Kinder - erobert euch Spielräume!

Fragt man Erwachsene, was und wo sie als Kind am liebsten gespielt haben, werden schöne Erinnerungen wach: Da wird von Erkundungsreisen in den Wald und von selbst gebauten Baumhütten erzählt, vom Räuber-Spielen und wilden Veloausflügen oder von «Eroberungszügen» durch verbotene Zonen, feucht-dreckigen Stellen, Kiesgruben oder Verstecken, von alten Kleidern auf dem muffigen Dachboden, wo es noch so viel anderes zu entdecken gab. Heute fehlen solche Spielräume zunehmend.
Wenn Kinder unbeschwert spielen können, ist dies das Beste für ihre Entwicklung. Spielräume vor der Haustüre verschwinden mehr und mehr. Spielplätze sind kein Ersatz dafür. Eltern können einiges tun, damit ihr Wohnumfeld spielfreundlich und damit auch lebenswerter für alle wird.
Der Verkehr, ein voller Terminplan, oft auch ein übertriebenes Sicherheitsdenken hindern viele Eltern daran, ihre Kinder unbeschwert vor der Haustüre spielen zu lassen. Dabei ist das unbeschwerte Spielen ohne Vorgaben die beste Vorraussetzung für eine gesunde Entwicklung und gute schulische Leistungen.

Eigeninitiative gefragt
Manchmal ist es auch nützlich, sich an die eigene Kindheit zu erinnern: «Wieso hat es mir dort so gut gefallen? Eine verwilderte Ecke im Garten, kein Rasenmäher und einfach viele alte Tücher, Wäscheklammern und Schnüre ? es entstehen die tollsten Häuser, nicht für die Ewigkeit, aber für tolle Stunden», meint die Architektin und Spielraumberaterin Silvia Capol-Batt aus Finstersee. Spiel- und -Lebensraum zu schaffen, ist oft einfacher, als man denkt. Eltern können selber aktiv werden. Was es braucht sind Kreativität und Inititative, Toleranz und manchmal einiges an Überzeugungsarbeit.

Spielgeräte sind sicher und gut, Schaukeln, Wippen oder Rutschen fördern Koordination, Mut und ein gutes Körpergefühl, stillen den Bewegungsdrang und machen Spass. «Aber Spielgeräte alleine entsprechen nicht den Ansprüchen der Kinder. Oft vergessen Erwachsene, dass Kinder überall spielen», sagt Toni Anderfuhren, Gestalter von kindergerechten Spielräumen und Berater aus Bauma. Kinder wollen herumtollen, rennen, Fangis und Verstecken spielen, balgen und um die Wette rennen, bauen und wieder zerstören, um damit etwas Neues zu schaffen. So erhalten sie Kontakt zu den Elementen, lernen die Natur zu begreifen, es wird miteinander gespielt und gestritten, Freundschaften entstehen. Und ob man zu Fuss oder mit dem Velo interessante Spielräume und seine «Gspänli» schnell und sicher erreichen kann, ist ein wichtiger Faktor, damit diese Freundschaften auch aufrechterhalten werden.

Ein Hauptargument, warum es oftmals unmöglich scheint, im Wohnumfeld einen Spielort für Kinder und Jugendliche zu schaffen, ist der Autoverkehr. Silvia Capol-Batt sagt: «Es lohnt sich, alle Möglichkeiten zu prüfen, den Verkehr etwas menschlicher zu machen.» Man könne etwa ein Velo oder ein Dreirad an die Strasse stellen, das wie «vergessen» dort steht oder anderes Spielmaterial, dazu Warnkegel, sodass die Autofahrer merken, dass dort Kinder und Erwachsene unterwegs sind. Die Lenker lernen mit der Zeit, dass die Strasse auch eine Spiel- und Aufenthaltsfläche ist. Natürlich heisst das nicht, dass Kinder nicht trotzdem vorsichtig sein sollten.

«Damit die Strassen sicherer werden, können Eltern einen Vorstoss bei der Gemeinde machen. Diese soll den Verkehr mit geeigneten baulichen Massnahmen beruhigen und mit tieferen Geschwindigkeitslimiten versehen (Tempo 30 oder Begegnungszonen)», rät Thomas Schweizer vom Fussverkehr Schweiz in Zürich. «Man kann auch prüfen, ob gewisse Abschnitte für den motorisierten Verkehr vollumfänglich gesperrt werden können.» Tempo-30-Zonen können sich durchaus für Kinderspiele eignen. Solche Begegnungszonen können auch in kleineren Gemeinden gemacht werden. Thomas Schweizer erklärt: «Wichtig ist dann, dass nicht überall parkierte Autos stehen, wie dies leider oft der Fall ist.» Grundsätzlich sei es unerheblich, ob es sich um eine Strasse mit Tempo 50, Tempo 30 oder eine Begegnungszone mit Tempo 20 handle. «Für das Kinderspiel ist entscheidend, dass einerseits eine genügend grosse Fläche zur Verfügung steht, die nicht durch Autos eingeengt wird. Bereits ein Ballspiel kann zu teuren Dellen führen. Die zweite Bedingung ist, dass die Kinder ihre Einrichtungen nicht laufend abräumen müssen. Beispielsweise kann auf der Strasse Unihockey gespielt werden, und wenn ein Auto kommt, wird das Goal rasch weggeräumt. Muss das nun im Minutentakt erfolgen, ist ein Spiel nicht mehr möglich.»

Raum für Aktivitäten schaffen
Vor allem Fusswege oder Velorouten sind oft abwechslungsreich und bieten Raum für Aktivität. «Diese Wege sind oftmals ansprechend und naturnah konzipiert. Diese Achsen können auf einfache Weise zu Spielachsen werden», meint Toni Anderfuhren und fügt gleich hinzu: «Der Naturschutz hat eine bessere Lobby als Kinder.» Der Spielraumplaner rät deshalb Eltern oder Schulen zu versuchen, gleichzeitig mit einer ökologischen Massnahme eine Spielraumaufwertung zu erwirken. Steht etwa die Renaturierung eines Bachbettes an, können Hand in Hand auf einer bestimmten Strecke spielfreundliche Uferzonen, geschützte Inseln, Bereiche für Kinderspiel, Erholungsplätze mit Feuerstellen und Sitzmöglichkeiten, Fusswege und Brücken vorgesehen werden. Man müsse die Leute für diese Qualitäten sensibilisieren, ist Toni Anderfuhren überzeugt.

Toni Anderfuhren beschreibt in seinem «Spielplatzbuch», wie man solche Wege zu Lebensadern aufwerten kann oder wie auf diese Weise Spielplätze verbessert werden. Einfacher geht es nicht: Asthaufen können als Depot für Bauten dienen. Kinder mögen es auch, auf Steinhaufen oder auf einem umgestürzten, geschälten Baum herumzubalancieren. Eingegrabene Holzklötze und Stammstummel können zum Hüpfen oder Ausruhen genutzt werden, an einem starken Ast kann man eine Baumschaukel aus einem Seil und einem Sitzbrett oder Knoten installieren, aus Holz oder Weiden ein Haus oder einen Tunnel bauen, ein Findling dient als Kletterstein. Wer will, stellt etwa Informationstafeln oder auch Hinweise mit Spieltipps auf. An die älteren Kinder und Jugendlichen sollte man auch denken, diese brauchen eher «Lümmelplätze», die ihnen in erster Linie als Treffpunkte dienen.

Die Möglichkeiten sind gross und die genannten einfachen Massnahmen kosten nicht viel. Spielraumberaterin Silvia Capol rät: «Egal, was man im Einzelnen machen will: Stets ist es wichtig, dass das Vorhaben möglichst breit abgestützt ist. Oft ist der Hauswart sehr wichtig.» Wenn etwa die Gemeinde dafür ist, aber die Lehrerschaft dagegen, kann das enorm bremsen. Eine gute Möglichkeit ist zum Beispiel, ein Schulprojekt mit dem/der Werklehrer/-in anzuregen. So kann man etwa mobiles Spielzeug leicht mit acht- bis zehnjährigen Kindern herstellen oder bereits vorhandene Holzspielgeräte anmalen, einen «Asphaltfilm» erstellen. Warum nicht eine Projektwoche dazu anregen, eventuell in Mitarbeit von Eltern oder ein Strassenfest mit Aktionen oder einen Wettbewerb planen? Engagement und Wille sind schliesslich das, was zählt und nicht das Geld. Und manchmal müssen die Erwachsenen einfach mal ihren Blickwinkel ändern.


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Kontakte:
Fachstelle SpielRaum
spielraum.ch

Beratung zu Fusswegkonzepten
begegnungszonen.ch

Toni Anderfuhren, Kinderfreundliche Umgebungsgestaltung
spieltraeumer.ch

Quelle/Text: Lioba Schneemann


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