Toleranz ist lernbar
Toleranz ist ein dehnbarer Begriff. Wem wir sie entgegenbringen und wem nicht, hängt oft von Lust und Laune ab. Dennoch funktioniert das Zusammenleben nur, wenn wir andere leben lassen, wie sie leben wollen. Wie man Toleranz lernt - und wo Schluss ist damit.
Man muss seine Ansichten nicht teilen, die des deutschen Buchautors und Berufs-Provokateurs Henryk M. Broder. Aber wo er recht hat, hat er recht: Toleranz ist ein Allerweltswort geworden. Und seien wir ehrlich: Was wir tolerieren und was nicht, ist oft Ermessenssache jedes Einzelnen. Und kann sich ändern von Fall zu Fall.Ein Beispiel: Eine kinderlose Bekannte wetterte stets über diese «lärmenden Gofen» auf dem Spielplatz vor dem Mietshaus. Eine Plage seien sie, eine Zumutung. Da komme man von der stressigen Arbeit heim, wolle seine Ruhe haben und dann dieses Geschrei bis zum Dunkelwerden. Beschweren werde sie sich bei der Hausverwaltung! Dann aber zog mit seinen Eltern der kleine Peter in die Nachbarswohnung ein - Liebe auf den ersten Blick. «Was für ein süsses Kind», schwärmt die Bekannte. Neulich habe sie ihm geholfen, sein kleines Velo in den Lift zu verfrachten und sei mit ihm nach unten gefahren. «Ich dachte, ich halte ihm noch die schwere Haustüre auf.» Seit sie weiss, dass auch Peter auf dem Spielplatz seine Runden dreht, stört sie sich kaum noch an den Kindern. Irgendwo müssten sie sich ja austoben, sagt sie jetzt, da sei von den Grossen halt auch mal Toleranz gefragt.
Ob wir anderen Menschen gegenüber tolerant sind, folgt meist keinen objektiven Kriterien und ist abhängig von vielen Faktoren: aktuellen Trends, der Mehrheitsmeinung, der Political Correctness. Manchmal ist es ausschlaggebend, wie gut wir jemanden kennen.
Ob wir uns in den anderen hineinversetzen und nachvollziehen können, warum er mit der konventionellen Lebensart gebrochen hat und lieber das macht, was er machen will: Aus der christlichen Kirche austreten, Buddhist werden. Den lukrativen Managerjob kündigen, sich ausprobieren als Therapeut. Endlich mit dem Versteckspiel aufhören und sagen: Ja, ich bin lesbisch und liebe meine Partnerin. Manchmal spielt es eine Rolle, ob uns der andere Mensch sympathisch ist. Ist dies der Fall, verhalten wir uns grosszügiger ihm gegenüber. Wir sagen: Was solls, dass der Kollege regelmässig seine Grillabende veranstaltet und Berge von Fleisch verdrückt. Sonst ist er ja in Ordnung und lässt es schliesslich auch gelten, dass sich andere vegetarisch ernähren.
Und manchmal korrigieren wir unsere Haltung, wenn wir uns die Mühe machen, genauer hinzuschauen. Wie der Vater, der sich bis vor Kurzem noch aufregte über diese ganzen «KopftuchWeiber». Verbieten müsste man es diesen Radikalen! Bis ihm seine 15jährige Tochter erklärte: «Du hast wirklich keine Ahnung. Zwei meiner Freundinnen tragen Kopftücher, und das sicher nicht deshalb, weil sie Fundamentalistinnen sind.» Die eine stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, ist gar nicht religiös und sieht in der Kopfbedeckung einfach nur modisches Beiwerk. Die andere hingegen kommt aus der Türkei und möchte mit ihrem Kopftuch ausdrücken, dass sie eine Muslima ist. Und zwar eine, die selbstbewusst und selbstbestimmt durchs Leben geht, denn das Tuch trägt sie freiwillig. «Ausserdem haben Frauen früher in der Schweiz auch Kopftücher getragen, und Nonnen bedecken ihre Häupter noch immer», fügte die Tochter an. Seither, räumt der Vater ein, sei er vorsichtiger geworden mit seinen Äusserungen.
