Horizonterweiterung - Reisen erschliesst neue Horizonte

Familie Zwahlen hat sich einen Traum verwirklicht: Mit Sack und Pack haben Dorothea und Christoph Zwahlen mit ihren Söhnen Tobias (11) und Jodok (9) eine mehrmonatige Reise unternommen. Ihr Ziel: Fremde Kulturen hautnah erleben. Für Kidy swissfamily öffnet Familie Zwahlen ihr Tagebuch in China.
Quelle Bild: Christoph Zwahlen
Leise und zeitlos plätschert das Wasser hinunter über die Steinstufen. Im Teich wirft es ausbreitende Wellen, auf denen Seerosenblätter schaukeln. Ein Windstoss streicht durch den Garten und kühlt in der Mittagshitze willkommen unsere Haut. Wir haben uns ausgestreckt auf einer Steinbank im Schatten eines Pavillions. Die Kinder sitzen unter den herabhängenden Ästen -einer Weide am Wasser, in ein Spiel vertieft. Nur eine Mauer und eine Häuserzeile trennen uns vom Gewusel und Gewühle in den angrenzenden Gassen und Strassen der Stadt, vom Gehupe und Gedränge der Autos, Roller, Fahrräder. Diese traditionellen chinesischen Gärten sind noch immer Oasen der Ruhe und Erholung inmitten der chinesischen Grossstadthektik. Wir atmen tief auf. Die Welt von Zuhause und der Alltag sind fern Monate ist es schon her, dass wir zuhause Kleider, Schuhe, Bücher, Spiele herausgesucht und abgewogen haben: was nehmen wir mit, was nicht? Lesen, Spielen, Schlafen, Lernen, Wärme, Kälte, Wandern, Kranksein, Orientieren wollen sorgfältig bedacht sein. Schliesslich haben wir dann gepackt, so viel (oder wenig), wie wir gemeinsam zu tragen vermögen: jeder und jede einen Rucksack. Früh an einem Wintermorgen sind wir aufgebrochen. Tram, Zug, Containerschiff, Wohnmobil und Flugzeug haben uns auf einer 6-wöchigen Reise um zwei Drittel des Globus nach Shanghai geführt. Und schon mehr als zwei Monate im Reich der Mitte liegen hinter uns.
 
Das erste Gesicht, das China uns zeigt, ist die pulsierende, schillernde und von Gegensätzen vibrierende Grossmetropole Shanghai. Hier gewährt uns eine befreundete Familie, die seit vier Jahren mit zwei Kindern (im etwa gleichen Alter wie Tobias und Jodok) in Shanghai lebt, Gastrecht für die Dauer unseres Aufenthaltes in China. Erschlagend ist in den ersten Tagen die Grösse der Stadt, die Masse der Menschen, das Gedränge des Verkehrs, der permanente Lärmpegel.
Von unserem «Basislager» in Shanghai aus brechen wir auf zu unseren Reisen in verschiedene Landesteile Chinas. Hierhin kehren wir auch immer wieder zurück, um uns zu erholen, unsere Erfahrungen auszutauschen und uns für den nächsten Aufbruch neu auszurüsten. Dieser Wechsel von Unterwegssein und Rückzug in ein temporäres Zuhause verleiht uns einen langen Atem. Für uns alle sind es willkommene und unverzichtbare Ruhephasen, um die Fülle der Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten. Die Kinder halten ihre Eindrücke in ihren Tagebüchern fest und sind über E-mail in Kontakt mit ihren Freunden und ihren Schulklassen in der Schweiz. Von der Primarschule haben wir bei der Beurlaubung unsrer Kinder die verbindliche Auflage erhalten, den im Urlaubssemester anstehenden Kernstoff mit ihnen zu erarbeiten. Also findet in der Zeit im «Basislager» täglich ein bis zwei Stunden Unterricht statt. 
 
Zu Fuss durch China
Auf den Reisen durch China bleiben wir unserem Grundsatz der Langsamkeit treu. Wir wählen wenige Orte und Re-gionen, für deren Besuch wir genügend Zeit einsetzen. In den Jangtse-Schluchten, im Huangshan (den Gelben Bergen), auf der Insel Putuoshan oder entlang der Grossen Mauer sind wir soweit als möglich und sinnvoll zu Fuss unterwegs. Flugzeug, Zug und Auto finden Verwendung bei der Anreise und um die Ausgangsorte der Trekkings zu erreichen.
Die Fortbewegung zu Fuss ist Voraussetzung für Begegnungen mit den Menschen am Weg- oder Feldrand, Anlass für kurze Wortwechsel oder längere Gespräche, für eine Einladung zum Tee. Diese kleinen Begegnungen bestimmen den Charakter unserer Reisetage. Sie sind unplanbar und unwiederholbar, und darum einzigartig. Die Volkskultur und Lebensrealität Chinas gewinnen in ihnen ein menschliches Gesicht. Ein überschaubarer Moment an einem konkreten Ort, gewissermassen das Heranzoomen und Verlangsamen einer Szene in einem sonst auf-regend vielschichtig ablaufenden Geschehen. Auf unseren Wanderungen etwa durch die Jangtse-Schluchten bewegen wir uns auf schmalen Pfaden durch eine Kulturlandschaft ohne Strassen und ohne jegliche Mechanisierung. Noch heute bebauen die Menschen in ausschliesslicher Handarbeit ihre Kleinstparzellen an den steilen Hängen.

