Kleine Kinder - ganz gross
Eins vorneweg: Wenn wir hier von der Entwicklung des zwei- bis vierjährigen Kindes sprechen, so sind Verallgemeinerungen unumgänglich. Wie der renommierte Kinderarzt und Buchautor Remo Largo immer wieder betont, entfalten sich Kinder jedoch in ihrem eigenen Tempo.
Und je älter die Kinder, desto grösser sind die individuellen Unterschiede innerhalb der gleichen Alterskategorie. Deshalb sollte es für Eltern kein Grund zur Sorge sein, wenn das Nachbarskind beispielsweise schon aufs Töpfchen geht, während der gleichaltrige eigene Nachwuchs noch keinerlei Interesse dafür zeigt. Allgemein ist festzustellen, dass sich Mädchen auf gewissen Gebieten, zum Beispiel im sprachlichen Bereich, früher entwickeln als Jungen. Im Folgenden zeigen wir auf, wie sich Kinder in der spannenden Zeit zwischen zwei und vier Jahren entfalten und was Sie als Eltern tun können, um diese Entwicklung auf kindergerechte und umkomplizierte Weise zu unterstützen. Mit 2 - auf Entdeckung
Mit zwei Jahren ist ein Kind ständig in Bewegung und da es kaum Verständnis für Gefahren hat, braucht es viel Aufsicht. Auch seine Hände werden immer geschickter, und es liebt das Hantieren mit verschiedenen Materialien. Nun kann es immer besser vom Löffel essen oder aus einer Tasse trinken. In diesem Alter zeigt sich, ob ein Kind Rechts- oder Linkshänder ist. Es kennt immer mehr Wörter und beginnt, diese miteinander zu kombinieren. Das Kind lernt in dieser Zeit durchschnittlich etwa neun neue Wörter pro Tag, die es noch vereinfacht verwendet und zum Teil nicht richtig aussprechen kann. Das Zweijährige kann seine Eltern oder enge Bezugspersonen um Hilfe bitten, wenn es alleine sein Ziel nicht erreichen kann. Es meldet sich, wenn es Hunger oder Durst hat, was eine grosse Erleichterung für viele Eltern ist. Inzwischen entwickelt es sich immer mehr zu einer eigenständigen Persönlichkeit. In diesem Alter setzt in der Regel die von Eltern vielgefürchtete Trotzphase ein. Das Kind will Grenzen spüren, reagiert aber darauf mit Ärger, Wut und Tränen. Es realisiert, dass nicht alle seine Wünsche sofort befriedigt werden können, aber es hat Mühe, damit zu warten. Es möchte seinen eigenen Willen umsetzen, merkt aber, dass es noch sehr von seinen Eltern abhängig ist - was es bisweilen sehr frustriert. In Krippen und Spielgruppen kann man feststellen, dass Kinder in diesem Alter eher neben- denn miteinander spielen. Oft streiten sie sich um das gleiche Spielzeug, denn sie mögen ihren Besitz nicht mit anderen Kindern teilen. Zweijährige beginnen sich für einfache Rollenspiele zu interessieren. Das Kind füttert seine Puppe, badet sie oder tut so, als sei sein Bett ein Auto.
Tipps für Eltern:
- Schauen Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind Bilderbücher oder auch Fotoalben an und sprechen Sie mit ihm über das, was Sie sehen.
- Holzklötzchen, grössere Spielzeugautos, Plüschtiere und Puppen mit menschlichen Zügen gehören zu den Lieblingsspielsachen in diesem Alter.
- Zweijährige können sich noch nicht ganz auf die Sprache verlassen. Zeigen Sie Ihrem Kind auch mit Gesten, wovon Sie sprechen.
- Kinder in diesem Alter sind kleine Perfektionisten. Lachen Sie Ihr Kind nicht aus, wenn es beispielsweise ein Bilderbuch verkehrt herum hält. Das verletzt seine Gefühle.
- Kinder in der Trotzphase sind unzufrieden. Sie brauchen nicht nur einfach Trost, sondern Widerstand, Grenzen und Anleitung. Eltern sollten sich bei Trotzanfällen freundlich, aber bestimmt verhalten und nicht nachgeben, denn sonst werden die Forderungen des Kindes immer ausgefallener.
Mit 3 - immer selbstständiger
Das Kind entwickelt immer komplexere Fähigkeiten: Es lernt Dreirad fahren, kann auf Gerüste klettern und alleine Treppen steigen. Es balanciert, steht oder hüpft auf einem Bein und kann einen Ball werfen und mit dem Fuss kicken. Auch in der Feinmotorik macht es Fortschritte. Es kann grosse Perlen auffädeln, einen Strich oder einen Kreis zeichnen und die Schere benutzen. Der Umgang mit Gabel und Löffel gelingt ihm immer besser und es lernt langsam, seine Kleider und Schuhe selber auszuziehen und die Hände zu waschen. Tagsüber ist es nun in der Regel trocken und braucht keine Windeln mehr. Der Wortschatz wächst weiter und das Kind verwendet Wörter im richtigen Zusammenhang. Die Sätze werden länger, Nebensätze kommen dazu und die Grammatik stimmt immer besser. Das Kind kann Bildergeschichten gut folgen und stellt viele Fragen. Beim Spiel zeigt sich die rege Fantasie des Kindes. Es erfindet Gegenstände, Tiere und Personen. Es spielt aber auch das nach, was es in der Wirklichkeit erlebt, wie beispielsweise «Einkaufen» oder «zum Arzt gehen». Es baut gerne mit Klötzchen und kann sich immer länger mit kleinen Autos, der Holzeisenbahn oder der Spielzeugküche beschäftigen. Nicht wenige Kinder helfen gerne bei der Hausarbeit und entwickeln einen Sinn für Ordnung, der sich später manchmal wieder verliert. Sie können sich an einfache Spielregeln halten und Zuneigung und Fürsorge für jüngere Kinder zeigen, zum Beispiel für Geschwister im Babyalter.
