Kochabenteuer in der Vertikalen

Kochen in der Eiger-Nordwand? Doch, das geht: TV-Koch René Schudel hat sich etwas einfallen lassen, um seinen Bergsteigerkollegen auf einem Felsvorsprung ein Fünf-Sterne-Menü vorzusetzen. Grossmutters Dampfkochtopf machte es möglich. Sein Rezept eignet sich zum Nachkochen, aber vielleicht besser zu Hause ausprobieren als in der Wand!
«Manchmal führen mich meine Kochabenteuer an ziemlich wilde Orte. Und bei diesem hier realisierte ich ehrlich gesagt lange nicht, was mich erwartete. Beat Hofer und Kurt Egger, zwei Bergführer aus Grindelwald, hatten eines schönen Tages die Idee, mich in die Eigernordwand mitzunehmen und sich auf einem kleinen Felsvorsprung von mir bekochen zu lassen. Eiger? Cool!, war mein erster Gedanke. Dem Dampfkochtopf meiner Grossmutter galt mein zweiter. Dass ich dort am Seil gesichert kochen würde und in dieser Szenerie überhaupt keinen Schritt machen konnte ohne das gute Zureden meiner zwei Begleiter - das begriff ich erst viel später.

2900 Meter über Meer: So hoch liegt das Stollenloch 3,8 - ein für Nordwand-Verhältnisse komfortabler Felsvorsprung, der als unser Koch- und Essplatz dienen sollte. Meine grösste Sorge war, ob mein Dampfkochtopf auf dieser Höhe ordentlich funktionieren würde. Berner Platte im höhentauglichen Schnellverfahren, so lautete mein Plan, lässt sich prima zu Hause in der Küche vorbereiten. Den schön gefüllten Dampfkochtopf würde ich im Rucksack verstauen, oben im Biwak den Benzinkocher anwerfen und innert weniger Minuten ein tolles Essen auf die Bühne zaubern.

Obwohl - das Stollenloch 3,8 ist eigentlich nicht unbedingt ein Ort, der mit Genuss verbunden wird. Der Stollen stammt aus der Bauzeit der Jungfraubahn, als durch dieses «Loch» in der Wand Aushub entsorgt wurde. Später wurde es Schauplatz verschiedener Rettungen. Die berühmteste Aktion war das Drama um den deutschen Bergsteiger Toni Kurz im Jahre 1936. Er hatte sich mit seinen Begleitern aus der Wand zurückziehen wollen, als die Kollegen von einer Lawine in die Tiefe gerissen wurden.

  Der Bahnwärter der Jungfraubahn hatte das Unglück bemerkt und forderte Hilfe an. Erfolglos versuchten die Retter, vor Einbruch der Nacht zu Toni Kurz zu gelangen. Die Bedingungen in der Wand waren zu schlecht. Als sich der geschwächte Bergsteiger am darauffolgenden Tag abseilen wollte, brachte er einen Seilknoten nicht durch den Karabiner und starb schliesslich im Seil hängend nur wenige Meter über dem Stollenloch.

Eine bewegte Geschichte für den Schauplatz eines Kochabenteuers, ohne Zweifel. Während mir Beat und Kurt in der Küche halfen, den Dampfkochtopf mit allen Zutaten zu bepacken, kramten sie verschiedene weitere Episoden hervor. Wir kombinierten Rippli, Speck und Zungenwurst mit den abenteuerlichen Stellen in der Nordwand: Götterquergang, Todesbiwak, Wasserfallkamin, Bügeleisen, Spinne...Praktisch zu jedem Ort entlang der klassischen Heckmair-Route gibt es Abenteuerberichte von Heldentaten oder tragischen Vorfällen - gute Würze für unsere alpine Berner Platte.

Neben den Kartoffeln, die wir roh zu den Fleischstücken legten, schichteten wir natürlich auch eine gute Portion Sauerkraut in unseren Topf. Den eingelegten Kabis hatten wir zuvor mit Kokosmilch erwärmt und mit Zitronengras, Kaffirlimetten, Ingwer und Curry gewürzt. Eine asiatische Note verliehen wir auch den Shiitake-Pilzen, die wir in etwas Rohrzucker, Limettensaft und Sojasauce karamellisierten. Unser Menü war jetzt also vollständig im Dampfkochtopf verstaut, die dazugehörende Sweet-Chili-Sauce in einer kleinen Bügelflasche. Blieb nur noch, den Topf zuoberst im bereits mit Material gefüllten Rucksack zu platzieren und darauf zu hoffen, dass nichts verschüttet.

Bis wir unseren Essplatz in der Vertikalen erreichten, musste mein lieber Dampfkochtopf einigen Erschütterungen standhalten. Trotz der umsichtigen Art von Beat und Kurt kostete es mich einiges, im steilen Gelände den Tritt nicht zu verlieren. Die Geschichten aus der Wand erhielten plötzlich eine neue Dimension, als ich mich in dieser atemberaubenden Arena wiederfand. Normalerweise reicht ja ein Bergführer für einen Gast am Berg. Ich war froh, hinten und vorne am Seil einen Fachmann zu wissen. Gut, streng genommen waren wir ja auch zu zweit, mein Dampfkochtopf und ich.

Doch richtig geniessen konnte ich die grandiose Szenerie erst, als ich wieder sicheres Kochgelände unter den Füssen hatte, sprich den 1 Meter breiten Felsvorsprung vor dem Stollenloch. Jetzt störte es mich nicht mehr, dass ich wie der Pudel vor dem Einkaufszentrum an einem Haken festgebunden war, um an meinem Topf zu hantieren. Im Vergleich zu den vorherigen Balance-Übungen empfand ich unser «Wohnzimmer» bereits als sehr luxuriös. Und als meine Küchen-Ikone aus den 1960er-Jahren auch unter solch dramatischen Umständen einwandfrei funktionierte, fühlte ich mich langsam wirklich wie in der Königs-Loge. Beat, Kurt und ich waren uns einig: unsere Berner Oberländer Originalkost, serviert auf einem flachen Stein, schmeckte besser als alles, was wir je zuvor gekostet hatten.»

Rezept: Berner Platte aus Grossmutters Dampfkochtopf (für 4 Personen)

Thai-Curry-Sauerkraut:
· 1 kg Weisskabis
· 20 g Salz
· 10 g Zucker
· ½ dl Kokosmilch
· 2 Zitronengrasstängel
· 1 Kaffirlimettenblatt
· 2 Scheiben Ingwer
· 1 EL Currypaste
· etwas gelber Curry

Berner Platte:
· 4 festkochende Kartoffeln
· 1 Rippli (ca 250 g)
· 1 Zungenwurst
· 250 g Speck  

Shiitake-Pilze:
· 250 g Shiitake
· etwas Sojasauce
· wenig Rohrzucker
· 1 Limette, Saft

Sweet-Chili-Sauce:
· 5 rote Chilischoten
· 1 TL Meersalz
· 1 dl Essig
· 1 dl Wasser
· 130 g Zucker
· 5 Knoblauchzehen
· wenig Öl

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