Ist unser Kind nicht normal?

Beinahe jedes zweite Schulkind kommt heute in der Schweiz in den Genuss einer sonderpädagogischen Massnahme. Was ist von dieser Entwicklung zu halten? Welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Ziel einer Lerntherapie ist die Hilfe zur Selbsthilfe. (Bild: wavebreakmedia ltd)
Bis zu ihrem zehnten Altersjahr lebte Manuela mit ihren Eltern im afrikanischen Staat Djibouti. Bis dahin wurde sie von ihrer Mutter Maja und einer Privatlehrerin unterrichtet. 2007 kam die Familie in die Schweiz zurück. Für Manuela bedeutete dies eine grosse Umstellung, musste sie doch von nun an den regulären Schulunterricht besuchen. «Die Umstellung war für unsere Tochter happiger als erwartet», erinnert sich ihre Mutter. «Besonders in Mathematik hatte sie bereits gegen Ende unserer Afrikazeit eine regelrechte Blockade. Trotz unserer Unterstützung kam sie dort nicht weiter.» Die Familie Nufer stiess im neuen Wohnort Hauptwil auf die im gleichen Ort tätige Lerntherapeutin Silvia Züst-Peter und schickte Manuela zu ihr in die Therapie. «Im Verlauf dieser Therapie ergab sich, dass der Umzug in die Schweiz sowie die Entwurzelung von ihrer bisherigen Heimat die Hauptursache für Manuelas Mathematikprobleme war», berichtet Maja Nufer. Im Rahmen der Therapie forderte die Lerntherapeutin Manuela auf, ihre ganze Last und Gefühle in einen Rucksack zu packen und nach Afrika zurückzuschicken. «Von da an ging es aufwärts mit Manuelas Leistungen in der Mathematik. Mittlerweile besucht sie in der Sekundarschule sogar das erweiterte E-Niveau. Wir sind Frau Züst für ihre Unterstützung sehr dankbar. Alleine hätten wir das nicht geschafft», erzählt Maja Nufer.

Lerntherapie: Hilfe zur Selbsthilfe

Bei Schul und Lernschwierigkeiten pflegen die Lerntherapeutinnen und therapeuten, die mit den Kindern ressourcenorientiert arbeiten, einen ganzheitlichen Ansatz. Das heisst: Die Stärken der Kinder sollen gefördert werden. Aber auch die verschiedenen Lerntypen und Lerngewohnheiten je nach Person spielen dabei eine Rolle, wie Silvia Züst-Peter, Lerntherapeutin und Vorstandsmitglied im Schweizerischen Berufsverband der diplomierten Lerntherapeuten SVLT, erklärt. «Ziel einer Lerntherapie ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Über Gespräche, strategische Spiele und Analysen versuchen wir, den Ursachen eines schulischen Problems auf den Grund zu gehen und nach Lösungen zu suchen.» Ursachen für Lern und Schulprobleme können familiäre Hintergründe, persönliche Themen, Mobbing in der Schule, Konzentrationsschwierigkeiten, Angst vor dem Übertritt in die nächste Schulstufe oder Differenzen mit der Lehrperson sein. In der Lerntherapie müssen die Kinder auch gewisse Aufgaben und Aufträge lösen, um selber aktiv an ihren Problemen zu arbeiten. Im Gegensatz zu Angeboten wie Logopädie oder LegasthenieTherapien gehören Lernberatungen oftmals nicht zum sonderpädagogischen Angebot der Schulen und Kantone. Deshalb bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als die Kosten dafür selber zu übernehmen. Die Nachfrage nach lerntherapeutischen Angeboten vonseiten der Eltern sei allerdings vorhanden, betont Silvia Züst-Peter.

Die Entwicklung der Sonderpädagogik

Entweder der Kanton oder die Gemeinden stellen heute sonderpädagogische Angebote wie Klein oder Einführungsklassen, Logopädie, Schulpsychologie usw. zur Verfügung. Je nach Kanton ist die Ausgestaltung dieser Angebote unterschiedlich. Kein Kanton darf jedoch die Bundesgesetzgebung, insbesondere das Behindertengleichstellungsgesetz, unterschreiten. 12 Kantone (VS, OW, SH, GE, LU, VD, FR, TI, AR, BS, BL, UR) haben sich dem SonderpädagogikKonkordat angeschlossen. Sie verpflichten sich zur Einhaltung bestimmter Vorgaben und zum Gebrauch gemeinsamer Instrumente. Alle Kantone sind aufgerufen, ein Sonderschulkonzept, das die rechtliche Grundlage der Sonderschulung bildet, auszuarbeiten. Seit dem 1. Januar 2008 sind die Kantone für den gesamten fachlichen, rechtlichen und finanziellen Bereich der besonderen Schulung von Kindern und Jugendlichen sowie die sonderpädagogischen Massnahmen verantwortlich. Die Invalidenversicherung IV, die seit 1960 für den Aufbau von Sonderschulen eine wichtige Rolle spielte, hat sich aus der Mitfinanzierung zurückgezogen. Wie Beatrice Kronenberg, Direktorin der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil und Sonderpädagogik SZH, informiert, nahm der integrative Gedanke der Sonderpädagogik in den 70er-Jahren seinen Lauf. «Ziel dieser Massnahmen ist es, die Kinder mit besonderen Bedürfnissen in die Regelklassen zu integrieren. Seit einigen Jahren machen der Regel und der Sonderpädagogik vor allem Kinder zu schaffen, die verhaltensauffällig sind und schulische Probleme haben. Die sozialen und erzieherischen Aspekte stehen also heute mehr im Vordergrund als früher. Es gibt tausend Gründe, warum ein Kind zum Beispiel Mühe mit dem Rechnen hat oder ein auffälliges soziales Verhalten aufweist. Mit Hilfe speziell ausgebildeter Fachleute können die Ursachen dieser Symptome analysiert werden», informiert Beatrice Kronenberg. «Kinder, die noch nicht in der Schule oder im Kindergarten sind, werden bei Bedarf von der heilpädagogischen Früherziehung betreut. Hier geht es vor allem um die Entwicklungsförderung in den frühen Kindheitsphasen.»

