Expedition in einen Neuanfang
Immer wieder stören Schülerinnen und Schüler den Unterricht derart massiv, dass sie davon befristet ausgeschlossen werden müssen. TimeoutProgramme ermöglichen es, den Gründen fürs Querulieren nachzugehen. In vielen Fällen hilft die Arbeit in der freien Natur beim Neuanfang.
«Wenn Kinder und Jugendliche schulmüde sind oder sich verweigern, bleibt häufig nur der temporäre Schulausschluss mit einem Timeout.»Schulsozialarbeit hilft weiterEin schweizweites Verzeichnis über TimeoutAngebote existiert nicht. Viele Timeouts werden von den kantonalen Bildungsdirektionen angeboten beziehungsweise sind an Volksschulen angegliedert. Wenn die Eltern die Initiative ergreifen wollen, empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit der Klassenlehrperson oder der Schulsozialarbeit. Diese verfügt aufgrund ihrer Erfahrungen und Tätigkeiten über Informationen und ein entsprechendes Netzwerk.Patrick besucht eine Sekundarschule in Zug. Doch seit über einem Jahr schon stellt der 14-Jährige auf stur: Wird er vom Mathelehrer etwas gefragt, antwortete er zum Gaudi der Klasse mit «das weisst du doch, frag nicht so blöd». Betont auffällig empfängt und sendet er während des Unterrichts SMS - und spaziert gelegentlich quer durchs Schulzimmer, um einem Klassenkollegen den neuesten Klingelton vorzuspielen. «Schüler wie Patrick bringen Lehrpersonen und die Schulsozialarbeit an den Rand ihrer Möglichkeiten und verhindern einen normalen Unterricht», erklärt Daniel Breitenstein. Der Co-Geschäftsleiter von Trivas, einem gemeinnützigen Dienstleistungsunternehmen im Bereich Bildung und Soziale Arbeit in Cham, wehrt sich zwar dagegen, die TimeoutSchüler in Schubladen einzuordnen. Doch 80 bis 90 Prozent aller Schulausschlüsse betreffen junge Männer. Meist sind auch die Eltern mit der Situation überfordert und Regeln fehlen oder werden von den Jugendlichen nicht beachtet.
Abstand zum belastenden Alltag
Häufig sind die Querulanten schulmüde und wollen sich mit ihrer Verweigerungshaltung vor der Klasse profilieren. Sie kommen zu spät, ignorieren Aufträge, vergessen die Hausarbeiten und kennen keine Distanz zu schulischen Autoritätspersonen. In diesem Fall bleibt häufig nur der temporäre Schulausschluss mit einem Timeout. Mit dieser Intervention sollen weitergehende Massnahmen wie ein definitiver Schulausschluss oder eine Heimplatzierung vermieden werden. Bei Trivas landen auch junge Menschen, die freiwillig Ja sagen zu einer Auszeit. Im gemeinsamen Gespräch mit Lehrer, Schulsozialarbeit und Eltern lassen sie sich überzeugen, ein Timeout zu nutzen und sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen.
Wehren sich Schüler und Eltern jedoch gegen das Timeout, kann ein befristeter Schulausschluss disziplinarisch verfügt werden. Die Länge eines solchen temporären Ausschlusses ist je nach Kanton unter schiedlich geregelt, im Kanton Zürich ist die Dauer auf vier Wochen beschränkt, während etwa im Kanton Zug auch zwölfwöchige Zwangsauszeiten möglich sind. «Ein Timeout ist kein Ferienlager», stellt Breitenstein klar. Das TrivasProgramm beginnt mit einem Aufbruch ins Unbekannte, einer fünftägigen Expedition. Die Gruppe von maximal vier Jugendlichen packt ihre Siebensachen und pro Person eine Plane, um unter freiem Himmel zu übernachten. Es geht darum, Distanz zum Alltag zu schaffen und einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Selbst grossmäulige Jugendliche schrumpfen nach ein paar Stunden Wandern mit Gepäck meist auf Normalformat. Die unbekannte Landschaft liegt übrigens häufig nur ein paar Dutzend Kilometer vom Wohnort der Jugendlichen entfernt. Doch die geografische Nähe zum Lebensmittelpunkt tut dem Abenteuer keinen Abbruch. Neueinsteiger lernen zudem von Kollegen, die schon zum zweiten oder dritten Mal auf «Expedition» sind. «Solche Rückmeldungen unter den Jugendlichen werden besser akzeptiert, als wenn wir Leiter Kritik anmelden», erklärt Breitenstein.
