Hör mir zu!

Ohne Respekt für das Anderssein des anderen und ohne Selbstkritik geht es nicht.
Einer Studie der Stanford University School of Medicine zufolge gibt es auf die Dauer nur einen Beziehungskiller: Schuldzuweisung. Egotripps und Rechthaberei müssen zugunsten von Harmonie und Einigkeit abgelegt werden. Wunderbar, wenn zwei dazu imstande sind, sagt John Gottman, der an der University of Washington das Streitverhalten von Paaren untersucht. Selbstverständlich könne man den Leuten ans Herz legen, fair und liebevoll zu bleiben. Die Krux sei nur: Die meisten würden das im Ernstfall nicht hinkriegen. Gibt es überhaupt einen Ausweg aus der Streitfalle? Für John Gottman liegt die Lösung nicht im Verändern der Streitsituation, sondern darin, dem anderen generell mehr Interesse zukommen zu lassen. Ihm dann Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er danach verlangt. Wir wünschen uns doch jeden Tag immer mal wieder ein Feedback unseres Partners: Wie er unsere neuen Schuhe findet, den Zeitungsartikel, den man selbst gerade gelesen hat oder ob es zum Nachtessen Nudeln geben soll. Der andere hat nun drei Möglichkeiten zu reagieren: interessiert, unwirsch oder gar nicht. Wenn ein Partner, der sich normalerweise nicht um solchen «Nonsens» schert, plötzlich Interesse zeigt, wirkt sich das auf die ganze Beziehung positiv aus und nicht zuletzt auch auf Konfliktsituationen. «In glücklichen Partnerschaften reagieren 83 Prozent, wenn der andere Aufmerksamkeitssignale aussendet», sagt John Gottman. «Bei Paaren, die sich scheiden lassen, sind es nur 30 Prozent.» Gewöhnen sich zwei also an, auch in «unbedeutenden» Alltagsdingen ein offenes Ohr füreinander zu haben, entsteht ein Goodwill-Reservoir. Es lotst einen durch schwierige Momente und macht eine Beziehung krisensicher, weil der andere sich in seinen Bedürfnissen grundsätzlich wahrgenommen fühlt. Wo hingegen dieses Wohlwollen fehlt, breitet sich Groll aus, geschluckter und angewachsener Zorn auf den anderen. Der uns wegen seiner im Bad herumliegenden Socken die Wände hochgehen lässt. «Mit Groll verletzt man sich nur selbst», sagt Anita, die mit Paul seit dreissig Jahren verheiratet ist. «Ich habe mir seit langem abgewöhnt, es persönlich zu nehmen, wenn mein Mann vergisst, auf dem Nachhauseweg in die Metzgerei zu gehen oder Kleider in die Reinigung zu bringen. Das richtet sich schliesslich nicht gegen mich oder unsere Beziehung.» Ja, aber wenn er einen wirklich lieben würde, dann wüsste er doch, was erledigt werden muss? Anita lacht. «Wer meint, dass der eigene Mann gleich denkt und sich um die gleichen Dinge sorgt wie man selbst, oder dass er einem die Gedanken von der Stirn ablesen kann, der ist unrealistisch. Ausserdem ist Groll Gift für die Romantik».

So wie gegenseitige Beschuldigungen und Ressentiments sichere Liebestöter sind, sind Zärtlichkeit und Bewunderung sichere Liebesbewahrer, sagt John Gottman. Man kann sie kultivieren, indem man sich immer mal wieder daran erinnert, wie man den Partner in der ersten Zeit als den Grössten betrachtete, und sein Glück, ein solches Prachtexemplar an guten Eigenschaften ergattert zu haben, kaum fassen konnte. Das hilft, wenn wir uns beim Gedanken ertappen, dass er es ist, der uns unglücklich macht, uns die Freude am Leben vereitelt, weil er vorher diesen barschen Ton draufhatte oder man sich wieder mal selbst um ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter kümmern muss. Wer beim anderen nach Fehlern sucht, wird viele finden. Aber wenn man damit beginnt, das Gute zu sehen, wird das zu einer positiven Gewohnheit und alles, was man sieht, verändert sich. Wir erkennen, dass niemand anders uns glücklich machen kann als wir selbst. Vom französischen Schriftsteller André Maurois stammt der Satz: «Eine erfolgreiche Beziehung ist ein Gebäude, das man jeden Tag von neuem aufbauen muss.» Dass das nicht immer ein Grund zum Frohlocken ist, hat kein Mensch je bestritten.

Quelle/Text: Monica Congiu