Jedes zweite Kind

Die Auswahl an sonderpädagogischen Therapien für Schulkinder ist in den letzten Jahren laufend gewachsen. Hier spiele klar das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage eine entscheidende Rolle, berichtet Beatrice Kronenberg. Eine Untersuchung, die das Kompetenzzentrum für Bildungsevaluation und Leistungsmessung der Universität Zürich 2004 veröffentlicht hat, zeigt, dass 42,6 Prozent der Drittklässler,  die an der Untersuchung teilnahmen, die Schule regulär durchliefen. Die übrigen Schülerinnen und Schüler nahmen in dieser Zeit mindestens eine Spezialbehandlung wie zum Beispiel Sonderklassen, Therapien sowie Stütz und Fördermassnahmen in Anspruch. «Die Volksschule entwickelte sich in den letzten Jahren zu einer therapeutischen Institution, in der nebst dem Lehrer der Therapeut die wichtigste Ansprechperson ist. Abklärungen durch den schulpsychologischen Dienst, Heilpädagogik, Logopädie, LegasthenieTherapie, Psychomotorik und Förderung für Hochbegabte gehören ebenso zum Schulalltag wie Lesen und Schreiben», kritisiert Michael Handel von der Privatinitiative «Kinder ohne Rechte». Er fordert, sonderpädagogische Massnahmen nicht in Regelklassen, sondern im Rahmen von Sonder und Kleinklassen umzusetzen. «Um Kinder nicht unnötig zu stigmatisieren, sollten sonderpädagogische Massnahmen zurückhaltend angewandt werden. Für das kindliche Selbstwertgefühl ist es wichtig, schulische Anforderungen wo immer möglich aus eigener Initiative zu bewältigen», erklärt Michael Handel. Für ein gesundes Augenmass an Massnahmen spricht sich auch Beatrice Kronenberg aus. Spezialbehandlungen sollten nur dann zum Zug kommen, wenn sie auch wirklich angezeigt sind. «Heutzutage wird eine heterogene Schule gefordert. Deshalb muss man auch mit der Unterschiedlichkeit der Kinder umgehen, sprich, diese Heterogenität aushalten können. Den Schulleitungen obliegt die schwierige Aufgabe, ein gesundes Augenmass zu finden zwischen zu vielen und zu wenigen Spezialisten.»

Die Rolle der Eltern
Welche Rolle spielen die Eltern bei der Nutzung von sonderpädagogischen Massnahmen? Bei Kleinkindern ist Beatrice Kronenberg überzeugt, dass die Eltern selber am besten abschätzen können, was ihr Kind braucht. Hier steht ihnen die Kinderärztin oder der Kinderarzt in engem Austausch mit der heilpädagogischen Früherziehung zur Seite. In der Schule brauche es die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen und Fachleuten aus der schulischen Sonderpädagogik. «Eltern sollen ihre Kinder fördern, nicht überfördern. Leider unterstützen viele Eltern aus Sorge um ihr Kind den heutigen Förderwahn und versuchen mit Zwang, aus einem schlechten Schüler einen guten zu machen. Förderzwang und Therapien machen aus einem leistungsschwachen Schüler aber kein Genie», gibt Michael Handel zu bedenken.

Der Druck auf die Eltern steigt

Schule&Elternhaus (S&E) unterstützt laut Präsident Heinz Bäbler die Idee, dass die Kantone sonder und heilpädagogische Massnahmen anbieten müssen. Damit könnten viele Kinder mit besonderen Bedürfnissen in die Regelklassen integriert werden. «Trotzdem haben Eltern auch Vorbehalte gegenüber der Umsetzung der Massnahmen. So fragen sich viele Eltern, ob es wirklich notwendig ist, dass teilweise fast jedes zweite Kind abgeklärt wird. Der Eindruck entsteht, dass ein etwas lebendigeres Kind heutzutage viel schneller zur ADS Abklärung geschickt wird und einem OrthographieSchwächeren früh der Verdacht auf Legasthenie auferlegt wird.» Gleichzeitig steige der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck auf die Eltern. Heinz Bäbler: «Unsere Kinder sollen möglichst oben mitschwimmen. Ist dies nicht der Fall, müssen sonderpädagogische Massnahmen helfen. Wir wollen uns ja nicht vorwerfen lassen, unseren Kindern die maximale Förderung zu verwehren. Tatsache ist aber, dass Gras nicht schneller und mehr wächst, wenn man daran zieht. Man kann es etwas düngen, aber zu viel Dünger verdirbt die jungen Gräslein.» Entscheidend bei der Umsetzung der sonder und heilpädagogischen Konzepte sei, dass den einzelnen Schulklassen genügend ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stehen und ebenso die räumlichen Verhältnisse stimmen.

Quelle/Text: Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz