Buben kommen in der Schule oft zu kurz

Ein Netzwerk setzt sich für die Bubenarbeit an Schweizer Schulen ein. «Sexualisierte Gewalt unter Kindern und Jugendlichen». Zwei Themen, die eng miteinander verknüpft sind.
Gewalt, Raserei, schlechte Leistungen bei Prüfungen, Verhaltensauffälligkeiten und disziplinarische Defizite im Schulunterricht: Immer mehr Buben und männliche Jugendliche verstossen gegen gesellschaftliche Konventionen, kommen mit der Schulkultur nicht mehr zurecht und nicht selten auch mit dem Gesetz in Konflikt. In der Schule lassen die Leistungen nach, Eltern und Lehrpersonen bangen um die Schul- und Berufskarriere ihrer Kinder bzw. Schüler. Was ist los mit den Buben und männlichen Jugendlichen von heute? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigt sich das Netzwerk Schulische Bubenarbeit NWSB mit Sitz in Fällanden. Das Netzwerk ist ein Verein von interessierten Personen und Institutionen aus der Deutschschweiz, welche die geschlechtsbezogene Arbeit mit Buben und männlichen Jugendlichen in der Schule, sprich, im Unterricht, im Schulalltag sowie in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung verstärken wollen. Seit November 2000 fördert der Verein die geschlechtsbezogene Arbeit mit Buben und männlichen Jugendlichen im Schulbereich.

Ungleichgewicht ist entstanden
Wer nach den Gründen für die Verhaltensauffälligkeiten und Leistungsprobleme von Buben und männlichen Jugendlichen sucht, findet wichtige Antworten in der Entwicklung der geschlechterspezifischen Gleichberechtigung in den letzten 30 Jahren. Die Benachteiligung der Frauen war lange Zeit eine Tatsache und ist auch heute noch nicht beseitigt (Lohnungleichheit). Mit der Einführung der Gleichberechtigung für beide Geschlechter stand in den letzten 30 Jahren vor allem das weibliche Geschlecht im Mittelpunkt pädagogischer und gesellschaftlicher Anstrengungen. Die Schule unternahm viel, um den Bedürfnissen der Mädchen gerecht zu werden. «Schon zu Beginn der 90er-Jahre wurde durch die Gleichstellungsfrage der Geschlechter in Schulen klar, dass Buben ebenfalls Unterstützung benötigen - aber auf anderen Gebieten als die Mädchen», erklärt Hansjürg Sieber, Vorstandsmitglied des Netzwerkes, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Bern, selber als Lehrperson tätig und ehemaliger Präsident von Schule und Elternhaus des Kantons Bern.

Neue Aufgaben und Anforderungen
Doch welches sind die Bedürfnisse der Buben? Für Hansjürg Sieber lässt sich diese Antwort nur im Kontext der heutigen und künftigen gesellschaftlichen Entwicklung erklären. «Die künftigen Männer und Frauen in unserer Gesellschaft werden mit vielfältigeren Anforderungen und Aufgaben konfrontiert als früher. So ist die bezahlte Erwerbsarbeit für Mann und Frau bereits heute ein Thema. Viele Familien werden in Zukunft auf beide Einkommen angewiesen sein.» Auch die Aufteilung der Arbeiten innerhalb einer Partnerschaft werde sich in Zukunft noch verstärken, ist Hansjürg Sieber überzeugt. Diese stelle die Menschen im Familien- und Berufsleben vor neue Herausforderungen. Doch werden die heutigen Buben und männlichen Jugendlichen in der Schule genügend auf diese Aufgaben vorbereitet? Nein, findet Hansjürg Sieber. «Die Buben kommen zwar mit ihren männlichen Eigenschaften in der Schule zu kurz, werden aber in den  sogenannt »typisch weiblichen» Fähigkeiten wie Teamarbeit oder Kommunikation zu wenig gezielt gefördert.» Zu kurz kommen auch die körperlichen Bedürfnisse der Buben, die sich vor allem in ihrem Bewegungsdrang äussern. Laut Hansjürg Sieber schätzen übrigens auch Mädchen die kämpferische Komponente und pflegen Wettbewerb und Konkurrenz.

