Kinder, Küche und Karriere?
Mütter sollten nicht Karriere machen, sondern sich auf ihre natürliche Rolle als Hausfrau und Mutter besinnen. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Strategie ist, auch ökonomisch, eine Mogelpackung.
Weniger Haushaltseinkommen, mehr Sozialausgaben
Was aber würde passieren, wenn die rund 473000 erwerbstätigen Mütter morgen zu Hause blieben, um ausschliesslich ihre Kinder und den Haushalt zu betreuen? Welche wirtschaftlichen Folgen hätte dieser Ausstieg aus dem Erwerbsleben? Der Schweizer Wirtschaft gingen dadurch rund 220000 Vollzeitarbeitskräfte verloren. Auf dem Arbeitsmarkt müssten die frei werdenden Stellen all der Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Lehrerinnen, Kellnerinnen oder Friseusen (dies die Berufe mit dem grössten Frauenanteil) neu besetzt werden, entweder durch Schweizer, die sich ungeachtet der teils tiefen Löhne und des schlechten Sozialprestiges diesen Aufgaben zuwenden müssten, oder durch Migrantinnen, die neu zu rekrutieren wären. Die Kosten, die einem einzelnen Haushalt durch den Wegfall des mütterlichen Erwerbseinkommens entstünden, werden für ein mittleres Einkommen auf 1000 bis 1800 Franken monatlich geschätzt. Für die Volkswirtschaft hätten, so Jacqueline Schön-Bühlmann vom Bundesamt für Statistik, die Lohneinbussen bei einer halben Million betroffener Haushalte massiv tiefere Steuereinnahmen und eine wesentliche Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Konsumausgaben zur Folge. Gleichzeitig stiege der Anteil der unbezahlten Arbeit, die mit 8 Milliarden Stunden pro Jahr die 6,7 Milliarden Stunden -bezahlter Arbeit schon heute deutlich übertrifft. Entsprechend problematisch wären die Folgen für die Sozialversicherungen. Für die betroffenen Frauen bedeutet der Ausstieg aus der Erwerbsarbeit ein erhöhtes Armutsrisiko. Familienfrauen sind weitgehend vom Einkommen ihres Partners abhängig. Wer nur unbezahlte häusliche Arbeit verrichtet, hat Nachteile bei den Sozialversicherungen, etwa bei der Pensionskasse oder bei der Arbeitslosenversicherung, in Kauf zu nehmen. Solange dies so ist, steigt durch Erwerbsuntätigkeit das Risiko, in konstanter oder periodischer Armut zu leben, sobald das Einkommen des Ehemannes wegfällt. Besonders fatal ist die Abhängigkeit vom männlichen Einkommen bei einer Scheidung. In mittleren und tieferen Einkommensklassen führen Trennungen häufig zum Budgetkollaps. Eine zumindest vorübergehende Abhängigkeit von der Sozialhilfe ist in der Regel unvermeidlich. Angesichts der aktuellen Scheidungsraten von annähernd 50 Prozent erscheint deshalb ein allgemeiner Ausstieg von Frauen mit Kindern aus dem Beruf mehr als problematisch.
Die optimale Kinderbetreuung
Das Ideal der allgegenwärtigen Mutter, die ihren Kindern rund um die Uhr zur Verfügung steht, hat sich in der Schweiz erst in den 1950er-Jahren allgemein durchgesetzt. Es wurde insbesondere von Psychiatern und Pädagogen breit propagiert. Während darin der Mutter-Kind-Beziehung eine zentrale Bedeutung beigemessen wurde, schloss man gleichzeitig eine intime Vater-Kind-Beziehung aus. Der Vater wurde auf seine Funktion als Ernährer reduziert, während die Mutter die ganze Verantwortung für die Kindererziehung trug. Dieses Ernährer-Hausfrau-Modell war zwar als Norm enorm erfolgreich, prägte es doch viele gesellschaftliche Bereiche bis hin zur Steuergesetzgebung und den Sozialversicherungen. In der Alltagspraxis hingegen war diese Norm nie vollständig durchsetzbar. Selbst zur Zeit der Hochkonjunktur konnten sich längst nicht alle Familien dieses Modell finanziell leisten. In dem Sinne richtet sich der Traum einer Eva Hermann von der «Rückkehr» zu diesen Verhältnissen immer nur an ein Mittelstands-publikum. Aber auch für Mittelstandsfamilien steht längst fest, dass Mütter nicht die einzigen optimalen Bezugspersonen für ihre Kinder sind. Nebst den Vätern können auch Grosseltern, Geschwister oder familienexterne Personen diese Aufgabe übernehmen, betont Pasqualina Perrig-Chiello, Entwicklungspsychologin an der Universität Bern: «Wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung von Kleinkindern sind erwiesenermassen zuverlässige, liebevolle und konstante Bindungen. Dies wird in der Regel durch konstante Bezugspersonen gewährleistet, die das Kind lieben und sensitiv seine individuellen Bedürfnisse wahrnehmen können.» Zum Modell der allgegenwärtigen Mutter gehört der abwesende Vater, der für die Versorgung der Familie zuständig ist und lediglich seine Freizeit zu Hause verbringt. Einige neuere Studien über Vaterschaft und väterliche Fürsorge haben indes gezeigt, dass die gemeinsame im Alltag verbrachte Zeit eine zentrale Grundbedingung für eine geglückte Beziehung ist. Die Erziehungswissenschafterin Diana Baumgarten untersucht solche Beziehungskonstellationen zwischen Vater und Kind. Sie hat herausgefunden, dass funktionierende Beziehungen vorwiegend über gemeinsam verbrachte Zeit entstehen: «Es reicht nicht aus, in derselben Wohnung oder im selben Haus zu wohnen. Die Eltern-Kind-Beziehungen sind umso stärker ausgeprägt, je mehr Alltag die Eltern mit den Kindern verbringen.» Befragte Kinder, deren Väter Teilzeit zu Hause sind, betonen, dass ihnen der im Alltag anwesende Vater genau wie die Mutter ein verständnisvoller Gesprächspartner ist. Anders im traditionellen Familienmodell, wo die Mütter in der Regel die ausschliesslichen Bezugspersonen der Kinder sind, was zu problematischen emotionalen Abhängigkeiten führen kann. Immer wieder wurde und wird in Zeiten beschleunigten sozialen Wandels der Ruf nach einer Rückkehr zu alten Familienformen laut. So haben etwa auch im ausgehenden 19. Jahrhundert Experten vor einem Zerfall der Familie durch die Frauenemanzipation gewarnt. Auch heute erscheint die rückwärtsgewandte Utopie alter Familienformen vielen als Ausweg aus den Widersprüchen einer sich rasch verändernden Gesellschaft. Die angeblichen Lösungen aber, wie sie in Bestsellern und an Fernsehtalkshows beschworen werden, führen - wie in diesem Beitrag aufgezeigt - sowohl ökonomisch als auch gesellschaftspolitisch in die Sackgasse.
Text von: Lilian Fankhauser ist 39, hat drei Kinder (5, 3, 1), und lebt mit ihrer Familie in Diemerswil in der Nähe von Bern, wo ihr Partner einen Bio-Bauernhof betreibt. Sie ist Germanistin und arbeitet 60% als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern.
Kidy swissfamily: Oktober/2009
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3417 Rüegsau
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