Strafen in der Erziehung - ein Auslaufmodell?

Was tun, wenn die Tochter oder der Sohn zu spät nach Hause kommt, die Hausaufgaben nicht macht oder andere Regeln missachtet? Mit Strafen allein ist es oft nicht getan.
Kommt Philipp (15) zu spät vom Ausgang nach Hause, muss er damit rechnen, dass er nächstes Mal eine halbe Stunde weniger lang fortbleiben darf. Oder wenn seine Schwester Salome (13) zu lange vor dem Computer oder Fernseher sitzt, sinkt ihr PC- und TV-Zeitbudget für den nächsten Tag entsprechend. «Wir haben mit unseren Kindern bewusst vereinbart, was die Konsequenzen sind, wenn sie sich nicht an unsere Regeln halten. Dabei haben wir die Konsequenzen stets dem Alter unserer Kinder angepasst. Uns ist es wichtig, dass die ausgesprochenen Konsequenzen für uns stimmen. Zudem dürfen es nicht zu viele sein, weil sie sonst schwer durchzusetzen sind», erzählt Therry Landis-Kühne, Familienfrau, kaufmännische Angestellte und Präsidentin von Schule und Elternhaus Villmergen AG; Frau Landis ist Mitinitiantin des Elternbildungstages am 12. November in Wohlen, an dem die Erziehung aus verschiedenen Blickwinkeln thematisiert wird (siehe Veranstaltungstipp). «Das System der Bestrafung mit Konsequenzen hat sich in unserer Familie bis heute gut bewährt», zieht Therry Landis Bilanz.

Die Gesellschaft hat sich verändert

Der Ausdruck Strafen sei in der Erziehung der heutigen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäss, findet Rainer Kreuzheck, diplomierter Psychologe und Therapeut für den Elternnotruf. Die erzieherische Anwendung von Strafe stamme aus den 70er- und 80er-Jahren, als Strafen zur Disziplinierung der Kinder eingesetzt wurden. «Dies geschah aus einem anderen Autoritätsverständnis heraus, bei dem vor allem die Angsteinflössung und Erziehung auf Distanz im Zentrum standen. Mittlerweile hat sich die Gesellschaft verändert. Und mit ihr auch die Kinder. Diese sollen zu selbstständig denkenden Personen heranwachsen, was Eltern heute vor neue Herausforderungen stellt, weil sie selber als Kinder tendenziell zur Anpassung erzogen wurden. Die Erziehungsmethoden von einst funktionieren heute nicht mehr; und Eltern sind auf der Suche nach wirksamer Erziehung - manchmal jedoch orientierungslos.» Als Antwort darauf würden viele junge Eltern ins andere Extrem fallen und ihren Kindern zu wenig Grenzen setzen. Anstatt eine klare Linie zu fahren, wollen sie mit den Kindern alles ausdiskutieren. «Dadurch ermutigen sie die Kinder, Regeln zu brechen und alles zu verhandeln», so Rainer Kreuzheck. Anstelle von Strafen schlägt der Psychologe vor, auf Regelbrüche von Seiten der Kinder mit «logischen Konsequenzen» zu antworten. Dies könne zum Beispiel bedeuten, dass das Kind eine Woche lang den Abwasch oder einen anderen Dienst an der Gemeinschaft übernehmen muss, wenn es etwa zum wiederholten Male zu spät zum Essen gekommen ist. Es wählt zwischen Regelerfüllung oder dem Inkaufnehmen der angekündigten Konsequenzen. Diese sollten nicht im Ärger ausgesprochen werden, sondern dann, wenn man gut im Kontakt ist mit dem Kind.

Regeln und Grenzen
Kinder wie auch Erwachsene müssen sich an gewisse Grenzen halten. Bei Kindern geht es zum Beispiel um Grenzen, die mit der Sicherheit zu tun haben. Die Regeln für den Verkehr etwa müssen dem Alter und Geschick des Kindes angepasst sein. Dann gibt es Grenzen, die mit den eigenen Bedürfnissen der Eltern zu tun haben: So können Eltern von ihren Kindern verlangen, dass sie auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Auf diese Weise lernt das Kind, dass man einander und sich selber respektieren sollte. Grenzen entstehen auch aus persönlichen Normen und Wertvorstellungen der Eltern. Diese Ansichten lösen ab Schulalter am meisten Konflikte aus. Konsequenzen in der Kindererziehung helfen Kindern zu lernen, dass Handlungen gewisse Reaktionen zur Folge haben. Dadurch entwickeln die Kinder ein Rechtsgefühl, das ihnen hilft, Aufgaben und Herausforderungen in Zukunft besser zu meistern.