Die Stille mach hellhörig
Wir bewegen uns in einer Stille, die hellhörig macht. Das Zirpen der Grillen, das Gebell eines Hundes von einem fernen -Gehöft, das Lachen der Kinder auf dem Pausenplatz der Dorfschule ist weithin zu vernehmen. Unsere Kinder erleben wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst, wie sehr sich das Leben der Menschen hier von unserem heutigen europäischen Alltagsleben unterscheidet. Aus ihren Rückfragen wird ersichtlich, dass sich in ihren Köpfen die Erkenntnis formt, dass sich Lebensformen in geschichtlicher Abfolge weiterentwickeln. Sobald wir «weissen Lang-nasen» in Sichtweite geraten, unterbrechen die Menschen ihre Feld- und Hofarbeit. Das Spinnrad steht still, die Dreschflegel werden weggelegt und auch der Wasserbüffel, der den Holzpflug zieht, erhält eine Verschnaufpause. Tee und Früchte werden uns angeboten.
Uns fällt auf, dass auf den Gehöften fast nur noch ältere Menschen ab ca. 50 Jahren leben und arbeiten. Wir erfahren, dass die jüngere Generation abgewandert ist in die Boomstädte an den Küsten und dort in einem Heer von ungelernten Wanderarbeitern ihr wirtschaftliches Auskommen sucht. Die wenigen Kleinkinder, die wir antreffen, sind die Enkel, die bei ihren Grosseltern auf dem Land aufwachsen.
Vor allem unsere Kinder sind es, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen, allein schon durch ihr Aussehen und ihre blonde Haarfarbe, die sich vom chinesischen Schwarz überdeutlich abhebt. Unsere Kinder sind es, die oft das Eis brechen und die Menschen aus ihrer Zurückhaltung locken. Manchmal haben sie uns buchstäblich Türen geöffnet, die uns Erwachsenen verschlossen geblieben wären. So haben wir trotz (oder eben gerade wegen) des gemächlicheren Fortbewegungs- und Reisetempo intensivere Begegnungen erlebt. Die Gespräche drehen sich denn auch immer zuerst um die Kinder, unsere und ihre, ihr Alter und (von chinesischer Seite) um die Anzahl. Als Folge der Begrenzung der erlaubten Kinderzahl gewinnt das Geschlecht des (einzigen) Kindes vor dem Hintergrund der tief verankerten Familientraditionen ein neues Gewicht. Wir werden benieden um zwei Kinder und allenfalls stillschweigend dafür bedauert, dass wir keinen Sohn haben. Dass Tobias und Jodok trotz blonder und langer Haare keine Mädchen sind, lässt sich keinem Chinesen verständlich machen, was beim Aufsuchen -jeder öffentlichen Toilette regelmässig für Missverständnisse und Aufregung sorgt.

Karge Verhältnisse an Schulen
In den Dörfern führt unser Weg immer wieder an Schulhäusern vorbei. Unseren Kindern wird bei diesen Gelegenheiten der Kontrast zwischen den europäischen und chinesischen Verhältnissen drastisch vor Augen geführt: die karge Ausstattung der Unterrichtsräume mit einfachen Holzbänken, schmucklosen Betonwänden, gähnend leeren Fensteröffnungen, Klassen mit 40 und mehr Augenpaaren, die gross und staunend auf die unerwarteten Besucher gerichtet sind. Unsere Kinder sprechen leider zu wenig chinesisch und sind in diesen Situationen zu verhalten, um in direkten Austausch mit ihren chinesischen Altersgenossen zu treten. So laufen die Gespräche über uns und die Lehrpersonen. Zu den fast täglichen kulturellen Höhepunkten zählt zweifellos das chinesische Essen. Nach der Wahl des Lokals folgt das ungewohnt umständliche Pro-zedere der Essensbestellung. Mal ist die Speisekarte zweisprachig, mal ist es auch zusätzlich das Personal, mal ist die Karte zwar auf Chinesisch, aber mit Fotos versehen, mal ist sie nur auf Chinesisch oder fehlt gänzlich. In den beiden letzten Fällen bietet sich der Gang in die Küche an: fein säuberlich aufgereiht liegt die aktuelle Auswahl an frischem Gemüse auf, in Plas-tikbottichen und Glaskästen kriecht oder hockt das aktuelle Frischtier- und Fischangebot: Krabben, Frösche, Raupen, Muscheln, wir schauen interessiert hin und lassen dann doch die Finger davon. Mit unserem Basischinesisch und mit Gesten wird nun das Essen zusammengestellt. In wenigen Minuten werden die ersten Gerichte aufgetragen; die Tafel füllt sich: ein Fest für Augen, Nase und Gaumen. Nun kann jeder und jede mit den Essstäbchen nach Belieben und Tagesgeschmack aus den Schüsseln, Platten und Töpfen zugreifen. Dass man nach einer ersten Degusta-tionsrunde dann nach Belieben unter den Gerichten eine individuelle Auswahl treffen kann, steigert noch den kulinarischen Genuss eines chinesischen Essens und kommt den Bedürfnissen besonders der Kinder sehr entgegen. Hühnerfüsse und Schweinsohren waren zwar interessante kulinarische Horizonterweiterungen, aber wir werden sie zuhause kaum vermissen.
Die Erfahrungen rund ums Essen stehen exemplarisch für die Begegnung und Auseinandersetzung mit neuen Spielarten des Lebens in einem anderen Kulturkontext. Während wir Erwachsenen auf zurückliegende Reiseerfahrungen zurückgreifen können, war es für die Kinder die erste ernsthafte, unausweichliche Konfrontation mit ungewohnten kulturellen Mustern und Verhaltensweisen. Mit einem Verkehrsgeschehen, das andern (oder -keinen?) Gesetzmässigkeiten folgt, mit religiösen Ritualen, die von denen unserer Kirchen abweichen, mit Einkäufen, die erst nach zähen Verhandlungen ge-tätigt werden, mit Menschen, die oft offensiver und direkter agieren, mit prekären hygienischen Verhältnissen, die erhöhte Sorgfalt erfordern. Unsere Kinder haben gelernt, Neues zu entdecken und zu geniessen, Ungewohntes auszuhalten und Lästiges zu ertragen. Dass im chinesischen Alltag der entschlossene Einsatz der Ellbogen weit erfolgreicher ist als westliche Höflichkeit, haben sie schnell kapiert und praktiziert und diese Eigenschaft haben sie auch mit nach Hause gebracht.

Besichtigung der "Langnasenkinder"
Ein mittlerweile vertrautes Geräusch weckt uns jäh und unvermittelt aus dem Mittagsschlummer: das zwar noch ferne, aber unerbittlich anschwellende Geplärre eines Megaphons kündet das Nahen einer chinesischen Reisegruppe bei der Besichtigung des Gartens an. Vorneweg die Führerin, hinter ihr drein trottet willig und ergeben eine Schar von zwei Dutzend bereits mittagsmüden Chinesinnen und Chinesen. Jetzt erreicht die Besichtigungsprozession unseren Ruheplatz. Die wenigen Beflissenen in den ersten Reihen der Reisegruppe folgen weiterhin den Erläuterungen der Führerin, in den hinteren
Reihen aber wird die dumpfe Dösigkeit schlagartig abgelöst von der neugierigen Aufmerksamkeit für die zwei spielenden «Langnasenkinder». Es bildet sich eine Menschentraube, die Hälse werden gereckt und die Kameras gezückt. Die unverhohlene Neugier ist an den offenen Augen und Mündern ablesbar. Die Kinder haben sofort ihre eingeübte Verhaltensweise angenommen: den neugierigen Betrachtern den Rücken zukehren, auf keine Anrede reagieren, keine auffälligen Be-wegungen machen und versuchen, möglichst uninteressant zu wirken. Wiederholt haben sie die Erfahrung machen müssen, dass sich manche Menschen hier in China durch ihre Neugier verleiten lassen, unsere im westlichen Kontext geltenden Anstandsgrenzen zu überschreiten. Die Haare werden angefasst, das Gesicht betatscht, Spielzeug und -Bücher werden ihnen aus der Hand genommen und zur Begutachtung herumgereicht; sie sind Freiwild für Fotojäger und werden im schlimmsten Fall unsanft in fotogene Positionen geschubst und gezerrt. Ein Bild mit weissem Kind steht als Souvenir bei chinesischen Touristen noch immer hoch im Kurs. Auch wenn dieses Verhalten eigentlich nie bösartig oder aggressiv ist, sondern wohl eher unüberlegt und unsensibel, ist es doch für die Kinder lästig und verletzend.
Längst haben auch wir unsere Ruheposition aufgegeben und sind startbereit für eine Krisenintervention. Die Führerin der Gruppe drängt aber lautstark zur Fortsetzung der Besichtigung, es bleibt den Nachzüglern gerade noch Zeit für einige letzte Schnappschüsse, dann beeilen sie sich, den Anschluss an ihre Gruppe nicht zu verlieren. Das Geplärre des Megaphons wird leiser und verliert sich. Die Kinder nehmen ihr Spiel wieder auf ... Mit unserer Mittagsruhe aber ist es endgültig vorbei, der Magen meldet eine ungute Leere, es wird Zeit, dass wir uns aus der Ruhe des Gartens wieder hinaus ins Getümmel der Stadt stürzen und uns auf die Suche nach einem einladenden Restaurant machen.

Quelle/Text: Christoph Zwahlen


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