Tipps für Eltern:
- Ermutigen Sie Ihr Kind dazu, sich selber an- und auszuziehen und rechnen Sie entsprechend mehr Zeit dafür ein.
- Besorgen Sie Ihrem Kind eine Schachtel, in die Sie Malfarben, verschiedene Papiersorten, Leim, Schere, Bleistift, Gummi, Klebestreifen und Bastelbedarf aus der Papeterie legen.
- Richten Sie in der Küche eine Schublade ein, die tief liegt, mit nicht mehr ganz neuen Kochutensilien wie kleinen Pfannen, Rührkellen, Massbecher, verschiedenen Gefässen, Schwingbesen usw., damit Ihr Kind neben oder mit Ihnen kochen kann. Stellen Sie einen stabilen Schemel auf, damit es besser auf die Küchenablage sieht.
- Bestehen Sie darauf, dass das Kind abends wild verstreute Spielsachen in Kisten verstaut. Zeigen Sie ihm, wie das geht und helfen Sie ihm dabei.
Mit 4 - der kleine Abenteurer
Vierjährige sind viel in Bewegung und verbessern damit stetig ihre motorischen Fähigkeiten. Der Gleichgewichtssinn bildet sich immer stärker aus. Viele Kinder erkennen und benennen die Grundfarben. Sie zeichnen immer detaillierter, wobei sie den Stift wie Erwachsene halten. Im Verlaufe des Jahres lernt das Kind in der Regel auch Messer und Gabel zu benutzen, sich alleine zu waschen und seine Zähne zu putzen - eine Kontrolle ist aber noch nötig. Nun beherrscht das Kind die Grundzüge seiner Muttersprache und es kann sich zu Themen seines Erfahrungsbereiches schon sehr gut ausdrücken. Es spricht grammatikalisch korrekt über Ereignisse in der Vergangenheit und in der Zukunft. Manche benutzen in Rollenspielen die Möglichkeitsform. Die Zischlaute (s, ss, z, x) erfordern eine gute Koordination der Zungenmuskeln und werden zuletzt erworben. Manche Kinder lassen sich damit Zeit bis zum letzten Kindergartenjahr. In diesem Alter können Kinder sich immer besser von ihrer Bezugsperson trennen. Sie sind gerne mit anderen Kindern zusammen, am liebsten in kleinen Gruppen. Vierjährige wählen Freunde aus und entwickeln ein Gefühl für Gerechtigkeit. Viele Kinder können sich sehr gut alleine beschäftigen und beim Spiel alles um sich herum vergessen. Die Rollenspiele mit anderen Kindern werden weiter ausgefeilt und können über Tage hinweg weitergeführt werden. In diesem Alter entwickeln sie ein Bewusstsein für Gefahren und akzeptieren immer bereitwilliger Verbote und Regeln.
Tipps für Eltern:
- Sorgen Sie dafür, dass sich Ihr Kind viel draussen aufhalten kann, sei es auf dem Spielplatz oder im Wald.
- Besorgen Sie Bilderbücher, die schon ganze Geschichten
erzählen. - Ermöglichen Sie Ihrem Kind Kontakte zu anderen Kindern, sei es durch den Besuch eines Hortes, einer Spielgruppe, eines Vorkindergartens oder durch regelmässige Treffen mit Nachbarskindern.
- Der Vierjährige liebt es, sich zu verkleiden. Stellen Sie ihm einige ausrangierte Klei-dungsstücke, Schuhe und Hüte dafür zur Verfügung.
- In diesem Alter sind Kinder in der Lage, einfache Gesellschaftsspiele zu verstehen. Spielen Sie mit ihm und trösten Sie es, wenn es verloren hat, denn das wird ihm noch eine Zeit lang schwerfallen.
- Vierjährige tendieren dazu, sich die Welt so zu gestalten, wie sie sie gerne hätten. Wenn Ihr Kind also behauptet, es hätte einen blauen Elefanten gesehen, dann bezichtigen Sie es nicht der Lüge. Es ist ein Zeichen seiner blühenden Fantasie.
- Nehmen Sie sich Zeit, um Antworten auf die vielen Fragen ihres Kindes zu geben. Manche Fragen sind schon recht anspruchsvoll, ja sogar philosophisch.
- Seien Sie geduldig, wenn sich seine Fragen in der Endlos-«Warum?»-Schlaufe drehen. Und wenn Sie mit Ihrer Geduld doch am Ende sind, dann können Sie eine Gegenfrage stellen. So kommt man in ein richtiges Gespräch. Sie werden feststellen, dass Vierjährige zum Teil schon recht dezidierte Meinungen haben, die Ausdruck ihrer Persönlichkeit sind.
Quelle/Text: Nadia Fernandez
Verwandte Adressen
- Mütterhilfe
- Erna Stocker6330 Cham
- Susanna Hüsler6275 Ballwil
- Annarosmarie Steiner3638 Blumenstein
- AURORA Kontakt- und Informationsstelle für Verwitwete mit Kindern, Jacqueline Arter8852 Altendorf
8004 Zürich
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