Sprache entdecken

Sprache lernen heisst nicht nur, die Namen der Dinge zu kennen. Das Sprechenlernen, das Bilden bestimmter Sprachlaute, das Aussprechen von Wörtern ist deshalb nur ein Teil des Spracherwerbs.
Eine viel komplexere Aufgabe besteht in einem ersten Schritt darin, die Wörter, die aus dem Mund der anderen kommen, als etwas Spannendes zu entdecken, das mit der Welt, mit Dingen und Handlungen, die Menschen machen, zu tun hat. Kinder beginnen auf Gesprochenes zu reagieren, ohne die einzelnen Wörter zu verstehen. Sie erkennen vielmehr aus der Situation heraus, was gemeint ist. Beispielsweise wenn sie beim Zubettgeh-Ritual zur Zahnbürste im Bad laufen, sobald von Zähne putzen die Rede ist. Viel komplexer wird es mit dem Sprachverständnis ab dem zweiten Lebensjahr. Dann beginnen die Kinder, die Wörter unabhängig von Gegenständen oder Situationen zu verstehen. Beispielsweise das «Hunde-Erlebnis» einer anderen Person zu hören, aufgrund von Wörtern und Sätzen innere Bilder dazu aufzubauen und im Kopf einen kleinen Film laufen zu lassen, ohne die Geschichte selber erlebt zu haben.
Der eigentliche Beginn des Spracherwerbs liegt deshalb in der Entdeckung, dass bestimmte Wörter in bestimmten Situationen immer wieder auftauchen. Das Kind zeigt auf die Dinge, hebt den Blick und schaut den Erwachsenen erwartungsvoll an, als ob es sagen wollte: «Hast du das auch gesehen? Was sagst du dazu?» Spontan nehmen wir das auf, was dem Kind Eindruck gemacht hat, und verstehen es sozusagen als Einladung dafür, ihm das entsprechende Wort dazu anzubieten: «Den Hund hast du gesehen, gell! Wu Wu macht er».

Auf Dinge zeigen
Mit dem Zeigen holen sich Kinder bei uns die Wörter für die Dinge der Welt. In der Regel beginnen sie damit gegen Ende des ersten Lebensjahres. Für einige Eltern stellt sich dann die Frage: «Welche Wörter sollen wir dem Kind anbieten?» Manche kommen für sich zum Schluss, mit ihrem Kind von Anfang an richtig zu sprechen, «sicher nie in dieser Babysprache!» Betrachten wir die Sache aus der Perspektive des Kindes: Die so genannten Lautmalereien, «mämäm», «brum brum», oder «wuwu», sind von ihrer Lautstruktur her nah mit der Sache verbunden, die sie bezeichnen. Im Wort klingt etwas von der Sache mit und schafft damit einen Zugang zum Ding. Weil sie ausserdem einfach zu bilden sind, sind es meistens die ersten sprachähnlichen Gebilde, welche die Kinder spontan selber ausprobieren.

Zwischen 18 - 24 Monaten werden die stark situationsgebundenen Lautmalereien allmählich durch richtige Wörter ersetzt, die aber oft noch nicht richtig ausgesprochen werden. Viele Kinder verweilen über längere Zeit bei einem Wortschatz von 10?15 Wörtern. Bei über 90% aller Kinder geht es dann sehr plötzlich los. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres entdecken sie täglich neue Wörter und kombinieren in Zwei- und bald auch schon Mehrwortsätzen, noch ohne grammatikalischen Regeln.

Bereits mit vier Jahren sprechen dann 90% aller Kinder in grammatikalisch mehrheitlich korrekten Sätzen, der Grundstein der Sprachentwicklung ist damit gelegt. Der Prozess jedoch ist noch nicht abgeschlossen. Über die Sprache wird Wissen erworben und auch das Denken wird zunehmend mit der Sprachentwicklung verknüpft. Kinder wollen das, was sie beschäftigt, ausdrücken und suchen nach den passenden Wörtern und Ausdrucksmöglichkeiten, die die Sprache dafür bereitstellt. Im Verlauf des Vorschulalters üben, verfeinern und erweitern sie ihre sprachlichen Fähigkeiten, bis sich ihnen mit dem Lesen und Schreiben nochmals eine ganz neue Welt sprachlicher und geistiger Tätigkeit eröffnet.

Quelle/Text: Dominique Bürki (dipl. Logopädin)


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