Das Glas zum Wein

In der Szene der Weingläser herrscht Vielfalt. Und das nicht nur in Bezug auf die ästhetische Gestaltung. Die Formenvielfalt ist auch nicht etwa einer Laune entsprungen, sondern fusst auf der Erkenntnis, dass es keineswegs egal ist, aus welchem Glas ein edler Wein getrunken wird.
Jeder Wein hat seine Eigenart und seine allein für ihn charakteristischen Merkmale, eine Tatsache, die in der Weinfachwelt längst unbestritten ist und sowohl für Rot- als auch Weisswein zutrifft. Dementsprechend kann ein gutes Weinglas nur eines sein, in dem sich die Eigenart eines Weines, seine charakteristischen Merkmale klar erkennbar, ausdrücklich und eindeutig entwickeln können. Dieser Formgestaltung, die alle diese Kriterien optimal berücksichtigt, hat sich schon in den 60er Jahren eine Gruppe von Fachleuten angenommen. Zu ihnen gehörten Sommeliers, wie sich geschulte und ausgezeichnete Weinexperten nennen dürfen, nebst Winzern und Chemikern, allen voran aber Claus J. Riedel, der damalige Seniorchef der gleichnamigen Glasfabrik in Österreich. Sie studierten das Verhalten der verschiedenen Weine beim Verkosten, wie das Degustieren von Wein unter Kennern genannt wird, und gemeinsam mit Glasbläsern gelang es ihnen, für jeden Tropfen das richtige Glas zu schaffen. Das Glas, in dem sich jeder Wein sortentypisch verhält, in welchem sich alle Komponenten, die beim Weingenuss wichtig sind - Bouquet, Geschmack, Farbe und Nachgeschmack - optimal entfalten können. Natürlich interessiert dabei in erster Linie der Kelch, das Gefäss, in dem sich der Wein zu seinem ganzen Glanz und Volumen entwickeln soll, doch ebenso wichtig ist der hohe Stiel, damit man den Wein mit den Händen nicht erwärmt. Der feinwandige Kelch ist idealerweise undekoriert und dünnwandig, damit Farbe und Brillianz zum Ausdruck kommen, und relativ gross ist er, damit der Wein geschwenkt und belüftet werden kann. Und häufig wird er nach oben enger, damit sich der Duft darin sammeln kann. Gilt das nun vor allem für den Rotwein? Keineswegs!

Weshalb hat das ideale Weissweinglas einen Stiel?
Damit man den Wein nicht mit der Hand erwärmt.

Weshalb wird der Weinkelch vor dem ersten Schluck geschwenkt?
Damit man mit dem Riechorgan den Duft des Weines erfahren kann.

Quelle/Text: Yvonne Tempelmann


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