Arenadiskussion: Konflikte richtig meistern

Konflikte richtig Meistern

Die Vorweihnachtszeit ist mit allerhand Stress verbunden:
Guetzli müssen gebacken, Geschenke für alle Familienmitglieder besorgt werden. Dazu fällt übers Jahresende in der Regel auch im Beruf viel Arbeit an. Eine hektische Zeit, Konflikte und Streit gibt es öfters als sonst. In der Arena gehen wir der Frage nach, wie sich Konflikte im Alltag bewältigen lassen.

Konflikte und Streit gehören zum Leben, aber in geballter Kadenz können sie einem das Leben auch schwer machen. Wo Menschen zusammenleben und -arbeiten, sind Reibungen gar nicht zu vermeiden. Die Frage ist nur: Wie verhalten wir uns in solchen Situationen? Reden wir über unsere Aggressionen, über unsere Probleme, Gedanken oder auch Freuden? Hören wir anderen zu und fragen nach, was sie beschäftigt? Manche sind in Familien aufgewachsen, in denen alle Konflikte unter den Teppich gekehrt wurden. Sie haben nie gelernt, Differenzen zu thematisieren. Andere wiederum stammen aus Familien, in denen ständig gestritten wurde. Diese Menschen neigen im Erwachsenenleben oft dazu, Konflikte in ihrer Familie zu unterdrücken, weil sie Auseinandersetzungen als Desaster verstehen. Weihnachten ist nicht mehr weit. Viele von uns kennen wohl die Anspannung, die damit verbunden ist. Bei uns zu Hause beispielsweise hiess es stets: Es ist Adventszeit, es wird nicht gestritten! So kumulierten sich die Konflikte und mündeten exakt an Weihnachten in einen grossen Streit, in dem viele Tränen flossen. Das muss nicht sein. Kinder lernen heute schon früh, einen Streit gütlich zu regeln. In den Schulen hat die Konfliktbewältigung der-zeit einen hohen Stellenwert. Schülerinnen und Schüler werden zu Streitschlichtern ausgebildet, es gibt Anlaufstellen, die bei Konflikten Unterstützung anbieten, und Weiterbildungskurse für Eltern.
Im Streben nach Harmonie wird oft versucht, Streit und Konflikte schnell zu beenden. Dabei wird den Kindern - und den Erwachsenen - die Chance genommen, die spannungsgeladene Situation zu klären. Dazu braucht es Zeit und Raum. Ein volles Weihnachtsprogramm ist hier kontraproduktiv. Wo am ersten Weihnachtstag bei den Eltern, am zweiten bei den Schwiegereltern und am dritten zu Hause gefeiert wird, kommt man nicht zur Ruhe, bleibt keine Musse, um einander zu erzählen und zuzuhören. Und: Wer alles perfekt machen möchte, sieht selbst den kleinsten Fehler als Katastrophe. Es ist kein Drama, wenn das Festtagsmenü nicht einwandfrei ist. Nehmen Sies mit Humor - das wissen Ihre Familie und Ihre Gäste bestimmt auch zu schätzen.




Stadtrat Gerold Lauber, Vorsteher Schul- und Sportdepartement, Stadt Zürich

 «Kinder ausbilden, um Konflikte zu entschärfen»  
Die Anforderungen an die Volksschule sind in den letzten Jahren gestiegen. Viele Eltern möchten der Schule mehr Erziehungsverantwortung übertragen. Andere setzen sich stark für das Wohl ihres Kindes und ihre Interessen ein, die sie über dasjenige des Gesamtsystems Schule stellen. In beiden Fällen können die unterschiedlichen Haltungen und die Erwartungen der Eltern an die Schule zu Konflikten führen.
Seit dem letzten Jahr haben wir in einem Schulhaus der Stadt Zürich das Konfliktlotsenmodell (peer-to-peer) eingeführt. Das Modell basiert auf dem Ansatz, Konflikte möglichst früh zu erkennen und sie nicht zu Lasten eines Konfliktträgers auszutragen. So wird verhindert, dass der Konflikt in einen Teufelskreis der Gewalt mündet. Es werden Kinder ausgebildet, die Konflikte vermeiden und in Konflikten deeskalierend eingreifen. Dies bedingt, dass klare Regeln definiert und allen bekannt sind, dass sich Kinder verbal ausdrücken, aktiv zuhören und mit den eigenen Gefühlen konstruktiv umgehen können. Nötig sind dabei Phasen der Mediation, des Ausgleichs und der Vereinbarung sowie der Evaluation/Reflexion. Eine Stärke des Modells ist, dass die Konfliktlösung sehr nahe im Schulalltag und sehr eng mit dem Lehrkörper verknüpft ist.
Wir dürfen Gewalt nicht verharmlosen. Wir müssen wachsam bleiben und weitere Lösungsmechanismen in die Schulen tragen. Die Schule hat hier eine spezielle Aufgabe. Denn Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht allein von den Schulverantwortlichen gelöst werden kann.
Die Schulen in der Stadt Zürich verfügen über ein dichtes Netz an Anlaufstellen. Über 70 Prozent der Schüler wenden sich an schulische Anlaufstellen wie Schulsozialarbeit, Lehrpersonen, Schulleitung, Schulpsychologe oder an die Fachstelle für Gewaltprävention. Wichtig ist auch, dass die Eltern möglichst früh in die gewaltpräventive Arbeit einer Schule miteinbezogen werden.
Schülerinnen und Schüler sollen sich in ihrer Schule wohlfühlen und gemeinsam mit dem Schulpersonal eine ausgeglichene Sozialgemeinschaft bilden, in der alle zusammen vor allem auch Freude an der Schule haben.




Cornelia Strub, berufstätige Mutter von zwei Kindern, Zürich

 «Streit reinigt manchmal die Luft»

Unsere Tochter ist elf, unser Sohn sechs. Sie erzählen hin und wieder von Problemen auf dem Pausenplatz. Vor einiger Zeit gab es gar eine Schlägerei, die hohe Wellen warf. Ich bin Mitglied des Elternforums. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir ständig im Kontakt mit den Lehrern sind, nicht erst dann, wenn es zum Konflikt kommt. So sind wir auf die Lehrer zugegangen und haben sie gefragt, wie sie reagieren würden, wenn es gehäuft zu Schlägereien käme. Wir haben eine gute Schule, viele engagierte Eltern - eine fast heile Welt, wenn ich es mit anderen Stadtteilen -vergleiche.
Wenn wir zu Hause streiten, kommt es vor, dass unsere Tochter die Türen knallt. Dann lassen wir uns eine Weile in Ruhe. Oft erholt sie sich schnell. Ist die Wut verflogen, gehe ich auch mal zu ihr ins Zimmer und frage, was sie so wütend gemacht hat. Beim Erzählen fängt sie sich dann wieder. Falls nötig, entschuldige ich mich. Oft reden wir einfach über etwas anderes und merken, es ist für beide wieder gut. Manchmal reinigt ein Streit auch einfach die Luft.
Vor ein paar Jahren habe ich einen Kurs zur Konfliktlösung nach Gordon besucht. Hier lernte ich, dass es gut sei, alle zwei Wochen einen Familienrat abzuhalten. So setzten wir uns jeweils zusammen und erzählten uns, was wir in unserer Familie gut finden und was nicht. Doch die Kinder waren damals noch zu klein, vor allem der dreijährige Sohn. Wir werden das aber wieder einführen.
Eltern müssen auch immer wieder nachfragen, herausfinden, was das Kind beschäftigt. Unsere Kinder zum Beispiel können, wenn sie zu Bett gehen, sehr gesprächig sein. Dann müssen wir uns die nötige Zeit nehmen. Es ist nicht gut, Themen, die in der Luft liegen, nur am Tisch aufzugreifen, manchmal hilft es auch, wenn Gespräche zwischendurch zustande kommen, wo sie beiläufig sind oder unterbrochen werden können, zum Beispiel beim Autofahren, beim Kochen oder Putzen.
Für Weihnachten nehmen wir uns absichtlich nicht viel vor. Vergangenes Jahr haben wir vor den Feiertagen mit Gotte und Götti an einer Feuerstelle im Wald ein Käse- und danach ein Schoggi-Fondue gemacht.




David Kieffer, Fachstelle Programm und Ausbildung, Pfadibewegung Schweiz

«Pfadi als Übungsfeld für die Konfliktbewältigung»

Im «Pfadigesetz» sind acht einfache Regeln festgehalten, so zum Beispiel: Wir Pfadi wollen offen und ehrlich sein, andere verstehen und achten, und miteinander teilen. Diese Leitsätze sind immer wieder Thema und werden bei Konflikten als Basis herangezogen. Da sie verständlich und gut merkbar sind, werden sie von den Kindern und Jugendlichen auch selber angewandt und in Diskussionen eingebracht.
Klare Regeln für die Gruppe werden auch am Anfang jedes Pfadilagers gemeinsam formuliert. Im sogenannten Lagerpakt werden mit der ganzen Gruppe für alle Lagerteilnehmenden Regeln festgehalten. Mit der persönlichen Unterschrift wird symbolisch unterstrichen, dass man die gemeinsamen Regeln respektiert und sich daran halten will. Der Lagerpakt, für alle gut sichtbar auf dem Lagerplatz aufgehängt, erinnert daran, wie wir uns in der Gruppe verhalten wollen.
In der Pfadi lernen Kinder und Jugendliche schon früh, in kleinen Schritten die Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und mitzubestimmen. Sie sollen ihre Bedürfnisse und Anliegen in die gemeinsamen Aktivitäten einbringen und ihre Umgebung aktiv mitgestalten. Dieses Prinzip hat Einfluss auf die Konfliktkultur. Indem Kinder und Jugendliche Verantwortung für sich und ihre Gruppe übernehmen, fühlen sie sich ernst genommen und den gemeinsam erstellten Regeln verpflichtet. Ein Kind, das mitgestalten kann, respektiert gemeinsame Regeln eher, eine Jugendliche, die Verantwortung trägt, nimmt eher auf Schwächere Rücksicht.
Es ist sinnvoll, Konflikte mit und unter Kindern mit allen Beteiligten und auf Augenhöhe zu besprechen und zu lösen. Es sollte vermieden werden, vorzeitig Schuldige zu finden. Im Gespräch sollten klare Abmachungen getroffen und Konsequenzen aufgezeigt werden. Das ist oft viel wirksamer als kaum nachvollziehbare Strafen, die möglicherweise als ungerecht empfunden werden und die Wut im Bauch wachsen lassen.




Ron Halbright, Pädagoge, Ethnologe,
Ko-Präsident National Coalition Building Institute, Schweiz
 «Konflikte? Was Eltern tun können!»

Eltern und Kinder haben seit Jahrzehnten die gleichen Konflikte: Schlafenszeit, Zähne putzen, Hausaufgaben, Zimmer aufräumen, Grenzen setzen. Zwar war es einfacher, Fernsehen zu regeln als den Gameboy. Es sind aber nicht nur die technologischen Fortschritte, die elterliche Kontrolle unterwandern. Kinder sind autonomer geworden, körperlich und seelisch früher reif, was Eltern-Kind-Konflikte über Sexualität, Ausgang, Tabak, -Alkohol und andere Drogen vorverschiebt.
In den letzten 40 Jahren ist die Autorität der Erwachsenen gegenüber Kindern zurückgegangen. Früher hatten Erwachsene das letzte Wort, und falls Wörter nicht genügten, gab es körperliche Strafen. Aus der Schule sind körperliche Strafen verbannt, zu Hause sind sie verpönt und auf dem Weg zum Verbot. Das ist übrigens in 19 europäischen Ländern bereits der Fall!
Skizzieren Sie für sich oder zusammen mit dem Kind den Ablauf von üblichen Streitigkeiten: Geh ins Bett! Ja, bald! Ich habe gesagt: sofort! Ja, ja. Jetzt reichts!! Wer die Dynamik erkennt, kann sich entscheiden, auszusteigen. In den Peacemaker-Programmen unseres Instituts haben wir das umgesetzt. In Rollenspielen üben wir altersgerechte, abkühlende Handlungsstrategien von Kindern sowie Eltern. Und: Wer sich provoziert fühlt, kann zuerst tief und leise durchatmen oder innerlich auf 10 zählen, um die Ruhe zu bewahren. Wirksam können Fragen wirken: Warum meinst du das? Was ist passiert? Was hat dich verärgert? Suchen Sie das Gespräch, vermeiden Sie weitere Provokationen. Belehrungen wirken in der Regel eskalierend, weil sich das Gegenüber nicht ernst genommen fühlt.
Wir gehen davon aus, wer provoziert, fühlt sich verletzt oder gereizt. Das heisst, dass hinter der Provokation ein Beweggrund liegt. Erst wenn wir herausfinden, wo der Schuh drückt, können wir den Konflikt lösen. Manchmal wirkt es schlichtend, wenn Verständnis für den Ärger, eine Entschuldigung  oder eine Wiedergutmachung angeboten wird.
Und bei allen guten Vorschlägen: Auch Eltern brauchen Pausen und Unterstützung, jemand, der ihnen einfühlsam und mit Geduld zuhört. Wem diese Auszeiten für eine «Chropfleerete» fehlen, reagiert immer wieder unüberlegt oder aggressiv.




Dr. Yves Hänggi, Koordinator am Institut für Familienforschung und -beratung,
Universität Freiburg

«Wenige Regeln genügen schon!»  
Konflikte in der Familie gehören zu normalen Entwicklungsaufgaben und bieten seit jeher wertvolle Chancen für die Kinder, soziale Kompetenzen zu erwerben. In den vergangenen Jahren hat sich der Umgang der Eltern mit solchen Konflikten verändert, was auch mit einer Veränderung der Erziehungshaltung zu tun hat. In unserer aktuellen Umfrage unter 880 Eltern in der Deutschschweiz gab nur ein ganz kleiner Teil an, nach alter Sitte autoritär zu erziehen. Die überwiegende Mehrheit,
97 Prozent, ordnete sich dem demokratischen autoritativen Erziehungsstil zu, bei dem Eltern die Lösung von Konflikten mit den Kindern gemeinsam aushandeln.
Zu Konflikten kommt es häufig, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse haben, noch dazu, wenn diese unausgesprochen im Raum stehen. Hier hilft es zum Beispiel, klare Regeln aufzustellen und dabei das Kind miteinzubeziehen. Wenige Regeln genügen schon. Sie sollen fair, leicht zu befolgen und positiv formuliert sein, damit das Kind gleich weiss, was es tun - und nicht, was es lassen - soll. Befolgt das Kind die Regeln, so sollte es gelobt werden. Bei Regelverstössen hilft es zunächst, an die Abmachung zu erinnern oder, falls das nicht genügt, die logischen Konsequenzen zu ziehen. Um eine Eskalation in einer schwierigen Situation zu vermeiden, empfiehlt es sich, die wütenden Gefühle des Kindes zu akzeptieren beziehungsweise richtig anzusprechen. Das erfordert von den Eltern jedoch viel Geschick, Übung und «Know-how». In Elternkursen wie Triple P (triplep.ch), aus denen diese Tipps stammen,  lernen Eltern konkrete, in ihrer Wirksamkeit überprüfte Vorgehensweisen kennen und einüben.
Das Festlegen von Regeln setzt letztlich voraus, dass sich die Eltern im Klaren sind, welche Erziehungsziele ihnen wichtig sind. Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft besteht darin, wieder vermehrt gültige und allgemein akzeptierte Grundwerte für die Erziehung zu finden und diese in allen Gesellschaftsbereichen unisono zu vertreten.




Claudia Mathys, Lehrerin und
Psychologin, Zürich

 

«Sicherheit ist für Kinder enorm wichtig»

In meinen Schulzimmern hängt immer eine grosse Tafel an der Wand. Hier können die Kinder für alle gut sichtbar Zettel aufhängen. Sie schreiben darauf, was ihnen Freude macht oder Sorgen bereitet. Manchmal verschwinden die Mitteilungen gleichentags wieder, weil die Kinder ihre Probleme selber gelöst haben. Es ist sehr wichtig für sie, dass ich diese Zettel lese, dass Erwachsene wahrnehmen, was Kinder als Unrecht erleben. Etwa zweimal pro Woche setzen wir uns dann alle zu einem Kreis zusammen und besprechen die Anliegen gemeinsam. Ich frage die Zettelschreiber, wie es ihnen ergangen ist. Oft lösen die Kinder ihre Konflikte dann untereinander, manchmal unterstütze ich sie dabei, immer wieder helfen sie sich gegenseitig. So lernen sie, über ihre Gefühle und Wahrnehmungen zu sprechen, sich auszudrücken, zuzuhören. So üben wir gemeinsam, Konflikte zu lösen. Als Lehrerin habe ich auch hier eine Vorbildrolle.
Ich nehme mir in meinen Klassen relativ viel Zeit für Konflikte. Das geht aber nur, wenn die Klassen nicht zu gross sind. Kinder brauchen Halt und Sicherheit. Sie müssen sich auf ihre Bezugspersonen, Eltern und Lehrer verlassen können. So ist es auch von grosser Bedeutung, dass wir in unserem Schulhaus klare Regeln aufgestellt haben, an die sich alle halten müssen. Die Regeln sind klar kommuniziert, bei den Kindern wie auch ihren Eltern.
Wenn sich Kinder sicher fühlen, haben sie auch weniger den Eindruck, sie würden angegriffen. Hinter Aggressivität steht oft Verletzlichkeit, Unsicherheit. Klassenübergreifende Aktivitäten wie Schlittel- und Waldtage fördern die Gemeinschaft und schaffen eine gesamthafte Identität. Hinzu kommt, dass wir in den letzten Jahren das System der Streitschlichter eingeführt haben: Jeweils zwei Kinder pro Klasse werden geschult und fungieren als Ansprechpersonen im Falle eines Konfliktes. Sie identifizieren sich mit ihrer Rolle, ihrem Auftrag, Frieden zu stiften, und sie sorgen dafür, dass es weniger Streit gibt.


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Kidy swissfamily: Dezember/2009

Quelle/Text: Barbara Heuberger