Jetzt mal langsam!

Kinder können ihr eigenes Tempo in der Regel nicht selber bestimmen. Deshalb liegt es an uns Eltern zu spüren, was für sie gut ist und was weniger.
Wenn an der Kasse des Grossverteilers schon drei Kunden vor uns anstehen und einer dazu mühsam nach Kleingeld kramt, kriegen wir schlechte Laune. Wenn uns unsere Arbeitskollegin vom Gesundheitszustand ihrer kranken Mutter erzählen will, schielen wir alle 30 Sekunden nervös zur Uhr. Wenn unser Kind beim Kochen mithelfen will, ärgern wir uns darüber und hoffen insgeheim, dass es sein Vorhaben bald wieder aufgeben möge, denn alleine bringen wir das Ganze viel schneller über die Bühne. Überhaupt ist «schnell» das Lösungswort unserer Zeit: schnell einkaufen gehen, schnell putzen, schnell alle E-Mails beantworten, schnell eine Sitzung abhalten, schnell die Hausaufgaben erledigen, schnell zum Fussballtraining, schnell Znacht essen und dann hopp ins Bett - und morgen gehts mit dem gleichen Tempo weiter, oder wenn möglich bitte noch etwas schneller. Und trotz der ganzen Hetzerei kommt man irgendwie nie auf einen grünen Zweig, denn der Tag scheint schlicht zu wenig Stunden zu haben. Immer bleibt Arbeit liegen. Wer kann, nimmt sie mit nach Hause und arbeitet dort weiter.

Mit Vollgas ins Out!
Dieser Trend zur Eile zeigt sich nicht nur im Berufsleben. Die Agenda mancher Hausfrauen ist oft gedrängter als die eines Kaderangestellten. Wie ist das möglich, wo es doch im Haushalt so viele technische Hilfen gibt, mag man sich fragen. Nehmen wir doch als Beispiel die Waschmaschine. Dank ihr wurden immer mehr Frauen von der mühseligen Handwäsche befreit. Man würde meinen, das Resultat wäre ein grosser (Frei-)Zeitgewinn gewesen. Aber nichts da: Da gleichzeitig die Hygienestandards stiegen, wird immer mehr gewaschen. Die Technik birgt noch andere Tücken. Das beste Beispiel dafür sind E-Mails, die scheinbar viel bequemer sind als Briefe, die aber möglichst umgehend beantwortet werden sollten. Täglich werden etwa fünf Milliarden E-Mails geschrieben! Wie kann man diese Unmenge beantworten? Nur mit einem Höllentempo! Aber Schnelligkeit ist nicht immer die Lösung aller Probleme. Im Gegenteil, sie hängt eng zusammen mit Fahrigkeit, die uns Fehler machen lässt, bei deren Ausmerzung wir wiederum kostbare Zeit verlieren - ein Teufelskreis.
Die ständige Hetzerei erzeugt viel Stress, denn bei der kleinsten Zeitverzögerung gerät unser minutiös ausgeklügelter Tagesplan aus dem Takt - und wir fahren aus unserer Haut. Wie der englische Schriftsteller Carl Honoré es in seinem Buch «Slow Life» treffend erklärt, geraten wir vor lauter Beschleunigung und ständigem Rasen selbst in die Raserei. Und dieses mörderische Tempo hat auch weitgehendere Auswirkungen als nur kleine Aus- raster. Die Bewohner der westlichen Welt werden immer dicker, und zwar unter anderem auch, weil die Zeit fehlt, um gesunde Mahlzeiten zuzubereiten und um regelmässig Sport zu treiben. Die Zeitknappheit versuchen wir beim Schlaf wieder gutzumachen: Wir schlafen heute so wenig wie noch nie in der ganzen Menschheitsgeschichte, mit der Folge, dass viele von uns dauermüde und unkonzentriert sind.

Gehetzte Kinder
Wer denkt, dass das alles nur Erwachsene betrifft, der irrt leider gewaltig. Die grossen Anforderungen durch Schule plus ein riesiges Freizeitangebot sorgen dafür, dass auch manche Kinder kaum Zeit zur freien Verfügung haben. Nach der Schule geht es nahtlos in die Geigenstunde, ins Ballett, zum Tennis, in die Nachhilfestunde oder in den Englisch-Privatkurs. Der Zvieri wird schnell, schnell auf dem Weg vom einen zum anderen gegessen. Oft ist auch der Mittwochnachmittag nicht nur mit Hausaufgaben und dem Lernen für Prüfungen belegt, sondern dazu noch mit weiteren Aktivitäten wie dem Musikunterricht und dem Sporttraining. Manche Kinder können kein einziges Mal pro Woche mit ihren Freunden abmachen und einfach nur spielen. Geschweige denn, dass sie Zeit zum Vorsichhinträumen und Nichtstun, kurz zum Ausruhen hätten. Und so kommt es, dass heute schon junge Menschen über ständige Überforderung und Burnout klagen, was sich beispielsweise durch Müdigkeit, Bauch- und Kopfschmerzen und Angstzustände äussert. Immer mehr Kinder werden mit Aufmerksamkeitsstörungen diagnostiziert, was irgendwie auch nicht weiter verwundert, wenn man bedenkt, mit welchen Unmengen an Informationen und sonstigen Reizen unsere Kinder Tag für Tag überflutet werden und dass ihnen kaum je Zeit bleibt, um sich in eine Tätigkeit zu vertiefen, denn schon steht der nächste Punkt auf dem Programm an. Wer soll da das Wesentliche erkennen und sich darauf konzentrieren können?