Auch Familie wird einbezogen
Von den restlichen drei Wochen eines solchen Monatsmoduls verbringen die Jugendlichen abwechselnd je drei Tage im Arbeitseinsatz und zwei Trainingstage im TrivasZentrum auf einem Bauernhof. Die Arbeit in Firmen der Region bringt die Möglichkeit, Kompetenzen wie Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein zu schulen. Ausserdem können die Jungen und Mädchen Kontakt zu möglichen Lehrstellen herstellen. Denn nicht selten sind die Schulverweigerer auch passiv, was die Lehrstellensuche angeht. Am Trainingstag wird im Wald Holz gesammelt, auf offenem Feuer gekocht, die Unterkunft geputzt - die Ämtlis sind klar verteilt. Klassischer Schulstoff wird hier nicht vermittelt, denn Schulunterricht ist so ziemlich das Letzte, was die Störenfriede in diesem Stadium motiviert. Vielmehr geht es darum, an ihrer Sozialkompetenz zu feilen. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Frustrationstoleranz zu erhöhen.
Auf dem Weg zurück in die Schule wird auch das familiäre Umfeld aktiv einbezogen. Bei jeder TrivasPlatzierung werden die Eltern verpflichtet, parallel dazu ein Familiencoaching zu absolvieren, teils mit, teils ohne ihr Kind. Wie bei ähnlichen Programmen gelingt es nicht allen, nach der Luftveränderung die Schulkarriere problemlos abzuschliessen. Oft braucht es nach der Rückkehr in die Schule tatkräftige Unterstützung des Umfelds und eine intensive Betreuung, damit ein vorzeitiger Schulabbruch vermieden werden kann. Und einige landen trotzdem im Heim. Häufig handelt es sich um Fälle, bei denen das Timeout zu spät einsetzte. Breitenstein ist pragmatisch: «Wir können einen Prozess initiieren. Wie Jugendliche und Familie diesen Input nutzen, liegt nicht mehr in unserer Kompetenz.»
Persönlichkeit und Selbstbewusstsein stärken
Während bei Trivas die Progammteilnehmer zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, nimmt sich die Stiftung SILVIVA mit dem Projekt TimeOut Nordwestschweiz seit wenigen Monaten schon Kindern ab acht Jahren an. «Anfänglich war ich selbst skeptisch, ob es nötig ist, bereits so junge Menschen in ein Timeout zu führen», erzählt die Projektleiterin Barbara Schleuniger. Doch nach den ersten Erfahrungen weiss sie, dass es sinnvoll ist, die Kinder möglichst früh in ihrenSozial und Selbstkompetenzen zu fördern. Die jungen Klienten von SILVIVA werden von der bisherigen Schule getrennt und besuchen an zwei bis vier Tagen pro Woche bei jedem Wetter und während des ganzen Jahrs den Wald. Erlebnisse wie Holz suchen und auf dem Feuer selbst ein Mittagessen zubereiten gehören zum täglichen Ritual. Der klare Auftrag, aber auch der Stolz, diesen ausgeführt zu haben, geben den Kindern ihr Selbstbewusstsein zurück. In dieser vierwöchigen Pause durchlaufen die Teilnehmer verschiedene Phasen und gehen zusammen mit dem zweiköpfigen Leiterinnenteam auf Fragen ein wie «Wer bin ich?», «Was kann ich?» und «Wohin gehe ich?».
«So eine Zeit wäre schön für alle Schüler!»
«Oft sind es elementare Arbeiten wie aufräumen, Wasser holen und Holz suchen, die den Kindern und Jugendlichen vermitteln sollen, worauf es ankommt», so Schleuniger. Der Wald sei das ideale Umfeld dafür: «Die wilde Natur hilft, dass die Kinder wieder ihre ursprünglichen Sinne wahrnehmen, Tiere und Pflanzen beobachten, Düfte riechen, in der Stille sitzen und einfach nichts tun.» Der Wald wirkt auch als heilsame Verunsicherung der bisherigen Wertvorstellungen: Wenn die Kinder aus herumliegenden Ästen ein Sofanest bauen, realisieren sie, wie aus wenig viel wird - ohne die alltägliche Konsumwelt mit Markenkleidern und MP3Playern, mit denen ihr Schulalltag zugepflastert ist. Doch auch Schleuniger bietet keine Wohlfühlferien an, es gelten klare Regeln: In Sichtweite mit den Leiterinnen bleiben, Anweisungen befolgen und sich im Wald als Gast verhalten.
Dass die intensive Begegnung mit dem Wetter, mit Bäumen, dem Feuer und der Natur allgemein viel auslösen kann, zeigen die Rückmeldungen von SILVIVAs bisherigen Klienten. «So eine Zeit wäre gut für alle Kinder», meinte etwa ein Achtjähriger, der bisher nur als aggressiv und desinteressiert auffiel. Als die Gruppe gemeinsam ums Feuer sass, meinte er verzaubert: «Das ist einfach schön, das geniesse ich.»
Lesen Sie hierzu auch. Umweltpädagogik: Selbstbewusste, starke Kids
Quelle/Text: Pieter Poldervaart
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