Das Geheimnis glücklicher Ehen
Vieles muss stimmen, damit Frau und Mann miteinander glücklich sind. Wer offen kommuniziert, Konflikte und den Alltagsstress gemeinsam bewältigen kann, hat die besten Chancen, eine Langzeitpartnerschaft zu führen.
Quelle Bild: Yuri Arcurs
Krisen sind normal und kommen in fast jeder Beziehung vor. Und auch eine angeknackste Beziehung sollte kein Grund sein, sich gleich zu trennen. Paartherapeuten sehen in der Krise nicht selten eine Chance. «Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Entwicklungsweg mit Höhen und Tiefen. Krisen gehören dazu», meint der Paartherapeut Hans Jellouschek zu diesem Thema. Kommt es zu einer Trennung, ist das heutzutage ebenso normal. Fast jede zweite Ehe wird heute geschieden, und selbst wenn die anderen Ehen stabil bleiben, bedeutet das nicht, dass die Partner auch zufrieden sind. Vermehrt reichen Frauen die Scheidung ein, und immer weniger Paare bleiben «wegen der Kinder» zusammen. Es scheint fast, als würde eine Scheidung heute eher wie ein Berufswechsel angesehen. Und nicht wie eine Katastrophe, die es unter allen Umständen zu verhindern gilt.
Aber, allen Unkenrufen zum Trotz, - die Ehe ist nicht zum Wegwerfartikel deklassiert worden. Die Mehrheit der Jugendlichen wünscht sich einen Partner fürs Leben, Heirat und Nachwuchs inklusive. Und die meisten geschiedenen Männer und Frauen glauben immer noch an die Ehe und treten erneut vor den Traualtar. Trotz aller Trennungen darf man nämlich nicht vergessen, dass sehr viele Ehen funktionieren. Ehepaare sind auch aufgrund der hohen Lebenserwartung im Durchschnitt länger zusammen als jemals zuvor.
Richtig zuhören
Doch wie funktioniert sie nun, die befriedigende Langzeitbeziehung? Und wie schafft man einen Neubeginn nach einer Krise? «In der Paartherapie haben wir unter anderem gelernt, einander zuzuhören und nicht etwas ins Gesagte hinein zu interpretieren. Der andere hatte Zeit, seine Meinung ohne Unterbrechung zu äussern. Das war für uns neu», erklärt Nadine. Und Peter ergänzt: «Ausserdem wissen wir jetzt, dass Streiten wichtig ist.» Und jetzt könne er auch mal zugeben, dass er beispielsweise Angst habe, und ein «Es tut mir leid» komme heute eher über seine Lippen als früher.
Wie Studien zeigen, sind vor allem drei Punkte für einen günstigen Verlauf einer Partnerschaft bedeutsam: Je offener ein Paar miteinander kommunizieren kann, je kompetenter es Probleme löst und je besser es mit Stresssituationen umgeht, desto zufriedener sind die Partner. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine im Jahr 2001 durchgeführte Umfrage in Deutschland unter 660 in erster Ehe verheirateten Paaren, die zwischen einem und 49 Jahren zusammen waren. Konstruktive Konfliktlösung und Kommunikation erhielten von den Befragten hohe Priorität. An erster Stelle der zwölf Punkte umfassenden «Ehe-Hitliste» rangierte allerdings Toleranz und Akzeptanz, gefolgt von Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit, und - wen wunderts? - Liebe und Zuneigung. Treue, Zärtlichkeit und eine zufriedenstellende sexuelle Beziehung wurden erst am Schluss genannt, was viele überraschen mag.
Gute Kommunikation ist ein Hauptpfeiler einer glücklichen Partnerschaft. Das ist nichts Neues. Jeder weiss, wie gut es tut, wenn man sich dem anderen öffnen kann, wenn das Gegenüber wirklich zuhört und auch noch Verständnis zeigt. Wer sein Anliegen ohne Vorwürfe an seinen Mann oder seine Frau richten kann, hat gute Chancen, gehört zu werden. «Mehr Kommunikation» ist denn auch der grösste Wunsch, den die meisten Frauen und knapp vierzig Prozent der Männer an ihren Partner richten, so hat eine Umfrage ergeben.
Neuer ist die Erkenntnis, dass sich unter Stress die Kommunikation zwischen den Partnern massiv verschlechtert. «Stress ist ein schleichender und häufig lange Zeit verborgener Feind der Partnerschaft. Die Qualität der Kommunikation nimmt unter Stress um vierzig Prozent ab», sagt der Psychologe Guy Bodenmann, Leiter des Instituts für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg. «Paare, die unter Stress stehen, sind nicht in der Lage, aufeinander einzugehen, positiv miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig respektvoll zu begegnen.» Das Freiburger Institut bietet seit Ende der 90er Jahre das Freiburger Stresspräventionsprogramm (FSPT) für Paare an, das neuerdings auch im Raum Aargau und Zürich angeboten wird.
Kinder als Stressfaktor
Stress verursachen auch die Kinder, das weiss jeder Vater und jede Mutter nur zu gut. Und was viele selber erfahren haben, ist nun auch wissenschaftlich belegt: So hat das Münchner Familienforschungsinstitut kürzlich in der Studie «Übergang zur Elternschaft» zeigen können, dass in den ersten vier Jahren nach Schwangerschaft und Geburt die Unzufriedenheit der Ehepartner stetig zunimmt, parallel dazu nimmt die Zärtlichkeit in der Partnerschaft ab. Erst nach fünf Jahren bessert sich die Situation.
Ein gestresster Partner reagiert anders als jemand, der nicht unter Stress leidet. Er ist zurückweisender, nervöser und ungeduldiger. Seine Reaktionen sind oft abwertend und vorwurfsvoll - ein richtiger Austausch kann dann kaum noch stattfinden. Die Beziehung wird vernachlässigt, die gemeinsame Zeit für Aktivitäten und Gespräche nimmt ab, man sieht sich kaum noch, das Paar entfremdet sich. Geschieht dies über eine lange Zeit, kennt man seine Frau oder seinen Mann nicht mehr richtig, das Interesse erlischt. Peter und Nadine sind auch in diese Falle getappt, so erinnert sich Peter: «Ich war vor unserem Krisenausbruch sehr viel weg. Ich war sehr unzufrieden mit meinem Job, zudem hatte ich oft eine 60-Stunden-Woche und viele Nachtdienste.» Nadine, damals vorübergehend nicht berufstätig, war viel alleine mit den zwei kleinen Kindern und völlig frustriert mit der ganzen Situation: «Ich dachte, das wars jetzt also? Ich erfuhr keine Entlastung und hatte das Gefühl, für Peter gäbe es nur noch den Beruf. Es herrschte eine ganz miserable Stimmung.»
In einer Krisensituation und gerade unter Stress kommt es zu einem hohen Level an Negativität, weiss Hans-Peter Dür, der seit zwei Jahren Kurse nach dem Freiburger Stresspräventionsprogramm (FSPT) im Raume Aargau und Zürich durchführt. Wichtig sei es darum, Kompetenzen zu erlernen, wie man Stress bewältigen kann und wie man auch in kritischen Situationen eine gute Kommunikation pflegt. Dür dazu: «Die Stärke der Kurse nach dem Konzept des FSPT ist, dass diese Kompetenzen eingeübt werden. Wir bieten zudem Einzelsitzungen an, in denen wir die spezifischen Probleme des Paares nochmal besprechen können.»
Hohe Ansprüche
Heute soll der Partner oder die Partnerin eine Vielzahl von Erwartungen erfüllen. Das war vor ein oder zwei Generationen noch nicht der Fall. Das macht es nicht gerade einfacher, auf Dauer eine glückliche Beziehung zu leben. «Die emotionalen Ansprüche sind hoch. Man will intensiv Liebe spüren, und dass auch nach vielen Jahren noch», sagt Josef Lang, Paartherapeut und Leiter der interkonfessionellen Eheberatung des Bezirks Baden. Auch Nadine war vor allem damit unzufrieden, dass ihre emotionalen Bedürfnisse nicht befriedigt wurden: «Ich fühlte mich alleine und habe auch das Gefühl vermisst, begehrt zu werden», erklärt sie rückblickend. Sie fing schliesslich an, im Internet zu chatten und lernte dort einen anderen Mann kennen, mit dem sie sich später auch traf. Wer wie Nadine den Partner nicht mehr spürt, ist schneller bereit, sich woanders die vermissten Gefühle zu holen. Die emotionale Unterstützung durch den Partner oder die Partnerin ist wesentlich dafür verantwortlich, dass man sich verstanden fühlt. Wichtig ist ausserdem, dass man bei einer Krise oder einem Seitensprung die Schuld nicht nur dem anderen zuschiebt. Paartherapeut Lang: «Frauen und Männer tun sich nicht immer leicht, die Verantwortung für sich selber und für einen Teil der Beziehung zu übernehmen.». Für Peter war das ein wesentlicher Aspekt, den er in der Therapie gelernt hat: «Ich bin verantwortlich für mich selber.» Das nimmt er sich jetzt immer wieder zu Herzen, auch wenn es ihm manchmal noch schwer fällt.
Das Geheimnis guter Partnerschaften kann nicht so einfach gelüftet werden. Wenn er dieses Geheimnis geknackt hätte, meint Eheberater Josef Lang scherzhaft, würde er dafür bestimmt den Nobelpreis für den Frieden erhalten. Eins aber weiss er mit Sicherheit: Die Liebe wird in den kleinsten Gesten und Worten des Paaralltags genährt oder zerstört.
Mehr Infos zum Freiburger Stresspräventionsprogramm
Quelle/Text: Lioba Schneemann
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