Warum sollen Beruf und Familie für Frauen unvereinbar sein?
Rund um die Familie findet in der Schweiz ein heftiger Kulturkampf statt. Traditionelle Vorstellungen halten sich erstaunlich hartnäckig. Die Berner Politologin und Publizistin Regula Stämpfli nimmt Stellung zu den brennenden Fragen.
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In diesem Interview bin ich als Politologin gefragt und nicht als Privatperson. Hier nur soviel: Ich lebe in Brüssel und damit in einem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Umfeld, das Frauen mit und ohne Kinder als selbstverständlich behandelt und eine ent-sprechende Infrastruktur bereitstellt. Beruf und Familie sind in Frankreich und Belgien lange nicht so getrennt wie in der Schweiz. In Frankreich zum Beispiel gab es in Ségolène Royal eine Präsidentschaftskandidatin, die vier Kinder hat! Und so hart sie von der Presse auch oft angegriffen wurde, der Vorwurf Rabenmutter wäre niemanden in den Sinn gekommen.
Warum gibt es in der Schweiz keine vergleichbare Infrastruktur, die es Frauen ermöglicht, Beruf und Familie zu vereinbaren?
In der Schweiz gilt es als völlig unüblich, Karrierefrau und Mutter von vielen Kindern zu sein. Die jüngere Schweizer Geschichte zeigt gerade am Beispiel der Sozialversiche-rungen, dass die Gesellschaft nach dem Modell «Mann gleich Ernährer, Frau gleich Hausfrau und Mutter» ausgerichtet war. So bekamen die Ehefrauen jahrelang dieselbe AHV wie ihr Ehemann, obwohl sie seit Jahrzehnten nie mehr lohnarbeitstätig waren. Dafür mussten unverheiratete und berufstätige Frauen für ihre Pensions-kassenleistungen jahrzehntelang kämpfen. Politische und ökonomische Anreize kreieren Familienmodelle. Diese banale international anerkannte Sicht wird in der Schweiz durch hässliche Vorurteile von der Rabenmutter blockiert. Der Begriff «Rabenmutter» lässt sich übrigens nicht ins Französische oder Eng-lische übersetzen. Er ist ein Beispiel für die Haltung vieler Schweizer punkto Familie. Trotz der Tatsache, dass es unter-schiedliche Lebensformen gibt, herrschen noch immer sehr traditionelle Familienbilder, die einem Familienmodell aus den 1950er Jahren huldigen.
Was ist das für ein Familienmodell?
Kinderkriegen gilt hierzulande als Privatsache und ist vor allem in der Deutschschweiz höchst ideologisiert. In der Schweiz wehren sich selbst feministisch-homöopathisch-ökologische Mütter manchmal vehement gegen Kinderkrippen und Tagesschulen. Als ob es nichts Verwerflicheres für eine Kindheit gäbe, als Kinderkrippen oder sogenannte Schlüsselkinder (auch ein deutsches Wort, das sich in andere Sprachen nicht über-setzen lässt)! Es wirkt sich bis heute aus, dass in der Schweiz und auch Deutschland während den beiden Weltkriegen die Frauen politisch, juristisch und ökonomisch an der Erwerbsarbeit gehindert wurden. Unbewusst wiederholen also ganz viele Frauen und Männer hierzulande Ideen, die in der Geschichte an ganz dunklen politischen Orten sind.
Wäre es nicht Aufgabe der Politik, dieses ideologisch eingefärbte Familienbild aufzuklären?
Die Politik kann Anreize schaffen. Wenn es um Bilder geht, dann sind die gesellschaftlichen Akteure wie Vereine, Verbände, Frauenorganisationen und die Medien gefordert. Denn die setzen mit einer breiteren Diskussion die Themen.
Ist das traditionelle Familienbild der Grund, warum es in der Schweiz keine Lobby für Familien gibt, oder wie erklären Sie diesen «Notstand»?
