Schulstress? Alles im Griff!
Das Projekt «Eltern und Schule stärken Kinder» (ESSKI) hat einen neuen Weg eingeschlagen: Erstmals wurden alle Eltern, Lehrer und Kinder separat gecoacht, damit alle lernen, mit Stress besser umzugehen. Der Aufwand hat sich mehr als gelohnt, wie erste Resultage zeigen.
Um diesem Trend entgegenzuwirken, haben viele Schulen schon seit einiger Zeit auf vielen Ebenen Projekte zur «Gesundheitsförderung» im engeren oder weiteren Sinne initiiert. Dass sich dies auszahlt, zeigen Studien zur Gesundheitsförderung mit Kindern und Jugendlichen. Sie belegen eindeutig, dass solche Projekte positive Effekte auf das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen haben. Die Kids erhalten viele Ideen, wie sie handeln können und lernen bewusster mit Belastungen, Stress, Süh-ten, «SehnSüchten» und Suchtmitteln umzugehen. Dass sich daraufhin auch das Schulklima verbessert, erstaunt nicht. Zudem steht ein gutes Schulklima in direktem Zusammenhang mit der Arbeitszufriedenheit und der Leistungsfähigkeit von Lehrpersonen und Schülern.
Bei ESSKI sind alle dabei
Im Idealfall sollten bei Schulprojekten alle an einem Strick ziehen: Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrpersonen. Oftmals jedoch liegt der Fokus allein auf der Verbesserung der Gesundheit der Schülerinnen und Schüler. Beim Projekt «Eltern und Schule stärken Kinder» ESSKI wurde ein neuer Weg eingeschlagen. Das Projekt, das vom Zentrum RessourcenPlus «R+» der Fachhochschule Nord-westschweiz durchgeführt wird, spricht die drei Zielgruppen Eltern, Lehrpersonen und Kinder an. Und alle Beteiligten arbeiten mit. Michaela Schönenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt ESSKI, erklärt, dass das Projekt auf der Annahme gründet, dass Kinder und Jugendliche in ihren persönlichen und sozialen Stärken am erfolgreichsten gefördert werden, wenn sie von Lehrpersonen und Eltern gemeinsam und gezielt unterstützt werden.»
Die Ziele sind hoch gesteckt: Kinder sollen selbstbewusster werden, konfliktfreier mit ihren Kollegin-nen und Schulkameraden umgehen und in Zukunft besser «nein» sagen können, etwa zum Rauchen oder anderen Suchtmitteln. Die Lehrer und Lehrerinnen und auch die Eltern sollen ihren Alltag stressfreier gestalten und das Zusammensein mit den Kindern entspannter angehen.
Kinder lernten während drei Wochen mit dem Persönlichkeitstraining «Fit und stark fürs Leben» ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen zu stärken. Die Erwachsenen erhielten jeweils eigene Weiter-bildungen: Die Lehrerinnen und Lehrer in Form eines 20stündigen Stress- und Selbstmanagementkurses «Stress abbauen Ressoucen fördern», die Eltern wiederum konnten freiwillig und kostenlos an einem Triple-P-Training (Positive Parenting Programme) teilnehmen, das ihre Erziehungskompetenz steigern sollte. «Was die Lehrpersonen besonders am Mitmachen motivierte, war der Einbezug der Eltern mit einem eigenen Angebot», sagt Michaela Schönenberger. «Die Eltern schätzten die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern sehr. Es scheint, dass solche Projekte einem grossen Bedürfnis der Eltern entsprechen aber auch der Lehrerinnen und Lehrer.»
Das Programm ESSKI wurde in den sechs Kantonen AG, BS, BL, SH, TG und ZH im Schuljahr 2005/06 durchgeführt. Beteiligt waren 84 Lehrpersonen mit 78 Schulklassen. Das Projekt wurde Ende 2006 abgeschlossen.
Individuelle Betreuung für jede Familie
Judith Brändle war eine von rund 800 Müttern und Vätern, die am ESSKI-Projekt mitgemacht haben. «Wenn man die besten Ergebnisse erwartet in einem Schulprojekt, ist es fast zwingend, dass auch die Eltern mitmachen,» findet Judith Brändle, deren siebenjährige Tochter Ella in der ersten Klasse von Mauro Widmer im Schulhaus Neubad-Süd in Basel am Projekt teilgenommen hat.
Bei Triple-P lernen die Eltern zu erkennen, welche Erziehungsstrategien im Alltag hilfreich sind. Es stellt neue Handlungsmodelle vor, welche wünschenswertes Verhalten bei den Kindern fördern sollen und bei schwierigen Situationen Lösungen bieten. Für das Projekt ESSKI wurde eine neue Arbeitsform gefunden: Anstelle von Kursen erhielten die Eltern das Video «Überlebenshilfe für Eltern» und ein Triple-P-Selbsthilfebuch. Zudem wurden die Eltern in den zehn Wochen Kursdauer von Fachleuten individuell während einer halben Stunde pro Woche telefonisch beraten.
Für Judith Brändle und ihren Mann hat die Weiterbildung mit Triple-P viel gebracht. «Viele Sachen sind mir dadurch wieder bewusst geworden und ich setzte sie konsequenter um. Wenn ich eine bestimmte Verhaltensweise von meinem Kind erwarte, etwa, dass es beim Essen am Tisch sitzen bleibt, muss ich früh eingreifen und ganz konsequent handeln, und nicht nur erst mal viel reden.» Auch ganz «banale» Dinge im Umgang miteinander sind ihr und ihrem Mann klarer geworden: Ausreden lassen, nicht ins Wort fallen zum Beispiel. «Seit der Schulung gibt es bei uns auch öfter Diskussionen zur Frage: Was ist ein starkes Kind? Dazu gehört eben auch gewinnen und verlieren können oder auch Schwäche zeigen», so Judith Brändle weiter.
Dass sich das Klima in seiner Klasse positiv entwickelt hat, kann auch Ellas Klassenlehrer Mauro Widmer bestätigen, der von Oktober bis Januar das Persönlichkeitstraining «Fit und stark fürs Leben» in seiner Schulklasse durchgeführt hat. In 20 Unterrichtseinheiten zu je einer Stunde standen Übungen zu folgenden Punkten auf dem Programm: zur Selbstwahrnehmung und Einfühlungsvermögen, zum Körperbewusstsein, zum Umgang mit negativen Emotionen, zur Kommunikation, Standfestigkeit/kritischem Denken und zum Problemlösen. Die Kinder lernten dabei mit den Igeln Igor und Isabella spielerisch ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen auszubauen. Vom 5./6. Schuljahr an sind es anstelle der Igel altersgerechte Leitfiguren, das Mädchen Lara und der Junge Tim. Das Besondere an diesem Programm ist zudem, dass es schon in der ersten Klasse durchgeführt werden kann. Judith Brändle antwortet auf die Frage, inwiefern sich Ella durch das Persönlichkeitstraining in der Schule verändert hat, mit einem Beispiel: «In der Klasse hatten einige Mädchen das Problem, wer mit wem in die Pause geht und wer die Anführerin sein soll. Sie versuchten das so zu lösen, indem sie sich gegenseitig Briefe geschrieben haben. Es wurde dann der Vorschlag gemacht, dass jede mal «Chef» sein dürfe für eine Woche.» Und Ella selber? Die Siebenjährige fand so ziemlich «alles toll». Vor allem, dass man einfach «Stopp» sagen kann bei einem Konflikt oder bevor man «zuhaut», das hat ihr gefallen. Und im Umgang mit stressigen Situationen konnte sie für sich eine Strategie entwickeln. Ella: »Dann setz ich mich hin und mache fünf Minuten die Augen zu. Und dann denke ich, dass ich nachher keinen Stress mehr haben muss.» Im Unterricht, so meint sie, seien alle ein bisschen lockerer geworden. Auch der Klassenlehrer Mauro Widmer sei «nicht mehr so gestresst.»