Elterliche Präsenz

Wann sind Strafen bzw. logische Konsequenzen in der Erziehung sinnvoll? Laut Rainer Kreuzheck sind Sanktionen grundsätzlich kein Allheilmittel und sollten bewusst, gezielt und sparsam eingesetzt werden. «Kindern muss man immer wieder sagen, was sie tun sollen. Eltern sollten nur die ihnen wichtigsten Dinge durchsetzen und realistische Erwartungen an ihre Kinder stellen. Eine körperliche Nähe zum Kind aufzubauen und ihm in die Augen zu schauen, gibt den Worten eine viel grössere Wirkkraft. Der Film ?Wege aus der Brüllfalle? (siehe auch Kidy swissfamily, Ausgabe August 2011, Dossier Schule&Elternbildung, ?Fertig gebrüllt!?) von Wilfried Brüning demonstriert diese Haltung sehr anschaulich», erläutert Rainer Kreuzheck.

Sanktionen schaffen Klarheit
Damit eine Sanktion für das Kind gleichzeitig auch ein Lernplatz sein kann, sei es wichtig, dem Kind die Chance zu geben, sich zu verbessern. «Eltern sollten dem Kind zeigen, wie es die Ziele und Regeln besser erreichen kann», so Rainer Kreuzheck. Wenn zum Beispiel ein Kind auf den Spielplatz gehen darf, von dort aber immer wieder wegläuft und zu spät nach Hause kommt, empfiehlt der Psychologe, das Kind für eine gewisse Zeit nur noch in Begleitung aus dem Haus gehen zu lassen. Sanktionen zu verhängen und Kinder zu bestrafen, braucht Kraft und Durchsetzungsvermögen. Wichtig sei, dass solche Konsequenzen in einer liebevollen Atmosphäre und nicht in einem gehässigen Ton kommuniziert werden. «Kinder sind manchmal auch froh, wenn mit Sanktionen Klarheit geschaffen wird und ihre Eltern eine klare Linie fahren. Die richtige Konsequenz zu finden, ist jedoch nicht immer einfach», weiss auch Rainer Kreuzheck. Dieser rät von Sanktionen ab, die übertrieben sind und kaum durchgezogen werden können - zum Beispiel vier Wochen Hausarrest. «Oft haben die Eltern den Drang, sofort eine Vergeltung auszusprechen. Dies muss nicht sein. Die Eltern können sich bewusst auch Zeit lassen und in Ruhe eine geeignete Konsequenz als Folge der Regelverletzung durch das Kind ausdenken.»

Das Loben nicht vergessen!

Kommt es trotz Sanktionen immer wieder zum gleichen Regelbruch, sollten sich die Eltern Zeit nehmen und mit dem Kind zusammensitzen. Es geht darum, ohne Schimpfen und Motzen klarzumachen, dass man ein Problem mit dem kindlichen Verhalten hat und es sich anders wünscht. Hilfreich ist es, mit den Kindern herauszufinden, wie sie sich besser verhalten können. Dabei dürfe man durchaus seinem Ärger Ausdruck geben, ohne sich aber im Ton zu verfehlen. Vorschläge der Kinder sind sehr erwünscht. Eltern fühlen sich oft unsicher bei solchen «Gesprächen», weil sie keine Rollenvorbilder haben. Niederschwellige Telefonberatung für Eltern kann ihnen konkrete Unterstützung anbieten. Ein fehlerfreies Verhalten des Kindes dürfe man trotz aller Kontrolle und einer klaren Linie indes nicht erwarten. Wichtig dabei sei auch, regelkonformes Verhalten der Kinder zu registrieren und hervorzuheben. Denn: «Kinder lernen besser, wenn sie Erfolgserlebnisse haben und man ihnen Wertschätzung entgegenbringt.» So seien Kinder in der Regel bemüht, die Sachen recht zu machen. Deshalb sollte stets ihr Verhalten, jedoch nicht das Kind als Mensch, kritisiert werden. Immer dann, wenn das Kind aus einem eigenen Tun heraus etwas Richtiges tut, sollte man es loben. So lernt das Kind mühelos und ganz nebenbei was richtig ist und was nicht. Im Laufe der Zeit gewinnt das Kind durch die positive Verstärkung immer mehr Selbstbewusstsein. Um das Prinzip «Lob statt Strafe» umzusetzen, ist es wichtig, mehr zu loben als zu kritisieren.

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Quelle/Text: Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz