Arena: Über Geld muss man sprechen!
Der Umgang mit Geld gehört spätestens ab Schulalter zur
Erziehung. Geld - Taschengeld - spielt in unserer Gesellschaft eine grosse Rolle. Eine Mehrheit der Kinder hat heute in der Schweiz in der Regel ab der 1. Klasse Geld zur freien Verfügung. Doch wie lernen sie den Umgang mit Geld?
Bei den meisten Familien kommt Geld dann ins Gespräch, wenn die Sprösslinge ab Schulbeginn zum ersten Mal Taschengeld bekommen. Ihr Interesse daran ist unterschiedlich: Die einen haben keine Idee, was sie mit dem Batzen anfangen sollen, und die anderen bedrängen ihre Eltern schon im Kindergarten mit allen möglichen Wünschen. Obwohl sich Letztere erzieherisch anspruchsvoller verhalten, bedeutet dies nicht, dass sie schlechter mit Geld umgehen können.
Sie sind einzig früher am Üben. Denn genauso wie bei jedem anderen Entwicklungsschritt machen Kinder auch in Geldfragen Erfahrungen, auf die sie in späteren Lebenssituationen zurückgreifen können. «Allerdings kann auch ein pädagogisch richtiges Vorgehen in der Erziehung spätere Schulden nicht verhindern», berichtet Anna Flury Sorgo von ihren Erfahrungen aus der Elternberatung. «Das Ziel ist allein die Entwicklung der Fähigkeit, mit begrenzten finanziellen Ressourcen umgehen zu lernen.» In der Schweiz stehen laut Expertenschätzungen Kindern und Jugendlichen jährlich satte 600 Millionen Franken an Taschengeld zur Verfügung. Schweizer Teenies konsumieren Waren und Dienstleistungen für rund drei Milliarden Franken. Gleichzeitig wächst der Umgang mit Geld manchen Kindern und Jugendlichen über den Kopf. Fakt ist, dass 40 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen über ihre Verhältnisse leben und bereits Schulden haben, zuerst bei ihren Eltern, später bei Kreditgebern. Schulden machen ist heute «normaler» geworden, wirtschaftlich gesehen sogar erwünscht. Laut der Inkassofirma Intrum Justitia stellen Jugendliche und junge Erwachsene ein «drastisch höheres Kreditrisiko» dar. Ein Trend, der sich leider fortsetzen wird, denn das ausgeprägte Markenbewusstsein und die sehr hohe Konsumbereitschaft bleiben ein Kennzeichen dieser sehr umworbenen Generation.
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 | | «Sprechen wir mit Kindern und Jugendlichen über Lebenskosten und über notwendige Anschaffungen.» Andrea Fuchs, Schuldenberatung Aargau-Solothurn, Aarau |
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Viele Kinder erhalten in der Schweiz Taschengeld. Noch viel wichtiger ist es, dass Kinder lernen, auf etwas zu warten und nicht alles haben zu müssen. Einigen Kindern fällt dies sehr leicht, anderen sehr schwer. Diese Fähigkeiten können erlernt und unterstützt werden, z.B. beim gemeinsamen Einkaufen. Bei Jugendlichen hat es sich viel mehr bewährt, wenn Eltern ihren Kindern Geld für Kleider und andere notwendige Anschaffungen statt einfach nur Taschengeld zur Verfügung stellen. So lernen sie, dass Geld für notwendige Anschaffungen da sind, sie lernen einteilen und falls genug da ist und man sich clever einteilt, auch ab und zu ein Markenartikel oder eine Party drinliegt. Nebenjobs ermöglichen Sonderwünsche, meistens wird das selbst verdiente Geld sorgfältiger ausgegeben. Die Welt vieler Jugendlicher dreht sich um Wünsche, Träume, um Handy, Ausgang, Style. Woher sollen sie wissen, dass Miete, Nebenkosten, Versicherungen, Steuern, Krankenkasse, Nahrungsmittel den grössten Teil eines Budgets aufbrauchen, wenn weder die Eltern noch die Schule mit ihnen darüber spricht? Viele Jugendliche wissen nicht, dass ihre Eltern den grössten Teil des Geldes, das sie verdienen, für den Lebensunterhalt benötigen. Ich ermuntere Eltern immer, mit Kindern und Jugendlichen über reale Lebenskosten und über notwendige Anschaffungen zu sprechen und finde es sehr wichtig, dass bereits die Oberstufe Geld zum Thema macht. Viele Eltern sprechen nicht gerne über den eigenen Lohn. Modellbudgets im Internet können helfen, mit Jugendlichen über effektive Lebenskosten zu sprechen. Lernende, die vom Lehrlingslohn einen Teil der eigenen Ausgaben selbst abdecken und Geld für Kost und Logis abgeben, sind wesentlich besser auf das Leben vorbereitet als die in Watte gepackte Jugend, die Hunderte von Franken für das neuste Handy, den Style und ewig Party zur Verfügung hat und meint, das Geld wachse auf den Bäumen. Schön wärs ja.
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 | | «Ohne bewusstes Vorleben der Eltern geht gar nichts!» Daniel Wehrli, Unternehmer und Erfinder von «Kinder-Cash», Zentris AG, Lachen |
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Als ehemaliger Banker komme ich aus der Finanzbranche. Ich stellte fest, dass Eltern und Kindern wenig Hilfsmittel zur Verfügung stehen, um zu lernen, wie man vernünftig mit Geld umgeht. Deshalb machte ich mich auf drei Kontinenten auf die Suche danach. Einfach aber wirksam und zugleich Spass für die Kinder sollte es sein. In den USA wurde ich per Zufall bei Freunden auf ein System aufmerksam, das mich von Beginn weg überzeugte: Kinder-Cash! Es hilft, Kinder zu reifen Konsumenten zu erziehen, bevor schlechte Gewohnheiten entstehen. Schliesslich bestätigen auch Fachleute, dass Kinder, die früh den Umgang mit Geld erlernen, später vernünftiger damit umgehen - ein Leben lang. Kinder-Cash ist für Kinder und Schüler im Alter von etwa 4 bis 14 Jahren gedacht. Der Schlüssel für den Erfolg liegt im Erkennen und Übernehmen von Selbstverantwortung. Spielerisch sollen die Kinder mit ihren Eltern oder Erziehern wichtige Themen rund ums Geld erforschen. Sie sollen lernen, sich für etwas zu entscheiden. Ziele zu setzen und zu planen. Ja, sie sollen auch verstehen, woher Geld eigentlich kommt und dass es erst einmal erarbeitet werden muss. Kernstück von Kinder-Cash ist ein herziges Sparschwein mit vier getrennten Sparabteilen: «Sparen», «Ausgeben», «Investieren», «Gute Tat». Jedes Abteil steht also für ein individuell wählbares Sparziel, welches die Kinder selbst defi nieren und mit einem Sticker markieren. Mit dem Investieren ist natürlich nicht der Gang an die Börse gemeint, es gilt, zum Beispiel auf ein Hobby hin zu sparen oder in eine Ausbildung zu investieren, also Geld dafür separat zur Seite zu legen. Und wenn das Säuli einmal voll ist, dann dürfen die Eltern das Geld nicht einfach auf ein Bankkonto überweisen, sondern müssen die Nötli und Münzen zusammen mit dem Kind zur Bank bringen. Überhaupt bin ich der Meinung, ohne bewusstes Vorleben der Eltern geht gar nichts! Eltern sollten ihren Kindern zeigen, dass auch sie z.B. für den neuen PC erst sparen müssen. Sie sind die Navigatoren, die den Kindern helfen, ihr «Geld-Schiff» auf Kurs zu halten.
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 | | «Kinder sollen schon früh den bewussten Umgang mit Geld lernen.» Daniel Jenal, Produktmanager Nationale Produkte der Stiftung Pro Juventute, Zürich |
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Als Mitarbeiter von Pro Juventute setze ich mich dafür ein, dass Kinder schon früh den bewussten Umgang mit Geld lernen. Dafür haben wir zusammen mit Fachstellen zwei hochwertige Lehrangebote entwickelt, die durch Schulen im ganzen Land kostenlos bezogen werden können. Pro Juventute Potz Tuusig ist das interaktive Angebot für Kindergartenund Unterstufenkinder. Im Zentrum steht eine bunte Bilderbuchgeschichte mit integriertem Elternleitfaden. Zusammen mit der Erzählerin setzen sich die Kinder mit Werten rund um Geld und Konsum auseinander und sprechen über Wünsche, Geduld, Vorfreude und Verzicht. Dass Waren oft von weit herkommen und Eltern die Einkäufe an der Kasse mit Geld bezahlen, welches sie im Tausch gegen Arbeitszeit erhalten, sind Bestandteile des Lernstoffs. Für mich steht fest, dass Kinder anhand solcher Kreisläufe das Gespür entwickeln, das für ein späteres bewusstes Handeln von unschätzbarem Wert ist.
www.potz-tuusig.ch Mit Pro Juventute Kinder-Cash haben wir das erste Finanzkompetenz-Lehrangebot für die vierte bis sechste Klasse entwickelt. Kinder und Jugendliche lernen damit praxisnah, ihr Geld einzuteilen, erste Budgets zu erstellen und sinnvolle Prioritäten und Ziele zu setzen. Die Begriffe Ausgeben, Sparen, Investieren und Gute Tat bilden die Leitplanken des Angebots, das neben Schulunterlagen auch wertvolle Materialien für zu Hause beinhaltet. Das spezielle Sparschwein der Zentris AG steht dabei als physischer Bestandteil im Mittelpunkt. Ich bin mir sicher, dass dieses Lehrmittel viel dazu beiträgt, Kinder und Jugendliche im bewussten Umgang mit Geld zu stärken.
www.kinder-cash.ch Weiter hat Pro Juventute Elternveranstaltungen entwickelt, wo Fachpersonen über Geld und Konsum referieren, spannende Fachdiskussionen führen und Handouts in acht verschiedenen Sprachen abgeben. Ich fi nde das toll, denn damit bringen wir Eltern und Lehrpersonen an einen Tisch.
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 | | «Geld ermöglicht Erfahrungen mit Beschränkung.» Anna Flury Sorgo, Psychologin in Chur und Uster, langjährige Tätigkeit im Elternnotruf Zürich
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Als ich einmal knapp bei Kasse war, schlug mir meine 4-jährige Tochter vor, doch beim Geldautomaten welches zu holen. Ich erklärte ihr, dass ich dort auch kein Geld mehr hätte und sie war sehr erstaunt. Geld ist nicht immer vorhanden? Eine erste Erfahrung mit der Begrenztheit materieller Mittel. Gäbe es unendlich viel Geld, müsste man nicht damit umgehen lernen. Damit würde es aber auch seinen Wert verlieren, denn ich kann mir immer alles kaufen, was ich will. Heute oder morgen, spielt keine Rolle. Doch Schlaraffenland ist auf die Dauer langweilig. Geld ermöglicht Erfahrungen mit Beschränkung. Sowie der Tod das Leben erst lebenswert macht, ermöglicht das Fehlen materieller Mittel, Wünsche zu entwickeln. Wenn Kinder Erfahrungen mit Geld und mit der Begrenzung materieller Möglichkeiten machen, lernen sie warten. Sie lernen, Wünsche aufzuschieben, aber auch, etwas zu erreichen versuchen, ein Ziel anzustreben, zu entwickeln, und auf eines zugunsten eines anderen zu verzichten. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn sie über gewisse kleine, dem Alter angepasste Beträge verfügen können. Lernen bedeutet immer, dass man etwas nicht kann. Eltern sind dazu da, ihre Kinder dabei zu begleiten. Das tun sie zum Beispiel, indem sie selber Geld als Mittel zum Zweck betrachten und nicht als Wert an sich. Einerseits benötigen Kinder die Freiheit, mit ihrem Geld Erfahrungen und auch Fehler machen zu können. Anderseits benötigen sie eine Begrenzung dieser Freiheit durch eine Verknappung der zur Verfügung stehenden Geldsumme.
Kidy
swissfamily: Februar/2012
Quelle/Text: Christina Bösiger