Von Mutter zu Mutter - Warten...

Wenn eine Mutter beschreiben muss, was sie den ganzen Tag über so tut, nennt sie viele Aufgaben:
vom Kochen, übers Waschen zum Erziehen, Fahren, Coachen bis hin zum Trösten, Verarzten und Aufräumen, wird nichts ausgelassen. Und Sie wissen, dass man diese Liste nahezu endlos weiterführen könnte. Eine der häufigsten Tätigkeiten von Müttern scheint aber so simpel zu sein, dass wir sie kaum nennen: das Warten.

Grüsse von Godot
Es gibt ja viele Arten des Wartens. In Samuel Becketts Theaterstück "Warten auf Godot" stehen mehrere Personen an einer Strassenkreuzung und warten zu guter letzt vergeblich auf Godot. Wenn ich so an meine Söhne denke, dann hätte ich wenigstens einen davon auch Godot nennen sollen... schliesslich warte ich ja auch dauernd. Ich warte darauf, dass ich das Haus verlassen kann, während meinem Sohn dringend einfällt, dass er noch unbedingt sein Irgendwas suchen muss. Und ohne dieses wird er das Haus definitiv nicht verlassen! Oder aber ich warte, während mein Kleinster Steinchen auf dem Spaziergang aufliest. Nie scheint das richtige Objekt dabei zu sein und dementsprechend entmutig trotten ich und der Hund die wenigen Meter, die wir vorwärts kommen.

Ich warte auch auf Taten. Sei es das Aufräumen der Zimmer durch meine Kinder oder aber das Aufhängen des Bildes durch meinen Mann. Richtig, Sie kennen das - da kann man ganz schön lange warten. Und meist führt das zermürbende Warten dann zu irgendwelchen Drohungen und nur damit dann doch endlich zu den Taten. 

Geduld kann warten. Ungeduld lernt warten
Es soll sie ja geben, diese Menschen, die geduldig warten können. Die friedlich dasitzen und einfach der Dinge harren, die da kommen mögen. Und dann gibt es die anderen: Mütter, die in einen Tag viel mehr als 24 Stunden packen müssen, um alles zu erledigen. Die keine Zeit zu verschwenden haben und das Warten auf die zahlreichen Kleinst-Abenteuer ihrer Kinder als Verlust betrachten. Sie eilen von Minute zu Minute im engen Tagesablauf und reagieren unwirsch auf Verzögerungen. Und stellen dann doch immer wieder fest, dass ihre Ungeduld auch warten muss, trotz zetern und hetzen. An den Tagen, an denen Sie sich nicht ganz so viele Ziele gesetzt haben und die nicht schon frühmorgens mit einem Chaos beginnen, sehen aber selbst diese Mütter ganz klar: die Zeit ist viel zu wertvoll, um nicht ab und zu inne zu halten und sie zu geniessen. Die Steinchen am Wegrand sind eigentlich ganz schön anzusehen und wenn das Irgendwas mit dabei ist, sind alle viel entspannter. Selbst die unaufgeräumten Zimmer oder das immer noch nicht hängende Bild stressen nicht.

Ich kann warten
Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, dass Warten auch etwas Entspannendes und Schönes haben kann. Obwohl ich mich auch schwach an das bedrohliche  "IIIIICH kann warten" meiner Mutter erinnere und das Bild der sichtlich genervten Person, die irgendwelche Taten von mir sehen wollte, wenig Entspannung ausdrückte. Schnell wische ich diese Erinnerung weg und schaffe mir und meinen Kindern neue: beim Warten lernen wir. Beim Warten meditieren wir und tanken auf. Beim Warten merken wir, dass wir die Hetze des Alltags hinter uns lassen können und den Moment geniessen. Ja, ich kann heute warten. Na gut, nicht immer...
 
Aber ich empfehle auch Ihnen, das tägliche Warten, das einen grossen Teil Ihrer Zeit in Anspruch nimmt, gelassen hinzunehmen. Bestimmt erfahren auch Sie, dass die Warteschlaufe auch einiges zu bieten hat, selbst wenn es das eigentlich überflüssige Musikgedudel in der Support-Telefonlinie Ihrer Telefongesellschaft ist. Immerhin - wann sonst hätten Sie sich freiwillig "Cheri,Cheri, Lady" angehört? Eben...

Quelle/Text: Anna Schreiber


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