Ein neues Modell für Elternzeit

Die beiden engagierten Männer Ivo Knill und Markus Theunert haben Ende Mai ein neues Modell für Elternzeit vorgestellt. Ihre Idee: Nicht nur Mütter, sondern auch Väter sollen sich nach der Geburt ihres Kindes Zeit für die Familie nehmen können.
Einen obligatorischen, bezahlen Vaterschaftsurlaub gibt es in der Schweiz bis heute nicht. Offerieren Arbeitgeber ihren Angestellten heute einen bezahlten Vaterschaftsurlaub, so geschieht dies ausschliesslich auf freiwilliger Basis und auf Kosten des Unternehmens. «Das wollen wir ändern», sagten sich Ivo Knill und Markus Theunert, beide aktiv tätig im Dachverband der Schweizer Männer und Väterorganisationen Männer.ch. «Denn es ist höchste Zeit, dass auch Väter sich Zeit für ihre Kinder nehmen können.»

Am 30. Mai war es so weit: Ivo Knill und Markus Theunert präsentierten ihr neues Modell für Elternzeit einer breiten Öffentlichkeit. Das wäre noch keine Sensation. Die Sensation ist, dass sie mit ihrem Anliegen keineswegs alleine waren. An ihrer Seite hatten sie die Nationalräte Alec von Graffenried (Grüne), Andrea Geissbühler (SVP), Christian Wasserfallen (FDP) und Norbert Hochreutener (CVP) sowie die Ständerätin Anita Fetz (SP). Noch in der Frühlingssession reichten die Nationalräte eine Motion und die Ständerätin Anita Fetz einen Vorstoss ein. Wird er vom Rat angenommen, erhält der Bundesrat den Auftrag, den Rahmen für ein ElternzeitSparmodell abzuklären und einzurichten.

Die Idee: Junge Männer und Frauen können einen frei wählbaren Teil ihres Lohnes steuerfrei auf ein Konto einbezahlen. Wenn sie Eltern werden, können sie über dieses Konto den Lohnausfall während ihrer Elternzeit kompensieren. Für den Staat fallen lediglich die Kosten für die Steuerbefreiung an. Von den Arbeitgebern wird vor allem zusätzliche Fexibilität erwartet. Der Gewinn für Eltern ist dem gegenüber gross: Sie können für ihre Familienzeit selber vorsorgen und es wird normal, dass auch Väter ihr Arbeitspensum reduzieren, wenn Kinder kommen.

Das Sparmodell für Elternzeit verstehen Ivo Knill und Markus Theunert als Ergänzung zu einem noch zu schaffenden Elternurlaub für Väter und zu weiteren Massnahmen, die faire Bedingungen für junge Familien schaffen.

Wenn Väter Teilzeit arbeiten wollen

Die Anfang Jahr veröffentlichte Studie im Auftrag der St. Galler Regierung bestätigt: 90 Prozent der befragten Männer wünschen sich eine Reduktion der Arbeitszeit, um mehr Zeit für die Familie zu haben. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Gemäss Angaben des Bundesamtes für Statistik (die aktuellsten Zahlen stammen von 2009), arbeiten von den erwerbstätigen Männern mit Kindern unter 15 Jahren nur gerade 7,8 Prozent Teilzeit. Wie lässt sich diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit erklären? Die Soziologin Margret Bürgisser nennt in ihrem Mitte Mai veröffentlichten Buch verschiedene Hindernisse, unter anderem auf betrieblicher Ebene wie auch aufseiten der Männer: Männer möchten zwar aktive Väter sein. Trotzdem reduzieren nur wenige ihr Arbeitspensum  als Gründe dafür werden beispielsweise Lohneinbussen oder fehlende Teilzeitstellen genannt. Zudem hält sich in den Köpfen vieler Arbeitgeber immer noch hartnäckig die Einstellung, dass nur Mitarbeiter mit vollem Pensum engagierte Arbeitnehmer seien. Ein stärkeres Umdenken und Umstellen aufseiten der Männer wie der Arbeitgeber sind also wichtig, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für mehr Väter zur Realität werden kann. Väter, die ihre Teilzeitwünsche bereits umgesetzt haben, müssen nicht mehr von den positiven Wirkungen überzeugt werden. Zu ihnen gehören beispielsweise auch die «Väter des Jahres 2011» (siehe auch Artikel «Vom Mann zum Vater» in aktuellen Kidy-Swissfamily Heft).

