Von Mutter zu Mutter - Bretter die die Welt bedeuten

Einmal mehr sass ich inmitten stolzer Eltern in den Zuschauerreihen, um einer meiner Töchter moralisch beizustehen. Dies mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten, als ihr - von Geburt aus - grösster Fan.
Entschuldigen Sie, aber ich bin gedanklich noch auf der Wanderung Richtung Süden, getrieben vom Hunger und Durst, den Feind im Nacken aber voller Zuversicht, dass mein Leben eines Tages ein besseres sein wird, ich eine Heimat finden und in Frieden leben werde. Bis ich dann - hochbetagt - mit ca. 45 Jahren sterben werde.

Nein, ich träume nicht. Ich war nur grad bloss an der Theateraufführung meiner Tochter. Sie spielte eine Ziegenhirtin ohne Ziegen (die haben?s leider nicht überlebt) zu Zeiten der Völkerwanderung, auf der Flucht vor Krieg und Elend. Einmal mehr sass ich inmitten stolzer Eltern in den Zuschauerreihen, um einer meiner Töchter moralisch beizustehen. Dies mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten, als ihr - von Geburt aus - grösster Fan. Und - Gott sei Dank - die Darbietung war für einmal sogar richtig unterhaltsam.
 
Dabei sein ist alles
Denn, obwohl ich meine Kinder über alles liebe, ich ihren Eifer wertschätze und herzig finde, sind die damit verbundenen Darbietungen manchmal einfach - bitte entschuldigen Sie - zum gähnen langweilig. Ich möchte gerne wissen, wie viele Stunden ich bereits an Flötenkonzerten, Ballett- und anderen Tänzchen, vergeigten Geigenstunden und sich dahin ziehenden Theateraufführungen verbracht habe. Ich kenne die fiebrigen Vorbereitungen dazu, das Üben von Noten und Text sowie die Ohnmachten und die Appetitlosigkeit vor der Premiere. Genau wie ein hoch bezahlter Spielercoach weiss ich um die Vorzüge einer optimalen Ernährung vor dem Schulsporttag. Und ich motiviere auch dann noch, wenn das Flötenstück "Komm doch herüber" auch nach 100-mal üben eher zum weglaufen animiert. Dabei sein ist alles! Was tut man nicht alles um - wen eigentlich genau - glücklich zu machen?
 
Eingeschlafene Füsse
Kaum hat meine Tochter ihren 45 Sekunden dauernden Flötenvortrag aufgeregt und zittrig - aber natürlich total schön - vor Publikum zum Besten gegeben, folgt der Rest der schätzungsweise drei Dutzend Flötisten und Flötistinnen. Genau so eifrig und mit genau soviel Liebe werden nun verschiedene Tonarten vorgetragen, die ich in dieser Reihenfolge noch nie gehört habe. Aber bei aller Liebe, nach einer Stunde schlafen sogar meine Füsse ein. Ich lasse mir natürlich nichts anmerken, klatsche artig Beifall, denn alle, wirklich alle haben diese Wertschätzung auch verdient. Aber ab und zu, man möge es mir verzeihen, schweifen meine Gedanken ab. Und da die letzte Nacht kurz war (Emma`s Zähne!) kämpfe ich in der 3. Reihe rechts, gegen das Wegdämmern. Zum Glück sind da immer mal wieder schräge Flötentöne zu hören, die ziemlich sicher so vom Komponisten nicht gedacht waren. Aber sie holen mich effektvoll aus meinem Dämmerzustand zurück.
 
Der Eifer der Jugend
Ich sehe dann den kleinen, vor Aufregung rotwangigen Jungen, der sich zum wiederholten male an der verflixten Passage aus "Hänschen klein" versucht. Mir kommen die Tränen. Sein Instrument erlaubt sich immer wieder sich aus der richtigen Melodie zu verabschieden. Es ist schon zum verrückt werden und ich leide mit ihm. Daheim lief sicher alles optimal. Ich kenne das! Und kaum sitzen da ein paar Eltern und Grosseltern im Publikum, will dieses dämliche Ding von Instrument nicht mehr mitspielen. Dieser kleine Junge hat mein vollstes Mitgefühl. Und meine ehrliche Hochachtung. Einfach jetzt nicht  verzagen, es wird schon irgendwie gehen. Ja, vor so viel jugendlichem Eifer ziehe ich meinen Hut. Und schliesslich hat auch er es geschafft. Jetzt: klatschen!
 
Alles andere kann warten
Und weil ich weiss, wie schwer ein Auftritt mit dem Risiko zu Pleiten, Pech und Pannen sein kann, besuche ich seit Jahren alle Aufführungen, Darbietungen und Shows meiner Kinder. Das waren schon ganz schön viele und es werden hoffentlich noch viele sein.

Mögen sie auch manchmal langweilig sein, es geht nicht anders, alles andere kann warten. Ich bin Fan meiner und anderer Kinder, weil sie es einfach verdient haben. Nur schon das auf der Bühne stehen verdient Applaus. Und es geht nichts über das Strahlen der Kinder nach der Aufführung, wenn sie den Blick der stolzen Eltern im Publikum sehen. Ja mein Kind, ich bin hier wegen dir, nur wegen dir und du hast das toll gemacht. Das nächste Mal komme ich wieder - und zwar ausgeschlafen!

Quelle/Text: Stella van Bergen


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