Tierische Therapeuten

Die tiergestützte Therapie macht sich das besondere Verhältnis, das der Mensch seit jeher zum Tier hat, zunutze: Die vierbeinigen Therapeuten helfen besonders Kindern mit geistiger und körperlicher Behinderung.
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich behinderte oder kranke Kinder von der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe eine Begegnung mit einem Tier wünschen (siehe: *Träume die in Erfüllung gehen). Diese Kinder wissen instinktiv um das Wohlbefinden, die angenehmen Gefühle und die Entspannung, die das Zusammensein mit einem Tier bringen. Für viele Kinder ist ein Hund, eine Katze, ein Meerschweinchen oder ein Hamster der beste Freund: Man kann ihm alle Geheimnisse anvertrauen, er spendet Trost, er ist einfach da - ohne zu hinterfragen. Ein solcher Freund tut der Seele und dem Herzen gut.

Aber auch das Bedürfnis nach körperlicher Nähe erfüllt ein Tier; man kann wunderbar mit ihm kuscheln. Wer schon einmal einen Menschen beobachtet hat, der eine Katze krault und liebkost, der hat sich sicher gefragt: Wer geniesst diese Streicheleinheiten eigentlich mehr - das Tier, das sie bekommt, oder vielleicht gar der Mensch, der sie gibt?

Positive Veränderungen
Und es ist nicht nur ein Genuss: Wissenschaftliche Studien belegen, dass bei Menschen Blutdruck und Pulsfrequenz sinken, wenn sie ihr Haustier streicheln. Die Erfahrungsberichte von Betreuern aus Kranken- oder Pflegeheimen, aus Aids-Hospizen oder Behindertenheimen, in denen therapeutisch mit Tieren gearbeitet wird, zeigen ganz klar: Der Umgang mit einem Tier bewirkt bei Menschen, die körperlich, geistig oder sozial beeinträchtigt sind, positive Veränderungen in ihrem Verhalten und verbessert oft auch ihre Gesundheit. Immer wieder wird beobachtet, dass bei cerebral Gelähmten die Muskelanspannung nachlässt, autistische Menschen ihrer Umwelt mehr Aufmerksamkeit widmen oder Menschen mit Hirnverletzungen weniger Mühe haben, ihre Bewegungen zu koordinieren.

«Die tiergestützte Therapie eignet sich für Kinder, die emotional oder körperlich beeinträchtigt sind», erklärt der renommierte Verhaltensforscher Dennis C. Turner, Präsident des Institut für die interdiszi-plinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT). «Wichtig dabei ist, dass der Therapeut sowie das Tier speziell dafür ausgebildet sind.» Turner, der auch Gastprofessor für tiergestützte Therapie in Japan ist, ergänzt: «Die Erfolgsaussichten einer solchen Therapie sind umso besser, wenn ein Kind bereits eine Beziehung zu einer Hauskatze oder einem Familienhund hat oder wenn es - bei Bekannten oder in einem Tierpark - ein besonderes Interesse an einem Tier zeigt.»

Intensive Kommunikation
Die tiergestützte Therapie ist keine Erfindung aus jüngster Zeit. Bereits im 19. Jahrhundert gab es in Belgien ein Projekt, bei dem Behinderte auf einem Bauernhof die Nutztiere betreuten. Einen richtigen Boom erlebte diese Therapieart in der 1980er-Jahren in den USA. Heute wird sie überall auf der Welt praktiziert. Dabei werden die verschiedensten Tiere eingesetzt; bekannt ist vor allem die Therapie mit Hunden, Pferden und Delfinen, die alle speziell für die therapeutische Arbeit trainiert wurden.

Die Bandbreite der Aktivitäten ist sehr gross: Die Kinder können mit dem Tier kuscheln, es streicheln oder einfach beobachten. Sie können es aber auch spazieren führen, versorgen und pflegen oder mit ihm spielen.