Väter, die ebenfalls Teilzeit arbeiten möchten und nicht genau wissen, wie sie vorgehen sollen, tauschen sich am besten mit anderen teilzeitarbeitenden Vätern aus oder holen sich Rat bei Väterorganisationen und Fachleuten, die sich auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spezialisiert haben.

Adressen:

Die Fachstelle UND bietet Beratung für Familien und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen und zahlreiche weiterführende Publikationen zum Thema zum Downloaden: www.undonline.ch.

Das Väternetzwerk Avanti Papi versteht sich unter anderem als Austauschmöglichkeit für Männer, die eine aktive Vaterrolle übernehmen (wollen): www.avantipapi.ch.

Quelle/Text: Christina Bösiger


«Es ist höchste Zeit für ein neues Elternzeit-Modell»



«Wir Väter machen Politik» Ivo Knill: Vater von zwei Kindern, Redaktionsleiter der Männerzeitung und Geschäftsleitungsmitglied von Männer.ch

Kidy swissfamily: Wie funktioniert das Elternzeit-Modell?
Ivo Knill: Wir stellen eine neue Elterzeitversicherung zur Debatte, die analog zur zweiten bzw. dritten Säule der Altersvorsorge aufgebaut wäre: Eltern sollen steuerbegünstigt ein Guthaben für Elternzeit ansparen. Auf dieses könnten sie kurz vor oder nach der Geburt eines Kindes flexibel zugreifen, um eine Arbeitszeitreduktion zu finanzieren.

Weshalb braucht es dafür eine Versicherung?
Werdende Eltern könnten das doch heute schon auf freiwilliger Basis tun?
Wir finden es wichtig, dass es auch für Väter  genauso wie auch für Mütter  einen obligatorischen, bezahlten Väterurlaub gibt. Unser Vorschlag ergänzt einen solchen Elternurlaub unmittelbar nach der Geburt um die Möglichkeit, das Arbeitspensum über längere Zeit zu reduzieren, wenn das Kind klein ist. Mit einer solchen Elternzeitversicherung erhält das Bedürfnis vieler Väter, nach der Geburt Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, eine offizielle Anerkennung und die damit verbundene Wertschätzung. In den Verhandlungen mit Arbeitgebern wird Männern und ihren Familien damit der Rücken gestärkt.

Wie könnte dieses Modell konkret funktionieren?
Denkbar wäre beispielsweise, dass ein Vater sein Elternzeitguthaben dazu verwenden würde, sein Arbeitspensum zu reduzieren  oder er könnte seine Auszeit erst drei oder vier Monate nach der Geburt des Kindes nehmen, um der Mutter den Einstieg ins Berufsleben zu vereinfachen. Wahrscheinlich würde die Sparmöglichkeit für die Familienauszeit gar nicht von allen Familien genutzt  doch gerade für diejenigen Leute, die mit dem Sparen Mühe haben, könnte unser Modell ein geeignetes Mittel sein, um sich auf die Elternschaft vorzubereiten.

Ist diese Art der Familienvorsorge nicht nur einfach ein Hintertürchen, um eine staatliche Elternversicherung einzuführen, welche wiederum die Unternehmen zusätzlich belastet?
Unser Vorschlag schafft eben gerade keine Zwangssolidarität zwischen Eltern und Kinderlosen und auch keine Mehrausgaben für Unternehmen. Sie soll einzig die Nutzniessenden belasten und nicht die Allgemeinheit. Wir wollen damit die Eigenverantwortung der Eltern fördern. Wünschenswert bleibt aber neben diesem individuellen Modell auch ein Vaterschaftsurlaub, der wie der Mutterschaftsurlaub vom Staat bezahlt wird. Individuell ersparte Elternzeit und Elternurlaub würden sich dann so ergänzen wie AHV und Pensionskasse.