Essen, das gegen Krebs schützt
Dass unser Lebensstil bei der Prävention von Krebs eine grosse Rolle spielt, steht mittlerweile ausser Frage. Im Interview verrät Gesundheitswissenschaftlerin Kerstin Hultén, was jeder von uns selbst dafür tun kann, um gesund zu bleiben.
Kerstin Hultén ist Medizinerin mit Spezialgebiet öffentliche Gesundheit und Epidemiologie. Die Schwedin verfasst ihre Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen Ernährung und Brustkrebs und hält Vorlesungen zum Thema Ernährung und Gesundheit. (Bild: zvg)
Die Forscher haben die Ursachen für Krebs noch nicht restlos geklärt. Dafür wissen sie schon viel darüber, was das Risiko einer Krebserkrankung erhöht. Natürlich gibt es Faktoren in unserer Umwelt und in unseren Erbanlagen, welche wir nicht beeinflussen können, aber zum Glück hat die Forschung gezeigt, dass wir das Risiko ganz entschieden verringern können. Mit Hilfe ausgewogener, natürlicher Ernährung, Bewegung und durch unser Gewicht können wir ein Milieu in unserem Körper schaffen, das es den Krebszellen schwer macht, Fuss zu fassen.
Wie entwickelt sich überhaupt Krebs?
Krebs entwickelt sich über einen längeren Zeitraum. Im Nachhinein kann man fast nie sagen, was genau der Auslöser war. Doch allen Krebserkrankungen ist gemeinsam, dass bestimmte Zellen die Kontrolle über ihr Wachstum verlieren. Nährstoffe, die wir aufnehmen, sind wichtig für eine normale Zellfunktion. So sind z.B. bestimmte B-Vitamine erforderlich, damit die DNA - also unsere Gene, die unter anderem auch unsere Zellfunktionen steuern - überhaupt kopiert werden kann.
Verschiedene Pflanzenstoffe können eine beschädigte Zelle so beeinflussen, dass sie eher den natürlich vorgesehenen Zelltod stirbt, beispielsweise das Curcumin im Kurkuma, Resveratrol aus roten Trauben, Lykopen aus Tomaten oder Schwefelverbindungen im Kohl. Ebenso können die Pflanzenstoffe in grünem Tee und in Sojabohnen die Gefässbildung in einem Tumor verhindern, sodass er nicht genährt wird.
Die meisten Teile der Bevölkerung - zumindest hierzulande - haben Zugriff auf gesunde, naturbelassene Lebensmittel. Warum ist Krebs trotzdem auf dem Vormarsch?
Ja, heute ist es im Prinzip einfacher geworden, ein gesundes Leben zu führen. Wir haben genügend Lebensmittel zur Verfügung, die unseren Energiebedarf decken, die hygienischen Verhältnisse sind gut, das Trinkwasser ist sauber, und schwere Epidemien können sich kaum ausbreiten. Zugleich zeichnen sich jedoch die Konsequenzen eines ungesunden Lebensstils in Form von Krankheiten ab, die typisch für die Industrienationen sind. Dass wir gegen bestimmte Krankheiten schlecht geschützt sind, kann zum Teil daran liegen, dass wir viele bearbeitete Lebensmittel essen, die wichtige - bekannte wie unbekannte - Nährstoffe nicht - oder nicht mehr - enthalten. Ein Grossteil unserer Energiezufuhr stammt aus Süssigkeiten, Knabberzeug, Kuchen, aber auch gezuckerten Cornflakes, Müslis und Obstsäften, aus Saucen und Fertiggerichten, die oftmals minderwertige Fette, Zucker, Farbstoffe und andere Zusätze enthalten.
Darauf gilt es also besser zu verzichten?
Genau! Wer gesund bleiben will, tut gut daran. Doch glücklicherweise ist das Interesse für den Zusammenhang zwischen unserem Essen, unserem Lebensstil und unserer Gesundheit generell gestiegen. Immer mehr Menschen wollen wissen, was sie essen und informieren sich entsprechend. Heute gilt als erwiesen, dass Menschen, die sich hauptsächlich pflanzlich ernähren, generell gesünder leben, während diejenigen, die viele Fertiggerichte mit raffinierten Kohlenhydraten und Fetten sowie einem grossen Anteil tierischer Proteine zu sich nehmen, für eine Reihe von Krankheiten anfälliger sind, z.B. auch für Krebs. Zudem kommt, dass sobald sich Menschen weniger bewegen und an Gewicht zulegen, auch das Krebsrisiko steigt.
Welche Lebensmittel sollten wir essen, um Krebs möglichst vorzubeugen?
Wir sollten vor allem viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte essen, denn bestimmte Pflanzenstoffe - beispielsweise in Zitrusfrüchten, grünem Blattgemüse und verschiedenen Kohlsorten - können krebserregende Stoffe im Körper binden, sodass sie ausgeschieden werden. In einigen Studien konnte man zudem nachweisen, dass Brokkoli und Kohl erhöhten Schutz vor Lungenkrebs bieten. Beta-Carotin, das in gelbem, orangefarbenem und rotem Gemüse und in Obst vorkommt, schützt zusätzlich. Antioxidantien, die Sie durch den Verzehr möglichst vieler Obst und Gemüsesorten aufnehmen, wehren die sogenannten freien Radikale ab, die krebsauslösend wirken können.
Warum schützen Pflanzen vor Krebs?
Pflanzen, die ja mit ihren Angreifern weder kämpfen noch vor ihnen davonlaufen können, haben sich auf eine Art chemische Kriegsführung verlegt, mittels sogenannter Phytochemikalien. Mit ihrer Hilfe können sie sich gegen schädliche Insekten, Pilzbefall, Viren, UV-Strahlung und andere Gefahren zur Wehr setzen. Diese schützende Wirkung überträgt sich auch auf die Tiere und Menschen, die solche Pflanzen essen. Man hat lange geglaubt, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse verzehren, deswegen besser gegen Krebs geschützt sind, weil sie grosse Mengen der bekannten lebenswichtigen Nährstoffe zu sich nehmen - eine Reihe von Vitaminen, Mineralien, Aminosäuren und zwei Fettsäuren. Doch in den letzten Jahrzehnten hat man entdeckt, dass es Zehntausende verschiedener Phytochemikalien gibt, die längst noch nicht alle identifiziert sind und sich bedeutend besser dazu eignen, freie Radikale zu binden. Obwohl die meisten von ihnen überhaupt nicht als Antioxidantien wirken, können sie anscheinend dennoch gegen Krebs schützen, z.B. die schwefelähnlichen Stoffe in den verschiedenen Kohlsorten und im Knoblauch.
Vereinfacht kann man sagen: Je mehr ein Lebensmittel sich durch besonders starke Farbe, intensiven Geruch oder Geschmack auszeichnet, desto wirksamer sind seine Inhaltsstoffe. Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen einer Zwiebel und einer Kartoffel oder zwischen einer Banane und einer Handvoll Heidelbeeren. Nichts gegen Kartoffeln und Bananen, aber sie enthalten einfach nicht so viele krebshemmende Stoffe wie die farb- und geruchsintensiveren Lauchgewächse und Beeren. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass in einer gesunden Ernährung sämtliche Gemüse- und Obstsorten ihren Platz haben. Das Gute an den Phytochemikalien ist, dass sie in verschiedenen Stadien der Tumorentwicklung eingreifen und das Wachstum stoppen.
Deshalb ist sicher auch eine möglichst abwechslungsreiche, pflanzliche Ernährung wichtig?
Ja, denn die Natur hat es so klug eingerichtet, dass sich Phytochemikalien aus verschiedenen Pflanzen gegenseitig unterstützen - wenn man sie kombiniert, wird der Effekt wesentlich stärker, als wenn man sie isoliert aufnimmt. Die Synergie bedeutet also, dass die Summe aus zwei oder mehr Bestandteilen grösser ausfällt, als mathematisch anzunehmen wäre. Die Tatsache, dass mehrere aktive Stoffe den Effekt verstärken, unterstreicht, wie wichtig eine abwechslungsreiche Ernährung ist. Gleichzeitig wird klar, warum keine schützende Wirkung beobachtet werden kann, wenn Nahrungsergänzungsmittel mit einzelnen Antioxidantien verabreicht werden.
Wie wichtig ist es, Bioprodukte zu kaufen?
Viele Menschen machen sich Sorgen, wenn sie gespritztes Obst und Gemüse essen. Doch bis heute konnte nicht nachgewiesen werden, dass nicht ökologisch angebaute Produkte das Risiko für eine Krebserkrankung erhöhen.
Quelle/Text: Christina Bösiger
Verwandte Adressen
- Dr. Werner Stöcklin
- Dr. Michel Giordano2400 Le Locle
- Dr. Gottfried U. Künzi3550 Langnau i. E.
- Dr. Véronique Vlekova1203 Genève
- Klinik St. Anna1700 Fribourg
4125 Riehen
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