Patchwork - na und?
Neue Liebe - neues Glück. Das wünschen sich viele Frauen und Männer nach einer Trennung. Auch in der Schweiz trennt sich jedes zweite Paar wieder, Trauschein hin oder her. Pro Jahr sind 15 000 Kinder betroffen. Immerhin finden 50 bis 70 Prozent der Geschiedenen neues Liebesglück.
Pro Jahr sind 15 000 Kinder betroffen. Immerhin finden 50 bis 70 Prozent der Geschiedenen neues Liebesglück, Frauen bleiben allerdings häufiger alleine als Männer. Eine Trennung und eine neue Paarbeziehung bedeutet für alle Familienmitglieder eine grosse Umstellung. Eine neue und «harmonische» Familie entsteht nicht von alleine. Vor allem die Kinder müssen sich umorientieren, in den sich neu bildenden Teilfamilien herrschen andere Regeln und Lebensstile als in der Ursprungsfamilie, und die Beziehungen zu den Eltern verändern sich mitunter sehr.
Respektvoller Umgang
Geduld ist der beste Ratgeber, wenn ein Elternteil sich neu verliebt hat und eine neue Partnerschaft ansteht. Ungeduld gehört zwar zum Verliebtsein, ratsam ist aber, etwas abzuwarten, bis man dem Kind, egal wie alt es ist, seine «neue Flamme» präsentiert. Der Zürcher Kinderpsychiater Remo Largo rät in seinem Buch «Glückliche Scheidungskinder», den neuen Partner nicht zu früh mit den Kindern zusammenzubringen: Erst wenn die partnerschaftliche Beziehung gefestigt ist, sollte man die «Kinderrunde» einläuten, dann stundenweise zusammenkommen, die Wochenenden oder die Ferien miteinander verbringen. Zurückhaltung sei eine erfolgreiche Strategie, Drängen ein Risiko. Ein solches Vorgehen verhindert, dass sich die Kinder arg verunsichert fühlen und abwehrend reagieren.
Ein häufiger Partnerwechsel kann vor allem kleinere Kinder stark verunsichern. «Allerdings stört es auch Jugendliche, wenn sie zu viel von wechselnden Partnern ihrer Eltern erfahren. Sie reagieren oft sehr heikel, wenn sie vom Liebesleben ihrer Mutter oder ihres Vaters zu viel mitbekommen, denn das Thema «Verliebt-Sein» ist, so meinen sie, gerade «ihr» Thema», sagt Silvia Sager von der Ehe- und Familienberatungsstelle Bern.
Kinder interessieren sich im Grunde nur dafür, ob Mama und Papa oder die wichtigsten Bezugspersonen weiterhin uneingeschränkt und zuverlässig für sie verfügbar sind. Das Liebesleben der Eltern interessiert sie nicht besonders. Sie brauchen hingegen Stabilität, Geborgenheit und Verlässlichkeit, gerade in der schwierigen Phase des Übergangs.
Erwachsene sollten Elternschaft und Partnerschaft nicht vermengen. Familienberaterin Sager betont: «Man kann von seinen Kindern auch nicht erwarten, dass sie den neuen Partner gleich genauso wunderbar finden wie man selbst. Hierbei sind die Erwartungen oft zu hoch gesteckt. Wichtig ist, dass sich die Erwachsenen klar von den Kindern ab-grenzen. Sie sollten deutlich machen: Ich finde die Person toll, aber von euch Kindern verlange ich das nicht.» Was Mütter und Väter aber unbedingt von ihren Kindern verlangen müssten, sei ein respektvoller Umgang mit der neuen Partnerin oder dem neuen Partner. «Die Kinder sollen sich anständig verhalten, das muss man klarmachen und auch im Alltag leben.» Sind diese Grenzen gezogen, hat das Kind die Möglichkeit, von alleine sein Interesse an der neuen Person zu entwickeln und eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Und das braucht seine Zeit.
Klare Verhältnisse
Der neue Mann oder die neue Frau hat eine besondere Rolle in der Kernfamilie. Es muss klar sein, dass der neue Partner keiner anderen Person den Platz wegnimmt. Der Vater ist immer noch der Vater, und der neue Mann ist der «Neue» von der Mutter und ist damit nicht automatisch der zweite Papa. «Ein neuer Mann oder eine neue Frau sollte vorsichtig dazukommen und nicht gleich miterziehen», rät Sager. «Zieht das Paar zusammen, kann die Mutter - so ist es ja in den meisten Fällen - ihrem Partner Erziehungsbefugnisse erteilen. Es muss eingeführt werden und es braucht die ausdrückliche Erlaubnis der Mutter, dass der neue Partner im alltäglichen Zusammenleben den Kindern auch etwas sagen darf.» Das müsse aber auch im Alltag gelebt werden, sonst würden sich die Kinder verweigern.
Allerdings darf sich der neue Partner nicht in Sachen einmischen, um die sich der Vater kümmern muss, etwa um schulische Dinge oder wenn es um die Ausbildung der Kinder geht. «Der neue Partner kann seine Gedanken und seine Meinung mitteilen, mehr nicht.» Diese Klarheit von Anfang an kann verhindern, dass Kinder sich total verweigern. Es gebe Fälle, in denen die Kinder durch ihr Verhalten das Paar wieder auseinan-dergebracht hätten. Gottlob komme das aber selten vor.
Wie leben Patchworkfamilien? Wie meistern sie den Alltag und mit welchen Schwierigkeiten müssen sie fertig werden? Kidy swissfamily hat zwei Familien daheim besucht, denen es geglückt ist, eine intakte neue Familie aufzubauen.
Und auf einmal waren es fünf...
Sonja (37) und Andy (41) aus Arisdorf, BL, und die fünf Kinder Sara (15), Elisa (13), Anna und Romina (beide 9) und Gianni (6).
Nicht nur für die dreizehnjährige Elisa ist das etwas Neues: Ein Mann, der sich um sie und ihre vier Geschwister kümmert, der da ist, wenn der Computer spinnt, der mit ihnen Mittagessen geht, einer, der ihnen zuhört und mit ihnen diskutiert. Der weiss, was in der Familie läuft. Zuständig für alles rund um Kinder und Haushalt war in den 13 Jahren der Ehe stets Sonja. «Dass Andy für uns alle da ist, ist für mich wie auch für die ganze Familie ein ganz neues Erlebnis.»
Seit zwei Jahren ist Andy der Mann an Sonjas Seite, seine weitere Rolle definiert sie so: «Er ist fürs Liebe und Gute zuständig, die Erziehung habe ich, wie vorher auch, in den Händen.» Schimpfen und sagen, was läuft, das mache sie. Die Kinder finden diese Rollenteilung in Ordnung. «Er ist schon wie ein Vater», meinen einstimmig die Zwillinge Anna und Romina (9) und kuscheln sich an ihn, auch Elisa nickt. Die fünfzehnjährige Sara meint zwar, dass sie nicht recht verstehe, dass Andy gar nicht miterziehe, aber andersherum würde sie es auch gar nicht annehmen, wenn er etwas sagt. «Wir reden aber viel miteinander.» Ein klares Statement kommt auch vom Jüngsten, dem sechsjährigen Gianni: «Papi ist Papi und Mami und Andy sind meine Eltern.»
Und was sagt Andy dazu, der mit einer neuen Partnerin nun auch fünf Kinder zu betreuen hat? «Mir gefällt das sehr gut. Ich werde von allen akzeptiert und respektiert. Ich bin für sie da, und ich merke, dass sie darüber auch sehr glücklich sind.» Am Anfang sei er schon etwas erschrocken, dass die Kinder gleich so zutraulich gewesen seien, aber nun geniesse er das. Dass seine Frau für die Erziehung zuständig ist, sei für ihn kein Problem. «Der Haushalt und die Kinder machen viel Arbeit, ich bewundere, wie Sonja das schafft, sie ist ständig auf den Beinen. Ich muss zu Hause nun viel weniger tun als vorher, und manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen.»
Ein Gutes Team
Claudia (40) und René (41) aus Lupsingen, BL, mit den vier Söhnen Nico (11), Marc (10), Till und Eric (bei-de 8).
«Wir sind eine gefestige Familie mit einem gesunden Zusammenhalt». Die Aussage kommt absolut überzeugt, und der Blick in die Runde lässt keinen Zweifel aufkommen. Seit drei Jahren sind sie eine Familie: Claudia und René, beide mit jeweils zwei Söhnen, René mit Till (8) und Nico (11), Claudia mit Eric (8) und Marc (10). «Toll» finden die Buben, dass sie vier Kinder seien, und vor allem, so betonen Eric und Marc, dass René viel mit ihnen unternimmt, «gerade haben wir mit ihm ein Hüsli gebaut». Klar, wie ein zweiter Papi sei er, lautet das einstimmige Urteil.
Seine neue Partnerin Claudia wurde von Renés Buben schnell akzeptiert. Obwohl, «scheu» sei er zunächst schon gewesen, meint Till, aber «jetzt bin ich es nicht mehr». Sein älterer Bruder Nico wollte Claudia anfangs zwar wieder loswerden, aber da hat der Papa schnell mal klargemacht: Die wirst du nicht mehr los.
René und Claudia haben es gut im Griff und haben gelernt, mit den lebhaften Kerlen und den unterschiedlichen Charakteren umzugehen, auch wenn es manchmal alles andere als leicht ist. Der Spruch: Du hast mir nichts zu sagen, sei noch nie gefallen, die Erziehung sei gleichberechtigt. Claudia: «Wichtig ist, dass jeder sein eigenes Zimmer hat und dass keiner irgendwie bevorzugt wird. Alle sind gleich, es gibt keine Ausnahme, egal ob es nun meine Kinder sind oder die Buben von René.» Klare Regeln und Rituale sind wichtig. So hat sich beispielsweise die Einführung eines «Wochenchefs», der bei Streitereien vermitteln muss, bewährt.
Konflikte gab es hier vor allem mit den beiden Erstgeborenen. René: «Die beiden wurden auch regelrecht entthront und mussten sich erst ihren Platz suchen. Das war nicht einfach.» Marc hat es auch anfangs «komisch» gefunden, dass da nun ein anderer Bub in seinem Alter da war. «Ist das nun mein Freund?» habe er sich gefragt. Die beiden jüngeren Buben, Till und Eric, ergänzen sich gut, der eine ist der Ruhigere, Kreative, der andere eher ein Wildfang. In der Schule laufe es ebenso ohne grössere Probleme, beide sind in der gleichen Klasse.
Innerhalb der Patchworkfamilie klappt es gut. Belastend seien Dinge, die von aussen kommen, darunter Geschichten von früher. Claudia: «Als Patchworkfamilie steht man im Fokus. Einige reagieren sogar sehr ablehnend oder mischen sich ein.» Anfangs habe sie das sehr belastet, aber sie habe gelernt, sich gut abzugrenzen. «Man erlebt alles, von Nicht-akzeptiert-Sein bis zu einer grossen Herzlichkeit, diese kommt vor allem auch von älteren Leuten.» Sogar innerhalb der näheren Familie ist die neue Situation nicht akzeptiert, besteht zum Teil wenig Interesse an den Kindern.
Adressen und Links:
Trialog - Verein Kinder in Scheidung
Einelternfamilien in der Schweiz
SVAMV - Schweizer Verband alleinerziehender Mütter und Väter
Verwandte Adressen
- Tierschutzverein Kreuzlingen und Umgebung
- Tierschutzverein Toggenburg9230 Flawil
- Kantonaler Glarner Tierschutzverein8754 Netstal
- Tierschutzverein Saanenland3780 Gstaad
- Tierschutzverein Frutigen3723 Kiental
8280 Kreuzlingen
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