Idol Vater!?

Buben haben Probleme, sie machen nicht nur welche. Vielen Jungen fehlen im Alltag Männer als Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Die Rollen, die wir ihnen zuschreiben, entsprechen oft nicht ihrem inneren Erleben.
Julian, zweieinhalb Jahre alt, sitzt auf Mamas Schoss und schluchzt. Er scheint untröstlich zu sein. Denn sein Toben hat diesmal wieder nichts genützt und festhalten konnte er seinen Papa auch nicht. Der musste, kaum war er daheim, schon wieder weg. Das bessere Los hat Gabriel gezogen. Sein Vater Roman arbeitet unregelmässig und oft erst abends. Er ist viel daheim mit den Kindern, kocht, kauft ein, putzt und nimmt sich Zeit für sie. Er ist da. Die Kinder erleben mit ihm «Alltag». Als Sozialpädagoge, er arbeitet mit gewalttätigen jungen Männern, ist er zudem mit dem Thema «Buben» vertraut. «Ich merke immer wieder deutlich, wie mein Sohn intensiv auf der Suche nach Vorbildern ist. Er fühlt sich sehr zu Männern hingezogen. Egal, ob wir zum Coiffeur gehen, jeman-den besuchen oder sonstwohin gehen, er fragt mich oft: Sind da Männer?» Gabriel muss sich nicht wie Julian mit fast unstillbarer Sehnsucht herumschlagen. Er kann seinen Vater in vielen Situationen erleben. Er erlebt spürbar, wie ein Mann spricht, reagiert, was oder wie er denkt und hoffentlich auch, was er fühlt. Er muss sich später nicht aus Medien und Werbung irgendwelche Ersatzmänner suchen.

Die Männlichkeit dieser fernen Vorbilder, der mächtigen, uniformierten Figuren, ist vor allem eine körperlose Männlichkeit. «Es geht nicht um einen bestimmten Körper, um ein inneres Gefühl, dass es gut ist, männlich zu sein, sondern um die Demonstration von Macht und die Fähigkeit, Angst einzujagen und Kontrolle auszuüben», schreibt die Soziologin Ulrike Schmauch in ihrem Buch «Kleine Helden in Not». Was authentische Männlichkeit ist, wie vielfältig und differenziert sie sein kann, können sie durch diese Typen jedenfalls nicht erfahren.

Übernatürliche Forderung
Buben werden zu Männern gemacht. Sicher spielen Gene und Hormone eine grosse Rolle, es ist aber müssig zu debattieren, wie gross dieser Einfluss ist. Wenn der Kleine zum Mann werden soll, werden an ihn erst subtil, dann vehementer, spezifische Forderungen gestellt. Der «Mythos des angstfreien Helden» lastet nach wie vor stark auf den Buben. «Buben lernen rasch, sich von allem Femininen abzugrenzen. Wer dies nicht tut, wird ausgelacht, ausgegrenzt, gedemütigt», meint Hansjürg Sieber, Dozent für Geschlechterthematik an der Pädagogischen Hochschule Bern und Vorstandsmitglied Netzwerk Schulische Bubenarbeit. Buben stehen vor einem Dilemma: Sie müssen sich vor allem über die Ablehnung von allem Weiblichen definieren. Auch wenn ein kleiner Bub noch weinen darf, spätestens ab der Schule wird es ihm «aberzogen». Buben dürfen keine Angst haben oder Gefühle zeigen oder darüber reden. Buben lernen, dass Männlichkeit stark an Leistungsfähigkeit gekoppelt ist, und dass der Weg zum Versager nicht weit ist. Zudem wird oft von Buben gefordert, Mädchen und Frauen zu übertreffen. Hansjürg Sieber sagt: «Diese Forderung widerspricht aber meist dem subjektiven Erleben der Buben, die den Vorsprung der Mädchen auf der körperlichen, sozialen und häufig auch schulischen Ebene durchaus wahrnehmen.» Dass sich Jungen dann heldenhafte Figuren und Vorbilder suchen (das ist an sich nicht kritisierenswert) ist eine natürliche Reaktion auf viele übernatürliche Forderungen. Um stereotype Erwartungen zu erfüllen, müssen Buben vielfach normal menschliche Eigenschaften unterdrücken.
Erwachsene wollen gerade an Jungen ihre eigene Schwäche nicht sehen und seelischen Schmerz nicht fühlen. Jungen wie Julian lernen diese Lektion schnell, werden ihre Gefühle verstecken - vor anderen, aber vor allem auch vor sich selbst. Irgendwann wird er aufhören zu klagen, ist er gross und wird seinen Papa nicht mehr vermissen. Zumindest wird er nichts mehr sagen. Würden doch diese Buben und Männer nicht aufhören zu jammern und ihre Väter, Opas und Lehrer entsprechend in die Zange nehmen! Es wäre wünschenswert, Buben und junge Männer würden ihre «Aufmüpfigkeit» in diesem Sinne verwenden.

Authentisch sein
Es nützt Buben allerdings wenig, wenn sie sich vor allem über negative Abgrenzung definieren sollen - nicht weiblich, nicht gewalttätig, nicht sexistisch, nicht laut. Was und wie sie sein können, wird dadurch nicht klarer. Wie können Männer da Orientierung geben, ein brauchbares Vorbild für echte Männlichkeit sein? Persönlichkeit und Ehrlichkeit seien gefragt, schreibt der Pädagoge Felix Wettstein-Tschofen in dem Buch «Zwischen Teddybär und Supermann - Was Eltern über Jungen wissen müssen». «Prägend für das Bild vom Mannsein in der Familie sind jene Zeiten, während derer sich Erwachsene nicht ausdrücklich mit den Kindern beschäftigen, sondern in Anwesenheit der Kinder alltägliche Dinge tun.» Der Vater ist nicht der «Macher», der die Welt erobert oder der sonntägliche Freizeitonkel, sondern ein ganz normaler Mann im ganz normalen Alltag. Dem Jungen und Mannsein einen individuellen Charakter zu geben, sei heute wichtiger als irgendwelchen Stereotypen zu entsprechen. Dem individuellen, authentischen Mann sei heute viel mehr gestattet. «Männer und Frauen müssen nicht etwa ihre «weiblichen»Seiten entdecken, Wenn ein Mann zärtlich ist, dann ist er zärtlich als Mann. Wenn ein Junge trauert, Angst hat oder sich schämt, tut er das als Junge.» Weichheit, Verletztsein, Angst, Scham, Trauer, Lust, Zärtlichkeit, Sexualität - das alles sind keine weiblichen Seiten, sondern männliche.       

Quelle/Text: Lioba Schneemann


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