Was Hänschen nicht lernt...

Lernschwierigkeiten sind kein neuzeitliches Phänomen, doch durch den Leistungsdruck der Gesellschaft zu einem Problem geworden. Wie sollen Eltern damit umgehen?
Im Deutsch eine 3,5, im Rechnen eine knappe 4, und auch sonst sind die Schulleistungen von Tobias nicht rosig. Die Familie leidet mit. Vor einer Prüfung wird tagelang mit Tobias gelernt. Doch es nützt nichts, die Noten bewegen sich zwischen genügend und ungenügend. Die Nerven liegen blank. Ein Einzelfall? Nein, wie Ursula Häberli-Nef, seit 45 Jahren schulische Heilpädagogin sowie Buchautorin ? unter anderem für Schule und Elternhaus S&E ? aus Herisau, berichtet. «Lernschwierigkeiten sind heute bei vielen Kindern ein zentrales Thema.» Der Mehrzahl der Schüler fällt es zum Beispiel schwer, den Lernstoff längere Zeit zu behalten, im Unterricht zielstrebig zu arbeiten, Materialien durchzuarbeiten und sich das Wesentliche herauszuholen oder Schularbeiten frühzeitig vorzubereiten sowie den Lernstoff gezielt zu üben und zu wiederholen.

Nur Sprachen und Mathematik zählen
Beim Thema Lernschwierigkeiten handelt es sich nur bedingt um ein neuzeitliches Phänomen, wie Ursula Häberli-Nef informiert: «Auch früher hatten Kinder Lernschwierigkeiten. Nur werden sie heute mehr thematisiert. Sie sind meist die Folge von allzu hohen Erwartungen der Gesellschaft an die Kinder von heute. Wir sind einseitig an den kognitiven Begabungen der Kinder interessiert. So zählen heute vor allem Sprachen und Mathematik, alle anderen Fächer und Begabungen sind zweitrangig.» Diese Einstellung habe mit Werthaltung zu tun, schliesslich lässt sich ein gewisser Lebensstandard vor allem über diese intellektuellen Berufe sichern.

Hektik, Reizüberflutung und kein Bezug zur Natur
Neben diesen äusseren Faktoren führen aber auch innere Bedingungen zu Lerndefiziten. Dazu gehört zum Beispiel die Wahrnehmungsfähigkeit. Laut Ursula Häberli-Nef haben heutzutage viele Kinder immer weniger Möglichkeiten, ihre Sinne einzusetzen, sprich, zu spüren, sich zu bewegen und sich in der Natur aufzuhalten. Dagegen werden durch Fernsehen, Radio und Computer die Augen und Ohren überdurchschnittlich stark bean-sprucht. «Dies führt zu einer unausgeglichenen Entwicklung der Kinder. Auch die allgemeine Hektik und Reizüberflutung im Kinderalltag unterstützen diese Tendenz», ist die Heilpädagogin überzeugt, auch wenn sie die neuen Medien nicht grundsätzlich ver-urteilt: «Computer mit Lern- und Schreibspielen sind sicher sinnvoll. Doch diese Medien sind flach und können nicht erspürt werden. Hier fehlt der Bezug zur realen Welt.» Weiter können biochemische Veränderungen durch die Anhäufung von Chemikalien etwa in Putzmitteln und Medikamenten entstehen, was sich wiederum auf das Kind auswirke.

Lernen ohne Konzept
In vielen Fällen von Lernschwierigkeiten fehlt es laut dem Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie (IPVT) in Graz auch an Methoden und Techniken zur Planung und Steuerung des eigenen Lernens. Gelernt wird irgendwie, aber meist ohne Konzept. Das führe vor allem bei schwächeren Schülern zu Lernversagen. Die meisten Schüler lernen anscheinend einkanalig, das heisst, entweder nur mit Hilfe von Texten oder Bil-dern oder nur über das Hören und monoton, wenn es um das Bearbeiten von Texten geht. Sie lesen sich den Text mehrere Male durch in der Hoffnung, ihn sich so zu merken. Meist schweifen schon beim zweiten Mal die Gedanken stark ab. Ein anderes Symptom ist die Lernzeiteinteilung, um nicht vor Schularbeiten, Tests, Prüfungen unter Zeitdruck zu geraten. In dieser Beziehung mangelt es oft an gezielten Angeboten und Unterstützung.