Toleranz heisst «dulden» oder «gewähren lassen»
Wer tolerant ist, lässt andere Überzeugungen, Verhaltensweisen oder Sitten gelten. Das ist ein guter Anfang, reicht aber nicht, sagt die Sozialwissenschaftlerin Myriam Eser (siehe Beitrag «Es gibt Grundwerte, auf die wir uns stützen»). Wer Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende nur duldet, begegnet ihnen mit Vorbehalt, setzt sich nicht mit ihnen auseinander, wird sie nicht verstehen - und deshalb auch nicht annehmen können. Integration gelinge nur, wenn Menschen aufeinander zukommen, Grenzen überschreiten, Kompromisse finden, schreibt Buchautorin Monika Krumbach. Dafür brauche es viel, unter anderem Ausdauer, Fairness, Hilfsbereitschaft, Solidarität. Und ja: Auch Toleranz, wenn man sie richtig versteht und auf ihr aufbaut.
Wie lernen Kinder Toleranz?
Einander akzeptieren und achtungsvoll miteinander umgehen - wie lernen Kinder das am besten? Vorschläge dazu finden sich im Buch «Soziales Lernen mit Kindern» von Monika Krumbach. Die Autorin wählt spielerische Ansätze, um bei Mädchen und Jungen das zu fördern, was es braucht fürs Zusammenleben: anderenohne Vorurteile begegnen, Unterschiedeerkennen, Konflikte offen, aber fair austragen. Und gemeinsame Werte finden: Klarmachen etwa, dass es keine Rolle spielt, welche Hautfarbe ein Mensch hat. Die Spielvorschläge sind originell. «Pech gehabt» beispielsweise zeigt, dass viele Menschen von vorneherein schlechtere Chancen haben als andere.
Für das Spiel setzen sich Kinder zum Würfeln an den Tisch. Eine Gruppe erhält einen präparierten Würfel, der auf den Flächen nur ein bis drei Punkte hat. Der Würfel für die andere Gruppe hat hingegen vier bis sechs Punkte. Wer zwanzig Punkte erreicht hat, darf sich Waren «einkaufen» - Knabbereien, Fruchtstückchen, die auf dem Tisch bereitliegen. Der Effekt ist klar: Die eine Hälfte sahnt schnell ab, während die andere hungrig bleibt. Was wird passieren? Wehren sich die Benachteiligten? Geben die Bevorzugten den anderen etwas ab? Auch auf weitere Fragen will das Buch Antworten liefern. Etwa: Was zeigt Kindern, dass fremde Kulturen nicht bedrohlich, sondern bereichernd sein können? Die Autorin schlägt dafür etwas Naheliegendes vor: Kinder tauschen. Ein afrikanischer Junge verbringt einen Nachmittag bei einer Schweizer Familie, während das Mädchen aus der Schweiz bei der Familie aus Afrika zu Gast ist.
Vieles im Buch mag naiv anmuten: schwarzer Junge, weisses Mädchen, Frau mit Kopftuch - alle in einem Boot, das fröhliche MultiKultiMiteinander. Wir wissen, dass die Realität anders aussieht. Und dennoch: Von Integration geredet wird viel. Anderen unbefangen zu begegnen, fängt mit einfachen Gesten und kleinen Schritten an. Und dafür liefert das Buch gute Ideen.
Quelle/Text: Vera Sohmer
Buchtipps
«Kritik der reinen Toleranz»,
von Henryk M. Broder,
WJS-Verlag, Fr. 26.90, ISBN: 978-3-937989-41-9
«Soziales Lernen mit Kindern»,
von Monika Krumbach,
Ökotopia, Fr. 27.90,
ISBN: 978-3-86702-138-8
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