«Das Tier kann mit allen Sinnen wahrgenommen werden, es kommuniziert auch nonverbal und nimmt von sich aus Kontakt auf, selbst wenn sich das Gegenüber passiv verhält», erklärt die Heilpädagogin Annemarie Diener. «Dies kann sehr hilfreich sein bei Menschen, deren soziale und kommunikative Fähigkeiten beeinträchtigt sind».

Einfache Betreuungsaufgaben rund ums Tier lassen sich leicht bewältigen. Darum können sie auch Menschen mit geistiger Behinderung oder feinmotorischen Schwierigkeiten gut ausführen. «Es ist immer wieder schön, zu sehen, wie auch Kinder mit schweren geistigen Behinderungen emotional auf Tiere ansprechen und so eine Bereicherung ihrer Lebenssituation erfahren», sagt Annemarie Diener. Motorisch unsichere Kinder profitieren besonders davon, dass sie sich mit dem Tier viel bewegen. «Sie scheinen dabei ihre Beschwerlichkeiten zu vergessen», berichtet Annemarie Diener.

Übertriebene Erwartungen
Therapiehunde absolvieren ihre Einsätze vor allem in Institutionen, teilweise aber auch zu Hause. Peggy Hug leitet die Geschäftsstelle der Gesellschaft für tiergestützte Therapie und Aktivitäten (GTTA) und ist Präsidentin des Vereins Therapiehunde Schweiz (VTHS). Sie hat - zusammen mit ihren beiden Labradorhunden Aischa und Metti - das entsprechende Training für Hunde und ihre Halter absolviert. Diese Ausbildung wird vom Verein Therapiehunde Schweiz angeboten. «Ich besuche mit Aischa und Metti Kinder in der Rehaklinik des Kinderspitals. Um die positive therapeutische Wirkung zu verlängern, werden diese Kinder manchmal auch nach dem Austritt aus dem Kinderspital von Therapiehunden besucht.»

Während die Therapie mit Hunden, Katzen oder Pferden unumstritten ist, hat die Delfintherapie für Diskussionen gesorgt. Einerseits wird kritisiert, dass die Delfine in Gefangenschaft nicht artgerecht leben; andererseits weckten Medienberichte übertriebene Erwartungen. «Die Fernsehaufnahmen von der Delfintherapie sind sehr eindrucksvoll», sagt Dennis Turner. «Doch man darf nicht vergessen, dass bis jetzt noch nicht stichfest bewiesen wurde, dass eine Therapie mit diesen Wildtieren besser ist als jene mit domestizierten Tieren.» Aus diesem Grund lehnt der Internationale Dachverband der Organisationen für Mensch-Tier-Beziehung (IAHAIO) die Delfintherapie ab. Laut Turner werden Institutionen, die vergleichende Forschung betreiben, jedoch eines Tages möglicherweise gewisse Vorteile nachweisen. «Die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft wird aber immer problematisch bleiben», ist der Verhaltensforscher überzeugt.

Annahme und Respekt
Tiergestützte Therapie ist nicht nur etwas für Kinder mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung. Auch bei Lernschwächen, Ängsten, auffälligem Verhalten, ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) oder Beziehungsstörungen kann der Kontakt mit Tieren unterstützend wirken. «Das Tier nimmt den Menschen so an, wie er ist - es lässt sich nicht von Vorurteilen beeinflussen», erklärt Annemarie Diener. «Gleichzeitig fordert es aber eine achtsame und respektvolle Behandlung.»

Diese Therapie kann eine Unterstützung für andere therapeutische Massnahmen sein; sie ist aber auch alleine angewandt erfolgreich. Wichtig ist dann, dass gemäss der IAHAIO-Richtlinien in jedem Einzelfall die Erfolgsaussichten begründet werden können. «Im Umgang mit dem Tier erlebt sich das Kind aktiv, es macht neue, eigene Erfahrungen», sagt Annemarie Diener. «Dadurch werden sein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gestärkt.»


*Träume die in Erfüllung gehen
 

Die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe erfüllt Herzenswünsche von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund einer schweren Erkrankung, Verletzung oder Behinderung in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt sind. Sie organisiert für die betroffenen Kinder die Erfüllung der Träume und ermöglicht so wertvolle Stunden des Glücks.

Christian schwimmt mit den Delfinen
Der Wunsch, einem Delfin nahe zu sein, ihn im natürlichen Lebensraum zu erleben, wird von sehr vielen Kindern geäussert. Um diese Träume zu erfüllen, bietet uns die Stiftung FIRMM in Tenerifa in geradezu idealer Weise eine Plattform. Christian ist 8 1⁄2-jährig und leidet an einem Down-Syndrom. Auch er sehnte sich danach, einen Delfin im Meer schwimmen zu sehen. Schon alleine der Flug bildete einen Höhepunkt. Ein weiterer folgte, als Christian schon am zweiten Tag auf das offene Meer hinausfahren durfte und dort einer ersten Gruppe von Grindwalen begegnete. Auch das Barfusslaufen im feinen Sand und das Spuren hinterlassen gefiel ihm ausserordentlich gut. Unvergesslich und zutiefst beeindruckend wird aber für Christian der Tag bleiben, an dem er schon am frühen Morgen auf das Meer hinausfuhr. Wie aus dem Nichts versammelte sich am Bug des Schiffes eine ganze Schar Delfine. Sie spielten, sprangen, spritzten, tauchten und steckten alle mit ihrer grossen Lebensfreude an. Eine Gruppe von Grindwalen näherte sich ebenfalls dem Boot und in einiger Entfernung gesellte sich ein Pottwal dazu. Wollten sie wohl alle Christian begrüssen, haben auch sie sich über den Besuch des Knaben gefreut? Im Nu waren drei Stunden vorbei und der kleine Junge war zutiefst beeindruckt und glücklich. Darüber freute sich sein Mami ganz besonders - und wir uns mit ihr.

Stephanie bekommt einen Kuss vom Seelöwen
Durch die cerebralen Störungen ist das Leben für Stephanie und ihre Familie nicht immer ganz einfach. Neue, unbekannte Situationen sind für sie furchteinflössend, etwas anzufassen oft ein Muss und sogar etwas Unangenehmes. Aber durch Otto hat Stephanie viel gelernt. Otto ist ein Seehund. Er verbringt die meiste Zeit seines Lebens an Land, aber er tummelt sich auch sehr gerne im Wasser. Um mit ihm zu schwimmen und zu planschen, traf sich Stephanie im 25 Grad warmen Becken mit diesem vor Lebensfreude sprühenden Tier. Zuerst zeigte sie noch grosse Skepsis und Angst. Der Seelöwe liess sich durch Stephanies Zurückhaltung nicht beirren. Er schwamm freudig seine Runden und gab Geräusche von sich, die das Wasser vibrieren liessen, was Stephanie als angenehme Botschaft wahrnahm. Immer mehr liess sie sich von der Lebensfreude dieses Kerls anstecken. Von Mal zu Mal wurde sie mutiger. Mit der Zeit griff sie freiwillig nach ihm, wenn er an ihr vorbeischwamm und das Zuwerfen des roten Balles bereitete ihr grosses Vergnügen, und die Küsse dieses charmanten Kerls schien sie sogar richtig zu geniessen. Ganz deutlich konnten die Eltern an Stephanies Gesichtsausdruck erkennen, wie sehr sich ihre Tochter im Wasser bei ihrem grossen Freund wohlfühlte.

Links zum Thema:
Gesellschaft für Tiergestützte Therapie und Aktivitäten
gtta.ch

Erlebnisse und Therapie mit Tieren
lernen-mit-tieren.ch

Verein Therapiehunde Schweiz
therapiehunde.ch

Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe
sternschnuppe.ch 

Quelle/Text: Dominique Graf