Träume vom Glück

Glücksforscher sind sich einig, dass es nicht die Lebensbedingungen oder der Wohlstand sind, die über unser Glücklichsein oder Unglücklichsein entscheiden. Das Glück können wir letztlich nur in uns selber finden.
Um nun meine ganz persönlichen Gedanken zum Thema «Glück» zu formulieren, bedingt dies, dass ich Rückschau halte und Situationen aus meinem Leben wie Puzzlesteine zusammenfüge und so versuche, darzulegen, was Glück oder glücklich sein für mich in der Vergangenheit bedeutet hat und bedeutet.
Aufzuwachsen in geordneten Familienverhältnissen, einen meinen Bedürfnissen entsprechenden Beruf lernen zu dürfen und in jungen Jahren einen liebenswerten Menschen zu finden, mit dem ich eine Familie gründen durfte - all dies sind Stationen in meinen Leben, die mich mit Dankbarkeit und einem grossen Glücksgefühl erfüllen.

Glück muss aber nicht nur auf positive Lebensbedingungen ausgerichtet sein - nein, es können auch äusserst schwierige und belastende Situationen eintreten, aus welchen wir die Möglichkeit bekommen, auf einen positiven Weg geführt zu werden. Ein Sprichwort bringt diese Weisheit auf den Punkt: «Ich habe Glück im Unglück gehabt!» Als mein Mann in jungen Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt, ist für unsere Familie eine Welt zusammengebrochen. Nichts war mehr so wie früher. Für uns alle hat sich das Leben vollständig geändert. All die Zukunftspläne wurden zunichte gemacht und es kam so weit, dass auch ich mein Leben in die eigenen Hände nehmen und wieder ganz von vorne anfangen musste.

In der glücklichen Lage zu sein, mich von dieser Situation nicht unterkriegen zu lassen, bin ich auf den verschiedensten Umwegen dort angekommen, wo mein langes Suchen nach Neuausrichtung und beruflicher Befriedigung seine Erfüllung gefunden hat.

Dank einem grossen Zufall - oder war es Glück? - habe ich vor 14 Jahren die Möglichkeit bekommen, mich für die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe einsetzen und engagieren zu dürfen.

Um die Gefühle zu beschreiben, mit welchen ich während dieser Zeit konfrontiert wurde, fehlen mir fast die Worte: Betroffenheit, Traurigkeit, Dankbarkeit und eine ganz grosse Portion von Glückseligkeit standen in ständigem Wechsel. Unserer Stiftung ist es ein Anliegen, den Herzenswünschen von schwer- und langzeiterkrankten Kindern und Jugendlichen mit grossem Respekt zu begegnen und dafür zu sorgen, dass Träume wahr und Erfüllungen zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Dabei steht nicht die Anzahl Erfüllungen, sondern das, was wir bewegen und bewirken können, das Unmessbare also, für uns im Vordergrund. So dürfen wir immer wieder erleben, wie glücklich die betroffenen Kinder, ihre Geschwister, aber auch die Eltern sind, wenn sie während einer Wunscherfüllung den oft beschwerlichen Alltag vergessen können und Momente des Unbeschwertseins erleben dürfen. Obwohl jeder Wunsch für mich einzigartig und einmalig ist, gibt es doch Begegnungen, die sich tief in mein Herz eingegraben haben.

David war ein lebensfroher Junge, der während zweier Sommerferien in einem wunderschönen Ort im Engadin seine Landschulwoche verbrachte. Mit seiner fröhlichen und aufgestellten Art hat er die Herzen der Bauernfamilie auf Anhieb erobert. Umso schmerzlicher war die Nachricht, als sie erfahren hat, dass David mit einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert wurde. Sein Traum von weiteren Aufenthalten in den geliebten Bergen hat sich verflüchtigt. Obwohl seine Krankheit schon fortgeschritten war, wollte er die Familie nochmals besuchen. Im Bewusstsein, dass er das mit dem Auto und den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr bewältigen konnte, richtete er seinen Wunsch - mit dem Helikopter in die Berge zu fliegen - an die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe. Bei dieser Wunscherfüllung mit dabei sein zu dürfen, die Freude zu erleben, welche der Junge ausgestrahlt hat, als er mit dem Helikopter gelandet ist und bei der Familie seine geliebten Pilzomeletten geniessen konnte, berührte mich aufs Tiefste. Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation spürte ich, welches Glücksgefühl alle Beteiligen ergriffen hatte - David, die Eltern und Geschwister, die Bauerfamilie und nicht zuletzt den Helikopterpiloten.

Was macht das Leben zu einem geglückten Leben? Wenn es ein Geheimnis des Glücks gibt, so liegt es darin, dass man sich seiner Freiheit, seiner Autonomie, seiner Gestaltungskraft immer und überall bewusst ist und von diesem Bezugspunkt aus die aktuelle Situation als gut oder besser werdend betrachtet. Wie wir uns entscheiden und wie wir die Dinge betrachten - das mag in gewissen Situationen sicher schwerer fallen als in anderen. Aber letztlich ist es unsere Einstellung, die Kraft unserer Entschlossenheit, die Entschiedenheit nach der Entscheidung, die ein Leben glücklich werden lässt.

*Franziska Derungs, Jahrgang 1944, hat zwei erwachsene Töchter und zwei Enkelkinder. Sie leitet die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe. Diese erfüllt Herzenswünsche von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund einer schweren Erkrankung, Verletzung oder Behinderung in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt sind. Mehr über ihr Engagement im Internet unter sternschnuppe.ch

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