Sicher spielt das historische Familienbild eine Rolle. Wichtig ist auch, dass sich konkrete Einzelinteressen (beispielsweise Rauchverbot) in der Regel politisch besser durchsetzen lassen als allgemeine Interessen (wie beispielsweise Gesundheit). Hinter dem Begriff «Familie» verbirgt sich ein ganzes Bündel an politischen Vorstellungen, die oft auch konträr sind. Lobbies funktionieren aber nur, wenn sie auch klare Ziele haben.
Wurden in der vergangenen Legislatur Erleichterungen für Familien geschaffen?
Punkto Krippenplätze, Teilzeitarbeit und Gleichstellung sind deutliche Erleichterungen geschaffen worden. Trotzdem: Die Diskussion kommt viel zu spät und es dauert wohl noch Jahre bis sich eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit berufstätigen Frauen, die a) viele Kinder haben, b) nur ein Kind haben und c) keine Kinder haben, so einpendelt, wie dies im Ausland der Fall ist. Über Beruf und Kinder unterhalte ich mich übrigens vor allem in Deutschland und in der Schweiz, in Frankreich und Belgien habe ich ganz andere Themen.
Welche politischen Massnahmen braucht es, um den Schweizer Arbeitsmarkt in Zukunft familienfreundlicher zu gestalten?
Aus europäischer Erfahrung gesprochen, gibt es nur eines: In den Städten und Agglomerationen müssen flächendeckend Kinderkrippen und Tagesschulen eingerichtet werden, die an fünf Tagen die Woche von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends Betreuung leisten. Ich nehme an, nun sind Sie schockiert. Aus schweizerischer Erfahrung plädiere ich deshalb für viele Modelle, die der Region, der Mentalität und der Kultur angepasst sind. Dies können Tagesmütter, Teilzeit-Spielgruppen und tageweise Kinderkrippen sein. Was es aber überal braucht, sind ökonomische Erleichterungen für Familien. Es geht doch nicht an, dass diejenigen, die soviel für die Gesellschaft leisten, dafür auch noch bestraft werden!
Halten Sie es für sinnvoll, Familien zu stärken?
Selbstverständlich ist allen Menschen zu wünschen, dass sie in Patchwork-Gemeinschaften und/oder biologischen Familien leben. Denn Menschen sind sehr soziale Wesen und es ist ein Skandal, dass es Wirtschaftssysteme gibt, die Menschen zwingen, entweder berufstätig zu sein oder Kinder zu haben. Die Politik kann Anreize schaffen: Entsprechende Besteuerung und Finanzbeihilfen für Familien bestimmen die Familienstruktur mit. Juristisch ist die Gleichstellung von Mann und Frau, auch Väter und Mütter, so zu gestalten, dass eine gemeinsame Betreuung realistisch wird. Kulturell geht es darum, dass Kinder nicht einfach als Privatsache und Eigentum der Eltern angesehen werden, sondern ihnen als wichtigen Menschen im Leben auch Freiheit und Bewegungsraum zugestanden werden.
Sind Sie optimistisch, dass es dank der politischen Reformen in Zukunft wieder mehr Familiengründungen geben wird?
Die Anreize sind keine Universallösungen und bis sie greifen, braucht es Zeit. Das wichtigste scheint mir das Bild in den Köpfen: Wenn Frauen von ihrem Umfeld nicht mehr länger als schlechte Mütter gebrandmarkt werden, weil sie auch berufstätig sind, dann wird auch ihre Bereitschaft Kinder zu kriegen, wieder steigen.
Zur Person:
Die Berner Politologin Regula Stämpfli lebt in Brüssel und arbeitet in Deutschland, Frankreich und der Schweiz als Politikberaterin und Dozentin für Politik und politische Philosophie an mehreren internationalen Institutionen und Fachhochschulen sowie an der Schweizerischen Journalistenschule in Luzern (MAZ). Sie ist aus vielen Studien, Artikeln und Kolumnen als scharfzüngige Analytikerin bekannt und Autorin mehrerer Sachbücher,
siehe regulastaempfli.ch. Die Wissenschaftlerin ist zudem Mutter von drei Söhnen im Schulalter.
Quelle/Text: Manuela Ziegler
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6402 Merlischachen
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