Fertig gebrüllt!
Zuerst versuchen sie es mit höflichem Bitten. Und das mehrfach. Aber wenn das alles nichts nützt, wissen sich manche Eltern nicht weiterzuhelfen und brüllen ihre Kinder an, um sich durchzusetzen. Das muss nicht sein.
Greifen die Eltern immer wieder zum Schreien, verlieren sie mit der Zeit die Achtung vor sich selbst und die Kinder den Respekt. (Bild: wavebreakmedia ltd)
Mit Brüllen zum Ziel?
«Nun ja», werden sich manche Eltern sagen, «eigentlich will ich meine Kinder gar nicht anbrüllen. Aber es ist der einzige Weg, mit dem meine Kinder zum Handeln zu motivieren sind.» Wer so überlegt, denkt nur kurzfristig, erklärt der deutsche Medienpädagoge und Regisseur Wilfried Brüning in seinem Film «Wege aus der Brüllfalle» (siehe Info-Box). Denn Kinder lernen, wer brüllt, bekommt Recht. Mit der Zeit kopieren sie das Verhalten ihrer Eltern. Wenn die Eltern brüllen, brüllen die Kinder auch. So werden aus normalen Unterhaltungen eigentliche Brüllorgien.
Greifen die Eltern immer wieder zu diesem Mittel, verlieren sie mit der Zeit die Achtung vor sich selbst. Und auch die Kinder verlieren den Respekt vor den Eltern, weil sie schnell einmal begreifen, dass was von den Eltern als Machtdemonstration gedacht ist, eigentlich nur ihre Ohnmacht blossstellt. Wer seine Kinder immer wieder anschreit, übt verbale Gewalt gegen sie aus, die zur körperlichen Gewalt führen kann. Vom Anbrüllen zum Schubsen oder Wegzerren ist es oft nur ein kleiner Schritt.
In ihrer eigenen Welt
Doch warum hören Kinder oft nicht zu? Oder besser gesagt: Weshalb hören sie nur selektiv zu? Manche Aussagen wie «Es gibt Glace! Wer möchte eine?» dringen sofort zu ihnen durch. Andere wie «Räum bitte dein Zimmer auf» bleiben oft lange unerhört. Kinder scheinen nur das herauszufiltern, was für sie wichtig und nützlich ist. In der Regel geschieht das nicht aus böser Absicht, wie es Wilfried Brüning in seinem Film sehr eindrücklich erklärt. Er geht davon aus, dass sich Kinder oft in einer Art «Hüllenwelt» befinden. Beim Spielen sind sie völlig in ihr Tun versunken und wie von einer Hülle umgeben, die sie vor Störungen und Eindringlingen schützen soll. Diese Hülle ist eine Art Brutkasten für die kindliche Kreativität. Zu diesem Hüllenland haben Erwachsene mit ihren häufigen Bitten und Befehlen, die von den Kindern als mühsame und unnötige Unterbrechungen erlebt werden, kaum Zugang.
Wenn sich Eltern in die Situation der Kinder versetzen, dann werden sie verstehen, so Brüning, dass das Verhalten der Kleinen nicht darauf abzielt, sie zu nerven oder zu provozieren. Die Logik der Kinder funktioniert einfach anders. Jüngere Kinder werden nicht vom Pflichtgefühl oder vom sogenannten gesunden Menschenverstand geleitet. Das Spielen macht momentan so viel Spass, dass sie sich nicht davon lösen mögen, auch wenn das Mittagessen ansteht. Sie machen sich keine Gedanken darüber, ob das Essen verkocht, anbrennt oder kalt auf den Tisch kommt.
In drei Schritten zum Erfolg
Bei allem Verständnis für ihre Kinder gibt es doch viele Situationen, in denen sich Eltern Gehör verschaffen wollen. Die Kleinen sollen schliesslich lernen, dass es Dinge gibt, die sie tun müssen, obwohl sie vielleicht im Moment keine Lust darauf haben. Wilfried Brüning hat dazu einen einfachen, aber sehr wirkungsvollen Ansatz entwickelt, den er «Kontakten» nennt. In einem ersten Schritt müssen Eltern eine räumliche Nähe zu ihrem Kind schaffen. Wir haben erfahren, dass es für Kinder oft nicht ausreicht, eine Aufforderung nur zu hören. Worte allein sind zu schwach, vor allem, wenn diese Worte aus einem anderen Raum oder sogar aus einer anderen Etage kommen. Aus einer solchen Distanz fällt es Kindern schwer, die Gefühle der Erwachsenen, die mit dieser Aufforderung einhergehen, nachzuvollziehen. Deshalb sollten Eltern nicht unsichtbar bleiben und keine Befehle in den leeren Raum rufen. Konkret bedeutet das, dass Eltern ihre Tätigkeit für einen Moment unterbrechen und sich zum Kind begeben. Schon alleine mit dieser Handlung signalisieren die Erwachsenen, wie wichtig ihnen ihr Anliegen ist.
In einem zweiten Schritt muss Augenkontakt mit dem Kind hergestellt werden. Dabei ist kein drohender, starrer Blick gefragt, bei dem die Kinder sich gleich versteifen, Angst bekommen oder in Abwehrhaltung gehen, sondern ein offener, freundlicher Blick. Auch die Körpersprache ist wichtig. Man soll sich direkt dem Kind zuwenden. Günstig ist es auch, vor allem bei einem jüngeren Kind, es zu berühren, um seine volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Der dritte und letzte Punkt betrifft die Aussage selbst. Vermeiden Sie Tiraden und drücken Sie sich stattdesssen kurz und prägnant aus: «Komm bitte runter, das Essen steht bereit/Räum bitte die Schuhe im Gang auf/Zieh dich bitte jetzt an.» Anschliessend bleiben die Eltern in der Nähe des Kindes, bis es sich in Bewegung setzt, um der Aufforderung zu folgen.
Die Anregungen von Wilfried Brüning funktionieren, weil sie nicht nur über das Hören wirken, sondern dazu noch über das Sehen und Fühlen. Aber sie sind auch aufwendig, denn sie fordern von den Eltern, dass sie selbst die Nähe zum Kind suchen. Doch letzten Endes lohnt sich dieser Aufwand.
Quelle/Text: Nadia Fernandez
Weitere Informationen
www.wege-aus-der-bruellfalle.de
Webseite von Wilfried Brüning, auf der man seine DVD bestellen kann.
www.elternbildung.ch
Unter dem Stichwort «Informationen» findet man das aktuelle Angebot an Elternkursen und Referenten.
www.elternnotruf.ch
Tel. 044 261 88 66.
Die Telefonnummer des Elternnotrufs Zürich ist 24 Stunden am Tag besetzt. Der Verein bietet Eltern Hilfe an, die befürchten, gegen ihre Kinder gewalttätig werden zu können oder die bereits Gewalt angewendet haben.
