die man beschreiten kann. Ungleich mühseliger sind Abmachungen, Kompromisse, die dann erst noch eingehalten, sprich von den Eltern «überwacht» werden müssen. Aber: Es lohnt sich, denn die Kinder lernen, selbst mit der Verantwortung umzugehen. Weshalb also nicht festlegen, dass die Kinder einmal in der Woche Süssigkeiten, Salzfischli, Kuchen zum Znüni mitnehmen dürfen? Und dann pickelhart daran arbeiten, dass es wirklich einmal in der Woche bleibt und sich daran freuen, wenn es plötzlich kein Thema, kein Bedarf mehr ist.

Eltern stehen immer vor der besonderen Herausforderung, eine gute Balance zwischen Loslassen und Haltgeben zu finden. Und die Kunst ist dabei, bei diesem Balanceakt ein altersgemässes und angemessenes Mass zu finden. Stehen Sie zu Ihrer Meinung und zu Ihrem Weg - auch wenn Sie sich mal unbeliebt machen. Aber nehmen Sie sich die Mühe, auch auf die Wünsche Ihrer Kinder einzugehen.
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Angst «Ich kann nicht einschlafen!», «Mama, da ist was im Schrank!», «Da war ein komisches Geräusch!» Eltern mit Kindern um das Kindergartenalter herum kommen solche und ähnliche Sätze in den Abendstunden ganz bestimmt bekannt vor.

Es ist wichtig, diese Ängste ernst zu nehmen und das Kind nicht mit einem «Gespenster gibts doch gar nicht!» abzuspeisen. Ein Nachtlicht kann helfen, dem Dunkel das geheimnisvolle Gesicht zu nehmen, ein Schutzengel über dem Bett oder ein grosser Stoffhund neben der Kinderzimmertür kann Ängste verscheuchen.

Natürlich kann man zusammen Gespensterwinkel untersuchen und sich gemeinsam vergewissern, dass keines zum Vorschein kommt. Ängstigt sich ein Kind des Nachts vor einem Spiegel, wird dieser einfach überhängt. Und: machen Sie Ihr Kind stark, indem Sie es immer wieder loben, wenn es etwas Neues schafft oder etwas gut gemacht hat. 

Benimm dich! Ihr Kind ist dreizehn, schmatzt aber beim Essen wie ein Säugling. Treffen Sie gemeinsame Bekannte, wird ein undeutliches Hallo gemurmelt. «Ja gerne» und «Nein danke», das Sie als Eltern sogar noch im Schlaf murmeln, weil sie ihre Kinder diesbezüglich immer und immer wieder korrigieren müssen, will einfach nicht von alleine kommen. Aber: Der Einsatz schon bei Kleinkindern lohnt sich, denn sitzen die Tischmanieren mit zwölf immer noch nicht, wirds oberpeinlich. Die Spaghettisauce wird mit der Serviette vom Mund abgewischt und nicht mit dem Handrücken, die Kinder können Messer, Gabel und Löffel bedienen, räumen ihre Teller ab und motzen nicht, wenn etwas auf dem Tisch steht, das sie nicht mögen. Und nicht nur Tischmanieren, es gibt einige «Musts», die sitzen sollten: «Danke» und «Bitte» sind die kleinen Zauberwörter im Umgang mit anderen Menschen. Wer sie einsetzt, bekommt meist das Gewollte vom Gegenüber. Um Entschuldigung bitten mit «Das tut mir leid» lässt Missgeschicke wie versehentliches Anrempeln schnell vergessen. Wortloses Grüssen geht gar nicht! Ein «Hallo» oder «Guten Tag» ist das Mindeste. 

Chaos Zimmer aufräumen: Ein brandheisses Thema im Familienalltag. Vor allem, wenn aus Kindern Jugendliche werden. Der Einstieg ins Erwachsenenleben rückt in greifbare Nähe und da kann man schon mal in Panik geraten, wenn der Sohn oder die Tochter unter Bergen von CDs, Schmutzwäsche und wahllos verstreuten Büchern hervorblinzelt. Ein Messie? Vermutlich nicht.  Schulkinder räumen zwar auch nicht besonders gerne auf, aber, weil sie die Eltern immer noch ganz gut mögen, gehorchen sie trotzdem mehr oder weniger. Pubertierende räumen in der Regel gar nicht mehr auf. Ihnen stinkt das und weil sie auch den Eltern keine Freude mehr machen wollen, können sie nicht einsehen, was das ganze Aufgeräume soll.

Aber wie viel Ordnung muss sein? Die rudimentärsten Ansprüche bei Pubertierenden sind vermutlich diese: Die Schmutzwäsche gehört in den Waschkorb (weil, sonst wirds nicht gewaschen), wer Gläser, Teller etc. mit aufs Zimmer nimmt, stellt diese eigenhändig in die Spülmaschine und irgendwie sollte das Zimmer auch den kantonalen Hygienevorschriften entsprechen...

Allerdings: Schränke, Pulte und Kommoden sind Privatsache und wir Eltern wollen auch gar nicht wissen, wies dort drin aussieht. Wenn die Kinder von klein auf gelernt haben aufzuräumen, dann kann man sich an die schwache Hoffnung klammern, dass sie es irgendwann wieder tun. Deshalb: Kleinere Kinder (ca. ab 6 Jahren können Kinder selbständig aufräumen) räumen abends ihr Zimmer einigermassen auf. Die Sachen, mit denen sie gerade spielen, dürfen sie liegen lassen, aber auch diese sollen so zur Seite geräumt werden, dass man nachts nicht drüberstolpert. Wenn ihre Freunde zu Besuch waren, helfen alle gemeinsam beim Aufräumen. Und wenns mal gar nicht vorwärtsgeht, packen Mami oder Papi halt auch mit an, oder man lässt für einmal fünfe gerade sein.

Cyber-Mobbing Ein Problem der Neuzeit: Eine Online-Umfrage der Universität von Kalifornien unter Teens zwischen 12 und 17 ergab, dass drei Viertel von ihnen schon einmal im Internet belästigt oder diskriminiert wurden. Nur jeder zehnte Betroffene hatte mit seinen Eltern darüber gesprochen. Da wir Eltern weder Computer noch Internetanschluss hatten als Kinder, ist uns diese Problematik schlichtweg nicht sonderlich nah. Wichtig ist, dass Sie sich informieren und wissen, was Ihre Kinder im Internet machen. Wenn Sie wissen, wer Gerüchte oder ein peinliches Foto in Umlauf -gebracht hat, sprechen Sie ihn oder sie darauf an und verlangen Sie eine Klarstellung beziehungsweise das Löschen des Fotos. Ist der Verursacher unklar oder geht er nicht auf Ihre Forderung ein, melden Sie den Vorfall dem Betreiber der Community. Andererseits ist auch wichtig, dass Sie Ihrem Kind klarmachen, dass im Social Network ein respektvoller Umgang mit anderen grundlegend ist und dass es andere nicht schlecht darstellen darf, indem es zum Beispiel ein peinliches Foto oder ein Gerücht verbreitet oder weiterschickt.
Wertvolle Infos: jugendschutz.net schau-hin.info klicksafe.de

Demokratie Im Zuge der Demokratisierung aller Lebensbereiche gehen Eltern und Erzieher davon aus, dass nun auch die Eltern-Kind-Beziehung demokratisch, d.h. gleichberechtigt sein müsse. Das ist falsch. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul bringt es so auf den Punkt: «Nicht gleichberechtigt sind Eltern und Kinder, sondern sie verfügen als Menschen über gleiche Würde. Erwachsene müssen sich jederzeit so verhalten, dass sie die Würde des Kindes nicht verletzen. Aber gleichberechtigt ist das Kind deswegen nicht!»

Manchmal ist der Alltag einfach nur noch hektisch, nervtötend und stressig. Alle brauchen dann etwas Ruhe und Entspannung, vor allem die Mütter. Das geht nur, wenn Sie die Notbremse ziehen: Vermutlich müssen Termine gestrichen werden und die Kinder laden für einmal keine Spielkameraden ein oder werden zu selbigen ausquartiert.

Regnet oder schneit es tagelang und die Kinder werden zwacklig: Ein Besuch im Hallenbad tut den Kindern einfach gut, auch wenn der Lärmpegel dort für Elternohren eher hoch ist. Zu Hause: Brotteig oder Zopfteig machen und dann die Kinder so richtig kneten und formen lassen, was sie wollen. Ein gutes Mittel übrigens auch, wenn Sie selbst überschüssige, eher negative Energie ablassen müssen. Den Teig durchkneten und so richtig gut über den Kanten schlagen - ersetzt garantiert den Boxsack! Falls es schnell gehen muss: Immer eine Fertigmehlmischung im Schrank stehen haben. Auch ein Verwöhnbad für Kinder kann wahre Wunder wirken: z.B. Milchbad Zauber Zart von Kneipp, erhältlich in der Migros. Oder ein Badesalz selber machen: 100 g Salzgranulat, 5 Tropfen ätherisches Öl (im Winter z.B. Fichte), 1-2 Essl. getrocknete Kräuter oder Blüten - und fertig ist ein wunderbarer Badezusatz.

Fernseher Ein Patentrezept zur Fernseherziehung gibt es nicht, leider. Als grobe Faustregel für die Fernsehdauer gilt: Vorschulkinder sollten nicht mehr als 30 Minuten pro Tag fernsehen, 6- bis 8-Jährige weniger als eine Stunde, Kinder über 9 Jahre weniger als 1,5 Stunden täglich. Fast wichtiger als die Zeitdauer ist die Auswahl der Sendungen. Die Kinder sollen nicht wahl- und ziellos zappen, sondern mit den Eltern auswählen, was für sie geeignet ist.

An einem verregneten Sonntag zusammen eine Familien-DVD anzuschauen und Popcorn aus selbst gebastelten Tüten zu knabbern ist aber natürlich auch mal herrlich!  Es lohnt sich übrigens, auch mit Teenagern ab und an zusammen fernzusehen, auch wenn die Geschmäcker differieren: So kann man den Inhalt von Serien wie «Germany`s next Topmodel» oder «DSDS» kommentieren und wieder ins rechte Licht rücken.

Noch was zum Thema Augen: Wie nah am Fernseher darf man eigentlich sitzen? Manchmal pflanzen sich die Kleinen so nah an den Bildschirm, dass es aussieht, als würden die Knirpse förmlich in die Flimmerkiste hineinkriechen. Schwerwiegende Folgen für das Sehvermögen hat die Vorliebe für «Kurzsichtigkeit» aber nicht. Sie kann allenfalls vorübergehend zu brennenden Augen oder Ermüdungserscheinungen führen. Aber lassen Sie ruhig mal testen, ob dem Nah- statt Fernsehen möglicherweise nicht doch eine Fehlsichtigkeit zugrunde liegt.
Alles zum Thema Fernseherziehung: flimmo.de

Gespräche Wenn die Kinder klein sind, ist man zuweilen echt froh, wenn sie mal für einen kurzen Moment ihre Plappermäuler halten. Die ewigen Zänkereien der Schulkinder möchte man lieber gar nicht so hautnah mitbekommen - während nämlich für die Mädels und Jungs schon längst alles wieder erledigt ist, liegt Mutti immer noch grübelnd zu Hause im Bett und arbeitet an einer gangbaren Konfliktbewältigung. Kommt die Pubertät, kommt auch das Schweigen: Gerade jetzt wäre ja das Leben echt interessant. Bloss bekommt man keine Antworten mehr.

An einem Tag eines Pubertierenden passiert vermutlich mehr Neues als in einem Monat unseres Erwachsenenlebens. Bei dieser Gedankendichte gilt es, den richtigen Moment fürs Gespräch zu finden: Manche Jugendliche werfen die Schulmappe in die Ecke und es ist der rechte Moment, um zu reden. Manche müssen erstmal Ruhe haben: Dann ergibt sich vielleicht das Gespräch, wenn sie schon im Bett liegen und entspannt sind. Dranbleiben lohnt sich auf jeden Fall auch wenn die Gratwanderung zwischen Ausfragen und interessiert sein immer wieder eine neue ist.

Kidy swissfamily: Februar/2010

Quelle/Text: Esther Mogicato


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