Slow is beautiful
Wenn wir diesen Trend umkehren wollen, brauchen wir ein Umdenken. Das hat mit Zeitmanagement übrigens nichts zu tun, denn dabei geht es in der Regel doch nur darum, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Es geht vielmehr darum, dass wir lernen, Prioritäten zu setzen und Unnötiges wegzulassen. Dieser Verzicht macht uns nicht ärmer, sondern gibt uns im Gegenteil ein grosses Stück Lebensqualität zurück. Wir erfahren, was es bedeutet, den Augenblick zu geniessen. Wir werden wieder achtsamer mit unserer Umgebung und entwickeln einen respektvolleren Umgang mit unseren Mitmenschen und der Natur.

Soll das jetzt heissen, dass wir alle sehr l-a-n-g-s-a-m werden sollen? Nein, denn wie immer im Leben geht es auch hier vor allem um die richtige Balance. Manche Dinge machen mehr Sinn, wenn sie relativ schnell gemacht werden (beispielsweise Duschen), andere bringen nur etwas, wenn man sich Zeit lässt (beispielsweise Baden). Wichtig ist, dass man die Wahl hat, wie der Italiener Carlo Petrini ausführt, der Gründer der Slow-Food-Bewegung und Vorreiter des Trends zur Entschleunigung: «Sich Zeit lassen im Sinne der Slow-Life-Bewegung bedeutet, dass man den Rhythmus seines eigenen Lebens selbst bestimmt. Sie entscheiden, wie schnell Sie in einem bestimmten Rahmen reagieren. Wenn ich heute etwas schnell tun möchte, dann mache ich das. Doch wenn ich mir morgen Zeit lassen will, dann sollte auch das kein Problem sein. Wir kämpfen für das Recht, unser eigenes Tempo zu bestimmen.»

Kinder können ihr eigenes Tempo in der Regel nicht selber bestimmen oder durchsetzen. Deshalb liegt es an uns Eltern zu spüren, was für sie gut ist und was weniger. In der Schule - in der öffentlichen wenigstens - gilt es, den vorgegebenen Rhythmus einzuhalten, daran gibt es nicht viel zu rütteln. Manche Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf eine Privatschule. Sie haben die Qual der Wahl, denn noch nie gab es eine so grosse Anzahl privater Bildungseinrichtungen, die das Bedürfnis nach unterschiedlichen Tempo erkannt haben. Davon abgesehen, können wir Eltern dazu beitragen, dass wir zu Hause den Druck auf die Kinder nicht noch zusätzlich erhöhen.
Manche Eltern wollen, dass ihr Kind maximal gefördert und gefordert wird. Mit Extra-Aufgaben, Nachhilfe und Privatstunden versuchen sie, ihrem Kind auf die Sprünge zu helfen oder ihm einen Vorteil zu verschaffen. Ob dieser Ansatz wirklich der beste ist, sei dahin gestellt. Als Eltern müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass unsere Kinder nicht dazu da sind, unsere eigenen Träume zu verwirklichen.

Langsamkeit wird in unserer Gesellschaft häufig mit Versagen gleichgestellt. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn ein Kind ein Schuljahr wiederholt? Ist es nicht vielmehr eine neue Chance? Und wer wird in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren nach diesem «verlorenen» Jahr fragen?

Die Kunst der Entschleunigung
Es entbehrt nicht der Ironie, aber noch nie besassen Kinder so viele Spielsachen und verfügten gleichzeitig über so wenig Zeit, um sich damit zu beschäftigen. Für Erwachsene gilt Spielen häufig als reine Zeitverschwendung, als Luxus. Aber Kinder brauchen Zeit zum Spielen, darin sind sich alle Fachleute einig. Beim Spiel mit anderen entwickeln sie wichtige soziale Kompetenzen, die für das spätere Leben mindestens so bedeutsam sind wie Akrobatik oder Handball. Kinder sollten auch lernen, Untätigkeit und Langeweile zu ertragen, denn daraus entstehen nicht selten kreative Ideen, während man sich beim zwanghaften Aktivismus oft nur sinnlos im Kreise dreht.
Wir Erwachsenen können mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, was Entschleunigung im Alltag bedeutet. Gehen Sie mit einer Freundin spazieren statt zum Shopping abzumachen. Lesen Sie die Zeitung, ohne den Fernseher als Hintergrundberieselung laufen zu lassen. Machen Sie mitten am Tag ein paar Yoga- oder Stretchingübungen. Stellen Sie Ihr Handy immer öfters ab. Lassen Sie Ihr Auto stehen und gehen Sie zu Fuss. Rufen Sie Ihre Mails nur noch einmal am Tag ab. Trinken Sie ein Glas Wein und hören Sie dazu schöne Musik. Wecken Sie Ihre Kreativität und malen, stricken oder nähen Sie. Schalten Sie eine Woche lang den Fernseher nie an und Sie werden sehen,  dass plötzlich Zeit frei wird, die man in der Familie nutzen kann, um zusammen zu spielen, zu lesen, zu basteln, zu kochen, zu musizieren. Und wenn Sie merken, dass Sie wieder in den alten Trott der ständigen Hektik verfallen, halten Sie ein, atmen Sie tief durch und erinnern Sie sich daran, dass es keinen Grund gibt zur Eile. Befolgen Sie den Rat von Carl Honoré: «Machen Sie nie etwas schneller als nötig und versuchen Sie nie ohne guten Grund Zeit zu sparen.»

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