Väter mischt euch ein!

Väter, die sich im Beziehungsgefüge der jungen Familie einmischen, tragen dazu bei, dass sich eine Balance einstellt; eine Balance zwischen Mutterzeit, Vaterzeit, Paarzeit und Eigenzeiten für jeden Einzelnen.
Wenn Väter sich klammheimlich aus ihrer Vaterrolle zurückziehen, dann geschieht dies in den meisten Fällen nicht aus Desinteresse, schon gar nicht aus mangelnder Liebe zum Kind. Wohl aber kennt mancher Vater die schmerzhaften Erfahrungen der Zurückweisung, wenn es um die Zuwendung zum Kleinkind geht. «Oh bitte, doch nicht so grob...» / «Lass mich mal ran, ich zeig dir, wie mans macht...» Mütter- und Grossmütter-Generationen haben das Vorurteil gefestigt, dass Mädchen von Haus aus gefühlvoller und fürsorglicher mit Kleinkindern umzugehen wüssten, während Knaben in dieser Hinsicht grundsätzlich tollpatschiger und untalentierter seien.

Kernkompetenz «Vertrauen»
Die Rolle des Vaters beginnt mit einem Handicap, oder man könnte im Sinne von P.  Ballnick(1) sagen «Vatersein beginnt im Kopf». Tatsächlich liegt es in der Definitionsmacht der Mutter, wen sie zum Vater ihres Kindes wählt und wem sie diese Rolle - über die Zeugung hinaus - zuschreibt. Vatersein beginnt also mit einer gehörigen Portion Vorschussvertrauen. Und diese bedingungslose Vertrauensleistung ist es denn auch, was sie so einzigartig und unschlagbar von der Mutterrolle abgrenzt. Dass Mutter und Kind zusammengehören, ist biologisch evident, dass Vater und Kind zusammengehören, ist ein täglich zu erneuerndes Bündnis. Das «Ja» des Vaters zu seinem Kind fusst auf einer Entscheidung und ist dadurch für das Kind «eine Sensation», so die Worte der Regensburger Familienforscherin Karin Grossmann. Die Entwicklungspsychologie bekräftigt seit Jahren, dass Väter von grosser Bedeutung sind für eine ausgeglichene Persönlichkeitsentwicklung des Kindes(2).

Horizonterweiterung
Die väterliche Präsenz erweitert schon im kleinkindlichen Erleben den Horizont und lässt spüren, dass sich auch unabhängig von der Mutterbrust leben lässt. Väter erweitern mit ihrem Da-Sein die Mutter-Kind-Symbiose zu einem Dreieck. Dieser Teil der väterlichen Rolle kann nicht genug unterstrichen werden: Väter sollten sich schon in der Kleinkindphase «einmischen», sich dem Kind greif- und spürbar nähern. Sie sollten ihre Bewegungsfreude, ihren andersgearteten Muskeltonus, ihre Risikobereitschaft im wörtlichen Sinne «ins Spiel bringen» und damit die Erlebniswelt des Kindes bereichern. Es ist wichtig, dass Väter schon im Kleinkindalter sich um exklusive Vaterzeiten mit ihrem Kind bemühen - um mutterfreie Zeiten, in denen der Stil des Vaters voll zum Tragen kommen kann. Ein Vater ist im Weiteren keinesfalls ein Egoist, wenn er einige Zeit nach der Geburt zuerst behutsam und dann immer drängender den Wunsch nach Sexualität zum Ausdruck bringt. Er ruft damit die Paar-Ebene in Erinnerung und trägt dazu bei, dass sich die Mutter wie auch das Kind mit diesem Triangulierungsprozess auseinandersetzen müssen: die Kunst des Loslassens beginnt schon hier - und ist die Wurzel für eine gelingende Selbständigkeitsentwicklung im späteren Übergang zum Erwachsenenalter. Die Mutter-Kind-Symbiose bildet die unumstössliche Basis im Dreieck Vater-Mutter-Kind. Der Vater sorgt dafür, dass auch die Dreiecks-Schenkel «Vater Kind» bzw. «Vater-Mutter» gleichgewichtig ins Spiel kommen. Und schliesslich darf es noch Zeiten geben, die jede Ecke in diesem Dreieck für sich allein beanspruchen kann bzw. soll. Väter, die sich im Beziehungsgefüge der jungen Familie einbringen bzw. einmischen, tragen somit ganz wesentlich zur Balance in diesem System bei; einer Balance zwischen Mutterzeit, Vaterzeit, Paarzeit und Eigenzeiten für jeden Einzelnen.

Zeit zum Vatersein!
Das mitverantwortliche Engagement in der Haus- und Familienarbeit kann ein sinnstiftender und qualifizierender Faktor in der «Karriereplanung» jedes Vaters sein. Und letztlich resultiert daraus ein «return on investment», den kein Börsenspiegel abzubilden vermag. Zwar haben dreissig Jahre Emanzipationsgeschichte patriarchale Vaterbilder, herrschaftliches Vater-Gehabe und Doppelmoral entlarvt, leider aber auch «das Kind mit dem Bade ausgeschüttet» und die Rolle der Väter pauschal demontiert. Was bleibt, ist ein Vakuum und mangelnde Rollenvorbilder. Dass sich trotzdem viele junge Väter längst schon anders verhalten, ihre Prioritäten neu gesetzt und sich von patriarchalen Vaterbildern verabschiedet haben, will noch nicht so richtig wahrgenommen werden. Umso wichtiger ist es, dass Väter vermehrt eigene Ansprüche- auf «Kinderzeit» formulieren und einlösen, selbstbewusst für ihre Vaterrolle (bzw. für ihre Kinder) einstehen, sich wieder aktiv «ins Spiel bringen» und die Partnerinnen daran erinnern, dass heutzutage auch die Verantwortung für Existenzsicherung bzw. Erwerbsarbeit zu teilen sei.

Lieber zwei Väter als gar keinen
Und was ist mit all jenen Vätern, die getrennt von ihren Kindern leben (müssen)? Ihre Vaterschaft bleibt zentral wichtig! Denn Partnerschaften kann man lösen, die Elternschaft jedoch bleibt eine lebenslange Aufgabe und Herausforderung. Darin kann eine grosse Chance liegen. Wenn ein Kind neben (von ihm getrennt lebenden) biologischen Vater zusätzlich einen im Lebensalltag präsenten «sozialen Vater» erleben kann, dann gewinnt es doppelt. Und wenn diese beiden Väter in gegenseitigem Respekt das Wohl «ihrer» Kinder über die Gefühle von Frust und Konkurrenz stellen können, dann passiert hier tiefgreifende «Friedensarbeit». Zudem bleibt den Kindern ein gravierender Loyalitätskonflikt erspart. Beispiele dafür gibt es! Doch unser Respekt gilt auch jenen ungewollt getrennt lebenden Vätern, für die dieser Schritt noch zu gross ist.

Kidy swissfamily: Oktober/2009

Quelle/Text: Christoph Popp


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