Über Ausweichstrategien angepasster Jungkrähen

Mein Vater war Lehrer. Ich ging nicht zu ihm in die Schule. Aber es hatte zur Folge, dass ich von meinem Lehrer weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Keine Krähe hackt einer andern ein Auge aus, auch nicht einer Jungkrähe. Das war für mich ganz angenehm. In dieser Hinsicht hatten es meine Schulkameradinnen und kameraden nicht so gut wie ich.
Jürg Jegge (geb. 1943) ist ein Schweizer Pädagoge und Schriftsteller. Heute leitet er die Stiftung Märtplatz in Rorbas, eine berufliche Eingliederungsstätte für junge Menschen mit Startschwierigkeiten, (Bild: zvg)
Aber einen Nachteil hatte er doch, der Umstand, dass mein Vater denselben Beruf ausübte wie mein Lehrer. Die beiden sahen sich recht häufig. Und da sie nicht so richtig wussten, was sie miteinander reden sollten, bot es sich an, dass sie über mich redeten. Da hatten es meine Mitschülerinnen und Mitschüler besser. Die konnten davon ausgehen, dass nicht jeder Blödsinn, den sie in der Schule anstellten, zu Hause bekannt würde. Bei mir war das der Fall. Kam ich nach Hause, wusste man bereits, was ich in der Schule angestellt hatte.

Die so oft geforderte gute Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus klappte in meinem Fall hervorragend. Das liess mir wenig Spielraum, und oft wünschte ich mir, mein Vater wäre statt Lehrer Kaminfeger oder irgend etwas in der Art. Kein Wunder, dass ich ein eher braver Schüler wurde. Alles andere war auf die Dauer zu anstrengend.

Ich entwickelte jedoch Ausweichstrategien. Hatte ich etwa meine Hausaufgaben nicht gemacht, überkam mich ein kleines Fieber. Das stellte ich her, indem ich mit dem Saum meines Nachthemdes so lange am Fiebermesser rieb, bis dieser über siebenunddreissig Grad zeigte und ich in Schweiss geriet. Ich lernte auch, den Lehrer im mündlichen Unterricht unverwandt anzuschauen, sodass der glaubte, ich höre aufmerksam zu. Er stellte keine Kontrollfragen, wie es meinen unaufmerksameren Klassengenossen immer wieder passierte, und ich konnte meine Gedanken ungestört spazieren schicken. Mit der Zeit fiel mir auf, dass einige Mädchen in unserer Klasse diese Kunst auch beherrschten. Im Gegensatz zum selbst gebastelten Fieber war das eine Technik, die mir später noch manches Mal nützlich war. Manch holprigen Vortrag mit Powerpoint und viele langweilige Sitzungen habe ich auf diese Weise unbeschadet überstanden. So hatte die allgemein empfohlene enge Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus schliesslich doch ihr Gutes. Einmal allerdings hätte ich mich damit beinahe blamiert. Das war an einem sozialwissenschaftlichen Kongress, der auf Deutsch und Französisch abgehalten wurde. Die Hauptreferate übersetzte man uns direkt in unsere Kopfhörer, aber für die Simultanübersetzung der Vorträge in den dazugehörigen Workshops war nicht genügend Geld vorhanden. Man beschränkte uns da auf unsere Sprachkenntnisse; das war gewissermassen das «Work» am «Shop». Ich lauschte den geschliffenen und eleganten Sätzen eines Professors aus Frankreich, aber bald wurden dessen Formulierungen derart elegant, dass ich mit meinem Hausfranzösisch hoffnungslos auf der Strecke blieb. In dieser Situation blieb mir entweder, die Fliegen an der Zimmerdecke zu betrachten oder meine Aufmerksamkeitstechnik anzuwenden. Ich entschied mich für Letzteres und begann, den Vortragenden unverwandt ins Auge zu fassen.

Aber damit fiel ich ihm offenbar wohltuend auf. Er begann, hauptsächlich zu mir zu sprechen. Immer wenn er eine anscheinend besonders elegante oder wichtige Formulierung vortrug, schaute er mich Zustimmung heischend an, und ich beeilte mich, beifällig zu nicken. Dabei schwitzte ich mindestens so wie seinerzeit bei meiner Fieberherstellung. Was, wenn der mich plötzlich etwas fragte? Und die Erleichterung, die mich überfiel, als er endlich fertig war, glich ganz der, mit welcher ich damals samt meinen nicht gemachten Hausaufgaben schliesslich im Bett blieb.Nicht alles, was heftig empfohlen wird, ist auch in jedem Fall hilfreich.

Quelle/Text: Jürg Jegge


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