Schulstart spielend leicht
Jedes Kind entwickelt sich normalerweise von ganz allein zum Schulkind, allerdings ist jedes Kind anders. Vieles muss ein Schulkind können. Eine frühe Förderung ist aber meist unnötig.
Jedes Kind ist anders
Viele Fähigkeiten können Kindern den Schulstart erleichtern. Sozialkommunikative und geistige (kognitive) Fähigkeiten, eine gewisse psychische Stärke und körperliche Kompetenzen sagen etwas darüber aus, ob ein Kind schulreif ist. «Diese Fähigkeiten erlernen die Kinder normalerweise, ohne dass es ihnen bewusst jemand beibringt», sagt Andreas Günther, Primarlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Mayenfels in Pratteln (BL). «Das Reifen ist ein Prozess, der sehr individuell verläuft. Es ist der Übergang aus der verträumten Kleinkindzeit hin zum Schulkind, das allmählich an Zahlen, Buchstaben interessiert ist. Aber nicht immer geht es so schnell wie bei Kim. Viele Kinder haben eine Scheu vor Neuem.»
Zahlreiche Fähigkeiten sind gefragt: «Ein Schulkind sollte in der Lage sein, seine eigenen Bedürfnisse aufzuschieben», sagt Manuel Joray von der Kantonalen Erziehungsberatung des Kantons Bern. «Die Frage ist, wie es sich motivieren lässt, auch etwas Abstraktes zu lernen wie Buchstaben und Zahlen.» Ein Kind sollte sich eine Zeit lang mit einer Sache beschäftigen können, und auch dann, wenn etwas nicht so attraktiv ist. Es sollte eine Zeit lang still sitzen und zuhören und gestellte Aufgaben befolgen können. Zudem sollte ein Kind sich nicht leicht von anderen Dingen ablenken lassen.
Körperliche Stabilität ist wichtig. An der körperlichen Reife kann man zudem etwas über die seelische Befindlichkeit ablesen. Die körperliche Reife beinhaltet auch Faktoren wie grob- und feinmotorische Bewegungen: Kann es seine Bewegungen kontrollieren? Bei den feinmotorischen Fähigkeiten kommt es darauf an, ob es etwa Schuhe binden kann, schneiden und einen Stift entspannt halten. Die körperliche Entwicklung korrespondiert mit der Sprachentwicklung und mit der Fähigkeit, etwas zu begreifen.
Ein Schulkind sollte sich sprachlich verständlich machen können: Es soll in ganzen Sätzen sprechen, zeitliche Abläufe erfassen und ausdrücken können. Wichtig ist, dass es sich Lieder, Verse oder Geschichten merken und mehrere Aufträge im Kopf behalten kann - eine wichtige Vorraussetzung für das Lernen.
Ein Schulkind sollte seelisch und emotional reif sein. Gemeint ist damit die Art und Weise, wie ein Kind seine Welt erlebt und wie es gefühlsmässig in der Welt steht. Manuel Joray, Schulpsychologe im Kanton Bern: «Häufig wird aber die Bedeutung der sozialen und emotionalen Reife überschätzt. Faktoren wie etwa Interesse für Schulisches und Intellekt sind für den Erfolg beim Schuleinstieg bedeutender.»
Eltern entscheiden
Die einzelnen Aspekte für eine Schulreife werden nie getrennt voneinander betrachtet. «Jedes Kind entwickelt sich individuell. Und jede Entwicklung ist geprägt von seiner Umwelt, den Erwartungen, die an ein Kind gestellt werden. Es ist möglich, dass Eltern der intellektuellen Entwicklung mehr Bedeutung schenken als etwa der sozialen oder affektiven Entwicklung. Dann ist es denkbar, dass der eine oder andere Bereich zu kurz kommt, jedoch in einem Klassenverband kompensiert werden kann», erklärt Peter Gutzwiller, Psychologe FSP beim Schulpsychologischen Dienst des Kantons Basel-Stadt.
Ausserdem können die meisten Kinder in der Zeit zwischen der Abklärung und dem Schuleintritt - in der Regel über einen Zeitraum von einem halben Jahr ? grosse Fortschritte machen. Die Kriterien für eine Schulreife seien darum nur annähernd eine Norm, an der man sich orientieren könne.
Eltern haben das Sagen
Normalerweise gibt die Kindergarten-Lehrperson eine Empfehlung ab, schliesslich entscheiden aber die Eltern. Bei Unstimmigkeiten können sich Eltern an den Schularzt und den Schulpsychologischen Dienst des Kantons wenden. Empfehlenswert ist es, sich bei der zuständigen Schule über das Vorgehen zu erkundigen, denn dies ist je nach Kanton unterschiedlich.
Ist ein Kind nicht schulbereit oder sind die Eltern unsicher, gibt es verschiedene Alternativen. Ein drittes Kindergartenjahr ist meist möglich, aber nicht immer gern gesehen. Peter Gutzwiller: «Im Kanton Basel-Stadt versuchen wir, Rückstellungen zu vermeiden. Wir klären jeweils ab, wo Probleme liegen und ob allenfalls therapeutische Massnahmen sinnvoll sind.»
In vielen Kantonen gibt es Einführungsklassen (EK): Normal intelligente Kinder, die in einzelnen Bereichen noch nicht schulbereit sind, werden in Kleinklassen unterrichtet. Im Kanton Solothurn sind momentan 12% aller Kinder in einer Einführungsklasse, in Basel-Stadt wurden im letzten Schuljahr 75 Kinder für eine EK angemeldet. In der EK wird das erste Schuljahr in zwei Jahren absolviert, der Unterricht erfolgt nach heilpädagogischen Prinzipien.
Wünschen Eltern eine vorzeitige Einschulung, ist eine genaue Abklärung die Regel. Manuel Joray erklärt: «Für die vorzeitige Einschulung braucht es einen Antrag der Fachinstanz, der Erziehungsberatung oder des Kinder- und jugendpsychiatrischen Dienstes. Eltern können diesen nicht selber beantragen.»
Quelle/Text: Lioba Schneemann
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