Eltern unter sich - Zeit zu zweit

Der Alltag mit Kindern lässt viele Eltern vergessen, dass sie auch ein Paar sind. Wir zeigen, warum es so wichtig ist, mehr Zeit füreinander zu finden und wie man es angeht.
Quelle Bild: pressmaster
 «Sooo haben wir uns den Alltag nicht vorgestellt», sagen viele junge Eltern, wenn man sie danach fragt, wie sie sich das Familienleben wünschen und wie es in Wirklichkeit abläuft. Die traute Familie ist Wunschdenken, vielmehr gilt es immer wieder, Entscheidungen zu fällen, Konflikte zu lösen oder Krisen durchzustehen. Kinder bringen viel Freude ins Leben aber auch viel Arbeit, Angst und schlaflose Nächte. Vor allem Babys und Kleinkinder sind eine echte Herausforderung. Sie wollen rund um die Uhr gefüttert, gehätschelt, gewickelt oder getröstet werden. Und meistens liegt die Hauptlast bei den Müttern, die oft nicht mehr berufstätig sind und wegen des Stillens praktisch ständig «verfügbar» sein müssen. «Ich wandelte in den ersten Monaten nach der Geburt von Stefanie wie ein Zombie durch die Wohnung», sagt Eva Meister. «Die Kleine wollte alle zwei bis drei Stunden gestillt werden. Das Wort Nachtruhe war für mich monatelang ein Fremdwort.» Den Vätern gelingt es eher, sich etwas Freiraum zu bewahren. «Mein Mann ist nur selten aufgestanden, wenn die Kleine schrie, weil er ja am nächsten Tag wieder ausgeschlafen ins Büro musste», erinnert sich Eva Meister. «Zudem hat er weder seine Squash-Stunde noch das wöchentliche Treffen mit seinen Jasskollegen aufgegeben.» Diese Beobachtung machen viele frischgebackene Mütter und sie wird auch durch deutsche Studien bestätigt: Die Väter glänzen nie so sehr durch Abwesenheit wie im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes. Sind sie dann zu Hause, sind die Mütter froh, wenn sie die Verantwortung für das Kleine mal aus der Hand geben und sich wenigstens für kurze Zeit sich selber widmen können. Viel Zeit und Energie für gemeinsame Gespräche bleibt unter diesen Umständen den wenigsten jungen Eltern. Es ist deshalb kaum erstaunlich, dass die Zufriedenheit der Partner in dieser Zeit sinkt und die Partnerschaft unter dem Familienzuwachs leidet.

Der deutsche Familienforscher Wassilos Fthenakis hat eine Untersuchung durchgeführt, bei welcher zwei Drittel der 175 befragten Paare angegeben haben, dass nach der Geburt ihres Kindes das Interesse an Sex, aber auch die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Partner deutlich nachgelassen hat. Wen wunderts, dass unter diesen Umständen viele Ehen in eine Krise geraten? Paradox daran ist, dass es gerade deshalb zur Krise kommt, weil den Kindern eine enorme Beachtung entgegengebracht wird, weil man ja für das Kind nur das Allerbeste will und dann diesem durch Streit, Trennung oder gar Scheidung etwas vom Schlimmsten zufügt.


Zeit für die Liebe

Grund genug, sich auch wieder mal als Paar, und nicht immer nur als Eltern oder Familie zu erleben. Wie aber schafft man sich diesen Freiraum? Erstmal geht es darum, dass man sich klar macht, dass man auch ein Recht auf ein bisschen Freiheit hat.

Anfangs hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich mich mal wieder ausschliesslich meinem Mann widmete», sagt Eva Meister. «Ich glaubte immer, das Baby käme zu kurz.» Kam dazu, dass sie fürchtete, ihrem Kind könne in ihrer Abwesenheit etwas passieren. Erst mit der Zeit bekam sie genügend Vertrauen in die Babysitterin, dass sie einen Abend zu zweit auch mal richtig geniessen konnte. «Ich erinnere mich noch gut an den ersten gemeinsamen Ausgang mit meinem Mann nach Monaten», sagt Eva Meister. «Wir redeten praktisch ausschliesslich über Stefanie, wie toll sie sich entwickelt, ob sie uns auch nicht vermisst und ob wohl alles in Ordnung sei.» Erst bei weiteren Rendez-vous ist es ihnen gelungen, sich hauptsächlich sich selber, ihren «erwachsenen» Problemen oder Freuden zu widmen.

«Wenn das Gespräch fehlt, verstummt auch die Liebe», hat Peter Angst, Paartherapeut und Buchautor, beobachtet. «Beziehungen leben und beglücken sich nun mal durch ein reges Hin und Her.» Fehlt dieses, verstummt auch die Beziehung. Im Fall von Eva Meister haben diese Abende zu zweit auch in der übrigen Zeit, im stressigen Alltag, positive Spuren hinterlassen. Der Umgang zwischen den Partnern wurde wieder liebevoller, aufmerksamer, und sie sprachen auch zu Hause nicht mehr nur über Dinge, die die kleine Stefanie betrafen. «Rückblickend bin ich froh, dass wir uns die Zeit genommen haben, wieder ein Paar zu werden», sagt Eva Meister. Und ihr persönlich haben diese wenigen Stunden zu zweit, nur unter Erwachsenen, gezeigt, dass sie eben nicht nur Mutter, sondern auch Frau und Partnerin ist was auch die Beziehung zu Stefanie beeinflusst hat. «Ich bin geduldiger, gelassener und ausgeglichener, und das hat sich auf Steffi positiv ausgewirkt. Sie weint weniger, schläft besser und macht alles in allem einen zufriedeneren Eindruck.» Oder wie es der Paartherapeut Peter Angst ausdrückt: «Nur wenn es den Eltern gut geht, geht es auch den Kindern gut!»

Quelle/Text: Marianne Siegenthaler


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