Flüchtig durch Mobilität und Technik
Sehr auffällig sind heutzutage Konzentrationsstörungen, auch Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS genannt. Das Kind kann die Botschaften von aussen über seine Sinne nicht mehr aufnehmen und speichern. Die Aufnahme, die Verarbeitung und somit das Behalten oder Nachsprechen von Sätzen wird zum Problem. «Wir haben es hier mit einem allgemeinen Phänomen zu tun. Wir Menschen sind durch unsere hohe Mobilität wie auch durch die Technik sehr flüchtig geworden. Das bekommen die Kinder schon von klein auf mit.» Weil viele Eltern ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg räu-men, und auch die Spielsachen den Kleinen alles möglichst einfach machen, sind es die Kinder nicht mehr gewohnt, Probleme selber zu lösen und eine eigene Wahrnehmung dafür zu entwickeln.

Druck von den Kindern nehmen
An den Schulen fühlen sich viele Lehrpersonen von der Gesellschaft und Wirtschaft unter Druck gesetzt, wie Ursula Häberli-Nef berichtet. Hinzu kommen die Eltern, die ihre Kinder am liebsten im Gymnasium sehen. Die grosse Heterogenität in der Volks-schule kommt dieser Tendenz erschwerend dazu. «Eltern greifen deshalb nicht selten zu Massnahmen, damit das Kind die hohen Erwartungen und Ziele erfüllen kann.» Im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen bauen die Eltern in privaten Schulen auf einer Vertragsvereinbarung auf, in der das Kind gemäss seinen Bedürfnissen gefördert wird. «Dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis, das für das Kind grundsätzlich die bessere Situation darstellt. Der Druck, der in den öffentlichen Schulen auf den Kindern und Eltern lastet, wird dadurch kleiner.» Wann kann von Lernschwierigkeiten gesprochen werden? Wo liegen die Grenzen? «Wir setzen die Grenzen. Die eine Lehrkraft stellt bei einem Kind Lernschwierigkeiten fest, eine andere Lehrperson empfindet dies anders. Vieles hängt vom Umfeld und auch von Vergleichen mit anderen Kindern ab. Hier spielen auch die Erwartungen an die Kinder eine wichtige Rolle.» Natürlich könne man in gewissen Fällen klar von Lernschwierigkeiten oder AD(H)S sprechen.

Ansporn von innen
Bei der Frage, wie man bei Kindern mit Lernschwierigkeiten reagieren soll, spielen die Eltern eine Schlüsselrolle. Es braucht ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Eltern und Lehrperson. «Möchten die Eltern ihr Kind nicht diesem Leistungsdruck aussetzen, sondern ihm eine glückliche Schulzeit ermöglichen, sollten sie dies der Lehrperson mitteilen. Gleichzeitig können die Eltern ihr Kind so unterstützen, dass es gesund und glücklich lernen kann», empfiehlt Ursula Häberli-Nef. Leider sei jedoch die Angst der Eltern im Spiel, ihr Kind habe keinen Erfolg im Leben, wenn es die Lernziele nicht erreicht. «Diese Situation ist für das Kind besonders schwierig. Der Ansporn, zu lernen, muss von innen kommen. Kinder lernen gerne, wenn sie am Thema interessiert sind und sich damit identifizieren können. Kommt der vielfach gut gemeinte Ansporn indes von aussen, kann dies als Druck empfunden werden und entmutigen. Kinder lieben es, Probleme zu lösen, sofern diese nicht unüberwindbar sind.»

Sinnesschulungen statt Ritalin
Bei Lernschwierigkeiten greifen viele Eltern zu Ritalin, das über den Stoffwechsel eine Leistungssteigerung herbeiführt. Doch Ritalin ist umstritten. Dabei geht es um den Vorwurf, das Kind werde dadurch in eine Schablone gepresst, damit es dem allgemei-nen Standard entspricht. «Grundsätzlich gibt es verschiedene Wege im Umgang mit Lernschwierigkeiten. Ich habe gute Erfahrungen mit Sinnesschulungen gemacht. Durch Handlungen werden die Hirnzellen vernetzt. Kinder sollten in der Schule und zu Hause möglichst viele Gelegenheiten haben, sich vielseitig zu betätigen, damit alle Sinne angesprochen werden. Dieser Weg ist meiner Ansicht nach nachhaltiger und sinnvoller als der Griff zum Ritalin», betont Ursula Häberli-Nef.  

Quelle/Text: Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz