Zucker - die weisse Gefahr?

Zucker macht, zusammen mit Fett, dick und krank! Aber er steckt fast überall drin und ist schwer zu umgehen. Und was besonders schlimm ist: Leider schmeckt er den meisten Kindern wunderbar.
Wir wissen es alle längst zu viel Zucker trägt massgeblich zu Übergewicht bei, führt zu Karies und lässt manche Kinder regelrecht durchdrehen. Und dennoch konsumiert jeder Schweizer und jede Schweizerin jährlich 47 Kilogramm davon. Und das, obwohl immer mehr künstlich gesüsste, sogenannte LightProdukte, erhältlich sind. Im Vergleich dazu: In China sind es nur sieben Kilogramm pro Jahr. Die Tendenz ist allerdings auch dort steigend. Gemäss den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten wir nur zehn Prozent unseres täglichen Energiebedarfes durch Zucker decken. In Wirklichkeit konsumieren wir aber in der Schweiz fast doppelt so viel, nämlich 18 Prozent. Bei Kindern sieht es noch bedenklicher aus: Es soll Kinder und Jugendliche geben, die durch den übermässigen Konsum von Cola-Getränken, Energy-Drinks und Süssigkeiten sogar auf Werte um die 40 Prozent kommen. Nach Angaben des Dortmunder Forschungsinstituts für Kinder nehmen diese in Westeuropa im Durchschnitt an die 60 bis 70 Gramm reinen weissen Zuckers pro Tag zu sich. Das ist zu viel zu viel, findet die Schweizer Ernährungsexpertin Marianne Botta Diener, die für Kinder nicht mehr als 20 Gramm pro Tag empfiehlt.

Tatort Körper
Zuckerreiche Lebensmittel enthalten in der Regel auch viel Fett. Diese Kombination ist fatal und kann zu Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht führen. Vor allem Übergewicht ist zu einem eigentlichen Massenproblem geworden. In den USA ist heute jedes fünfte Kind zu dick. Diese Angaben decken sich mit den neuesten Zahlen aus der Schweiz. Eine Studie der ETH Zürich an 2000 Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren hat ergeben, dass 18 Prozent der Knaben und 20 Prozent der Mädchen übergewichtig sind. Etwa vier Prozent leiden an Adipositas, sind also krankhaft übergewichtig. Dies ist eine dramatische Zunahme innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen hat sich in dieser Zeit mehr als verdreifacht. Die der Fettleibigen ist sogar sechs Mal grösser geworden. Oder anders gesagt: Schweizweit wiegt ein 14-Jähriger heute durchschnittlich 6.4 Kilo mehr als ein Gleichaltriger im Jahre 1974. Kaum zu glauben, aber wahr! Die Folgen sind körperliche Beschwerden wie orthopädische Probleme und Herzgefässerkrankungen, aber auch die Psyche der betroffenen Kinder und Jugendlichen leidet darunter.

Uralter Geschmack
Unsere Vorliebe für Zucker ist genetisch bedingt und in allen Kulturkreisen anzutreffen. Mit der Geschmacksrichtung süss assoziieren wir die Begriffe «reif» und «geniessbar». Schon als Neugeborene kommen wir durch die Muttermilch, die Milchzucker enthält, auf den Zuckergeschmack. Lange Zeit war Rohrzucker ein seltenes Lebensmittel aus Übersee, das sich nur Reiche leisten konnten. Erst als man etwa vor 200 Jahren anfing, auch in Europa Zuckerrüben anzupflanzen, entwickelte er sich zum Massenprodukt. Noch vor 100 Jahren nahmen wir nur einen fünften Teil unseres Zuckerkonsums über industriell hergestellte Lebensmittel zu uns. Heute sind es bereits vier Fünftel. Zucker ist von Natur aus in Obst und Gemüse enthalten. Kartoffeln, Getreide und Brot enthalten Stärke. Die Enzyme in unserem Speichel spalten diese Stärke in kleine Zuckermoleküle. Manche Experten meinen deshalb, wir könnten ganz auf weissen Zucker verzichten. Könnten? Das ist nicht so einfach, denn weisser Zucker ist überall. Oft auch dort, wo man ihn nicht vermuten würde. Er ist Bestandteil in Backwaren, Riegeln, Müesli, Yoghurts, Ketchup, Wurst, ja sogar in Sojasosse und in sauren Gurken. Da er als Geschmacksverstärker wirkt, ist er auch in vielen salzigen Fertignahrungsmitteln enthalten. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass Zucker in etwa 60 Prozent der Nahrungsmittel, die wir konsumieren, vorkommt.

Es macht keinen Sinn, Zucker völlig zu verteufeln, denn er hat durchaus auch -seine guten Seiten. So setzt er im Hirn Glückshormone frei und ist in der Lage, dem Körper ganz schnell Energie zuzuführen. Von dieser Eigenschaft profitieren Sportler, die diesen Energieschub durch Bewegung sofort wieder verarbeiten. Für rasch einsetzende Energiekicks taugt er auch bei Menschen, die sich konzentrieren müssen. Das Problem ist allerdings, dass diese positive Wirkung des Zuckers relativ schnell verpufft und dann Hungergefühlen Platz macht. Denn Zucker sättigt nicht über eine längere Zeit, sondern lässt einen im Gegenteil schnell wieder in ein «Hungerloch» fallen, aus dem man oft mit weiteren -süssen Nahrungsmittel zu entkommen versucht. Ein Teufelskreis! Oft hat Nahrung, vor allem wenn es sich um süsse Speise handelt, auch eine psychologische Funktion. Wir neigen dazu, Kinder mit Süssigkeiten nicht nur zu belohnen, sondern auch ruhig zu stellen, zu besänftigen oder zu trösten und unseren eigenen Frust mit Kuchen oder Schokolade zu vergessen. Mit eigentlichem Genuss hat der Verzehr dieser Nahrungsmittel in diesem Zusammenhang nicht mehr viel zu tun.

Das Beste für das Kind
Sogenannte Kinderlebensmittel sind einer der neuesten Einfälle der Nahrungsmittelindustrie. Fast die Hälfte der im Handel erhältlichen Kindernahrungsmittel sind Süssigkeiten wie Gebäck, Glacés, Bonbons und Schokoladen. Kinderlebensmittel sind fies. Sie lassen Eltern glauben, dass sie ihren Kleinen eine Extraportion Kalzium oder Mineralstoffe verabreichen, «+ 11 Vitamine» oder «extra Eisen». Und sie ködern Kinder mit ihren bunten Verpackungen und poppigen Farben und mit «Geschenken» wie Comic-Figuren. Untersucht man diese Lebensmittel genauer, so stellt man fest, dass sie oft zu viel Zucker enthalten. So deckt eine einzige Portion der handelsüblichen Frühstückscerealien für Kinder im Durchschnitt 80 Prozent der empfohlenen Zuckermenge pro Tag ab. Auch speziell für das Kinderpublikum konzipierte Milchmischgetränke und Fruchtsäfte enthalten in der Regel zu viel Zucker. Oft sind diese Mengen aber nicht genau auszumachen. Denn es fehlen detaillierte Angaben über den Zuckergehalt auf der Verpackung. Das Angebot ist immer noch am Wachsen. Ständig kommen neue Produkte auf den Markt. Deren Qualität verbessert sich jedoch kaum. Deshalb: Finger weg von diesen Produkten!

Einfach verbieten?
Doch was soll man als Eltern machen, wenn die Kinder die Lust auf Süsses packt? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, die Menge an Haushaltszucker möglichst klein zu halten und diesen nicht vor oder statt der Mahlzeit einzunehmen. Den Zucker völlig aus dem Speiseplan der Familie zu streichen, ist schlicht unmöglich. Verbote an die Adresse der Kinder erzeugen in der Regel den gegenteiligen Effekt: Das Verbotene erscheint umso begehrenswerter. Wirkungsvoller ist es, auf Lebensmittel zu verzichten, bei denen Zucker auf der Inhaltsliste an erster Stelle erscheint. Auch indem wir gezuckerte Softdrinks und Eistee weglassen, die Milch morgens und zwischendurch ohne Schokoladenpulver geniessen und Säfte verdünnen, können wir viel Zucker einsparen. Als Alternativen für süsse Schleckmäuler eignen sich Obst und mundgerecht geschnittenes Gemüse, Naturjoghurt oder Quark mit frischen Früchten. Gegen den Heisshunger zwischendurch helfen auch Trockenfrüchte oder eine dunkle Schokolade mit hohem Kakaoanteil. Eltern von kleinen Kindern wird geraten, diese möglichst früh an Ungesüsstes zu gewöhnen, denn der ausgeprägte Heisshunger auf Süsses ist teilweise auch hausgemacht und angelernt. Kleine Kinder wählen ihr Essen nicht selber aus. Wir tun das für sie. Es liegt an uns, den Zuckerkonsum zu reduzieren.


Süsse Mythen
Einige Ammenmärchen rund ums Thema Zucker halten sich beharrlich:

Schokolade macht süchtig
Falsch! Untersuchungen beweisen, dass Schokolade während des Essens den psychischen Zustand verbessert. Eine körperliche Abhängigkeit konnte jedoch bis heute nicht bewiesen werden.

Brauner Zucker ist gesünder als weisser Zucker
Weder Braunzucker noch Rohzucker haben gegenüber dem weissen Zucker entscheidende Vorteile. Auch Trauben- oder Fruchtzucker ist keineswegs gesünder als herkömmlicher Zucker.

Zucker ist ein Vitaminräuber
Stimmt nicht! Für den Zuckerabbau im Körper wird vor allem Vitamin B1 benötigt. Bei einer ausgewogenen Ernährung sind genügend Vitamine vorhanden, um dieses Wegfallen zu kompensieren.

Honig ist gesünder als Zucker
Honig besteht zu 80 Prozent aus Trauben- und Fruchtzucker und hat mit den wenigen Mineralstoffen und Vitaminen keine Bedeutung für die Bedarfsdeckung. Ausserdem ist Honig noch schädlicher für die Zähne als Zucker, weil er an ihnen kleben bleibt. Und weil Honig weniger süsst als Zucker, tendiert man dazu, grössere Mengen davon zu nehmen. 

Quelle/Text: Nadia Fernandes


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