Fantasiereisen und Detektivaufträge
In der ersten Primarklasse von Mauro Widmer im Neubadschulhaus in Basel stellte sich das Wort «Stopp» als wahres Zauberwort heraus. «Mit Hilfe eines Merkblattes zur Problemlösung konnten die Mädchen und Jungen auf dem eingerichteten «Nachdenkstuhl» lernen, dass man bei einem Streit oder einem anderen Problem zunächst einmal nachdenken soll als erstes sagt man «Stopp». Dann lernten sie, dass einem immer irgendwelche Lösungen einfallen.» In Kleingruppen zu je sechs Kindern wurde diese Problemlöse-Strategie eingeübt. Die Kindergruppen seien jedesmal rege dabei gewesen und hätten zusammen auf dem «Lösungsstuhl» kreative Lösungen gefunden. Das Kind mit dem Problem konnte sich dann eine Lösung aussuchen. Der Primarlehrer Widmer war erstaunt über die Wirksamkeit dieser Strategie. «Die Kinder haben an Selbstvertrauen gewonnen.»
Beat Rüst unterrichtet im Schulhaus Zelgli in Schlieren und konnte das ESSKI-Programm in einer dritten Klasse durchführen. Der ganzheitliche Ansatz des Projektes hat auch ihn überzeugt. Spass machten den Kindern vor allem die Detektivaufträge eine spezielle Form der Hausaufgaben und die Fantasiereisen. «Diese kleinen Reisen die Kinder mussten dabei die Augen schliessen und ich führte sie auf eine schöne Wiese oder auf einen Berg hatten eine sehr beruhigende Wirkung auf die Kinder und auch auf mich.» Seine Klasse hat sich dadurch schon deutlich positiv verändert. Die Schülerinnen und Schüler seien ruhiger und hätten gelernt, in Stresssituationen ihre eigene Bewältigungsstrategie anzuwenden. Und er selber nehme vieles auch gelassener, ruhiger und mit mehr Humor.
Für viele Lehrpersonen war der «salutogene» Ansatz ein wichtiges Argument, um am ESSKI-Projekt teilzunehmen. Mauro Widmer erklärt: «Der Ansatz war hier nicht Defizit orientiert. Die Frage: Was hält mich gesund? stand im Zentrum.» Das zentralste Element von Mauro Widmer sind seit der Schulung die Übungen der Progressiven Muskelrelaxation, die er im Modul «Spannung und Entspannung im (Schul-)Alltag» erlernen konnte. «Ich kann mit acht einfachen Übungen die Stress-Spirale unterbrechen. Ich führe dies regelmässig jeden Tag 15 Minuten lang durch, und es wirkt. Ich bin ruhiger geworden.»
Erwartungen übertroffen
Dass offensichtlich alle Teilnehmenden mit dem gross angelegten Projekt zufrieden waren, zeigten die Erfahrungen während des Projekts und die ersten vorläufigen Ergebnisse. Urs Peter Lattmann, zusammen mit Barbara Fäh Co-Leiter des Projekts ESSKI: «Zwei Punkte waren sehr überraschend: Erstens die Bereitschaft und das Bedürfnis der Eltern für diese Art der Zusammenarbeit mit der Schule. Wir hatten mit 400 bis 500 Anmeldungen gerechnet, 900 Eltern hatten sich schliesslich gemeldet. Zweitens habe ich keine derart positiven Rückmeldungen von allen Teilnehmenden erwartet.» Die Hypothesen, die zu Beginn aufgestellt wurden, haben sich bestätigt: Es lohnt sich, bei Projekten alle Beteiligten aktiv einzubeziehen, auch wenn es einen Mehraufwand bedeutet.
Stressprävention
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Familien-Stressbaromenter
Quelle/Text: Lioba Schneemann
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