Buben gezielt fördern
Mit welchen pädagogischen Massnahmen können Buben im Schulunterricht vermehrt gefördert werden? «Es braucht eine ergänzende Förderung der Buben, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden», fordert Hansjürg Sieber. Dieser stellt im Schulunterricht immer wieder fest, dass die Schüler bei Diskussionen oder sprachlichen Aufgaben gegenüber ihren Klassenkolleginnen das Nachsehen haben und schweigen. «Ich führe deshalb bewusst auch Diskussionen nur mit den Schülern. Und dann reden sie plötzlich.» Buben brauchen breite Fähigkeiten und Ressourcen, die ihnen zu einem grossen Teil die Schule vermitteln kann. Den Vorwurf, durch die grosse Zahl weiblicher Lehrpersonen vor allem im Kindergarten und auf der Unterstufe würden die männlichen Attribute in der Entwicklung der Buben vernachlässigt, lässt Hansjürg Sieber so nicht gelten. «Neueste Untersuchungen aus Deutschland etwa zeigen, dass sich eine Mehrheit der Schüler Frauen als Lehrpersonen wünscht.» Allerdings brauche es auch männliche Vorbilder, die die Entwicklung der Buben und männlichen Jugendlichen prägen. Und an solchen männlichen Vorbildern mangle es derzeit - auch den Mädchen. Der Vater ist zu Hause aufgrund seiner beruflichen Tätigkeiten sehr oft abwesend - oder nach der Scheidung sogar ausgezogen. Immer mehr Kinder werden von alleinerziehenden Müttern aufgezogen. «Die Beziehung und Schule sind stark von Frauen geprägt. Doch wo bleiben die Männer? Warum übernehmen sie nicht mehr Erziehungsaufgaben zu Hause? Warum kämpfen die Männer nicht für den Vaterschaftsurlaub?», fragt sich Hansjürg Sieber.

Umdenken gefordert
Das Netzwerk NWSB setzt sich auch dafür ein, vermehrt junge Männer als Lehrpersonen für die Unterstufe gewinnen zu können. Dabei sind sich die Verantwortlichen bewusst, dass für viele Männer das heutige Berufsbild des Primarlehrers für die Unterstufe zu wenig attraktiv ist, ebenso wenig die Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten. Hier setzt das Netzwerk an, aber auch bei der Rekrutierung an den Gymnasien und Pädagogischen Hochschulen. «Hier spielen auch gesellschaftliche Bilder und Tabus eine Rolle, die zum Beispiel im Zusammenhang mit der Diskussion um die Pädophilie-Problematik immer wieder auftauchen. Das sind sehr komplexe Diskussionen», ist sich Hansjürg Sieber bewusst. Bis in diesem Bereich ein Umdenken stattfindet, brauche es mindestens noch eine Generation. Erste positive Entwicklungen zeichnen sich bei den jungen Vätern ab, die sich dafür einsetzen, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Oft stossen sie jedoch auf rechtliche oder betriebliche Hindernisse. Und hier wiederum müssten die Männer lernen, vermehrt dagegen anzukämpfen.

Zwei aktuelle Projekte
Mit verschiedenen Projekten arbeitet das Netzwerk an einer sogenannten geschlechterbalancierten Pädagogik. «Wir wollen den Buben aufzeigen, was sie für ihr späteres Leben in Familie und Beruf brauchen. Zudem sollen sie lernen, dass es nicht nur das klassische Bild des Mannes aus der Werbung gibt, sondern dass dieses sehr viel breiter sein kann.» Derzeit laufen zwei verschiedene Projekte, die einerseits das klassische Männerbild revidieren und andererseits für mehr männliche Lehrpersonen auf der Unterstufe der Primarschule sorgen wollen. Die Aktion «Speed» will gegen den Geschwindigkeits- und Raserwahn junger Erwachsener vorgehen, und mit dem Projekt «Männer auf die Unterstufe» sollen junge Männer für die Arbeit in Kindergarten und Primarschule gewonnen werden. «Wir verstehen unsere Arbeit als unseren zu leistenden Teil auf der Männerseite und suchen bewusst die Zusammenarbeit mit den Frauen. Diese Vernetzung von männlichen und weiblichen Interessen erscheint uns enorm wichtig», betont Hansjürg Sieber.    

Informationen:
Netzwerk Schulische Bubenarbeit: nwsb.ch
Schule und Elternhaus Schweiz: schule-elternhaus.ch

Kidy swissfamily: August/2009

Quelle/Text: Fabrice Müller