Kinder wollen draussen sein!

Kinder wollen draussen sein, über Baumstämme toben, Spuren eines Rehs entdecken oder ein Feuer machen. Viele Lehrpersonen sind mit ihren Klassen im Wald unterwegs - denn viele gute Gründe sprechen für ein Lernen im Wald.
(Bild: Morgan Lane Photography)
An feuchter Erde riechen, das Alter eines Baumes bestimmen oder einen Specht beobachten: im Wald gibt es Hunderte von Entdeckungs- und Beobachtungsmöglichkeiten für Kinder. Für die jüngeren Kinder steht das Lernen mit allen Sinnen im Mittelpunkt. Mit waldpädagogischen Spielen kann die sinnliche Wahrnehmung auch gezielt gefördert werden, z.B. mit einem Baumtastspiel oder einer Geräuschelandkarte.  

Wieso hüpfen Hasen und andere Fragen
Wenn Zeit und Raum ist, tauchen auch bald Fragen auf, zu den Tieren, zu den Bäumen. "Weshalb verfärben sich die Blätter im Herbst?", "Wieso hüpfen -Hasen?" oder "Wie alt werden Bäume?", Fragen, die Kinder zu eigenen Beobachtungen anregen, die Recherchen auslösen oder zu Nachfragen bei Fachleuten führen. Mit dem Alter der Kinder ändern sich die Fragen. Themen werden vermehrt auch im Klassenzimmer erarbeitet und durch Anschauung im Wald ergänzt oder umgekehrt. Ökologische Zusammenhänge werden im Wald an konkreten Beispielen sichtbar, etwa die Nahrungsnetze, der Einfluss von Standortfaktoren oder die Nutzung des Holzes. 

Natur erleben und erforschen
Gehen Kinder regelmässig in den Wald, erleben sie den Wandel der Jahreszeiten, beobachten Entwicklungen und bauen Beziehungen zu einem Baum oder einem Stück Wald auf. Konkrete Erfahrungen, Naturerlebnisse und -erforschungen können zu emotionalen Beziehungen führen und letztlich zu einem respektvollem Umgang mit der Natur.  

Bewegung
Im Wald bieten sich auch vielfältige Bewegungsmöglichkeiten. Kinder laufen über unebene Waldböden und balancieren über Baumstämme. Das Bewegungsangebot im Wald ist riesig und wirkt für die Kinder motivierender als Bewegungsangebote in geschlossenen Räumen. Gerade für die jüngeren Kinder ist Bewegung das Fundament einer ganzheitlichen Entwicklung. Verbunden mit Waldgängen können räumliche Erfahrungen gemacht werden, z.B. das Einschätzen von Grössen, das Kennenlernen der Himmelsrichtungen oder das Fördern des Orientierungssinns. 

Spielzeugparadies
Der Wald ist eigentlich ein Spielzeugparadies, denn das Angebot an Materialien zum Spielen ist nahezu grenzenlos. Nur müssen die Naturmaterialien von den Kindern belebt werden, Geschichten müssen erfunden, ausgehandelt und gemeinsam gespielt werden. Kinder können Fantasie und Kreativität entfalten, denn das Spielzeug ist nicht fertig. In einer Studie zeigten Waldkindergartenkinder denn auch kreativere Lösungen als die Vergleichsgruppe. Das Spielmaterial eignet sich als Baumaterial. Mit Holz, Ästen oder Stecken können Fertigkeiten wie schneiden, binden, ordnen, zählen, messen, bauen, konstruieren geübt werden. 

Zeit und Zukunft
Eine weitere Besonderheit des Waldes ist, dass im Wald die Zeit sichtbar wird. Das Alter der Bäume lässt sich bestimmen, Spuren alter Nutzungen sind noch lange sichtbar in Wuchsformen und Wald-beständen. Geduld ist gefragt, wachsen lassen braucht Zeit. Hier unterscheidet sich die reale Welt von der virtuellen Welt, die Jugendlichen häufig sehr vertraut ist. Bei Pflegeeinsätzen stellt sich die Frage, welche Bäume gefördert, welche herausgenommen werden müssen. Das Entwerfen von Zukunftsszenarien kann an anschaulichen Beispielen geübt werden.

Wirkung und Nutzen
Viele Lehrpersonen berichten auch von einer Zunahme an Selbstvertrauen. Kinder erleben, dass sie etwas können. Jugendliche erfahren bei Pflegeeinsätzen, dass sie etwas bewirken, dass sie gebraucht werden. Bäume anzeichnen, fällen oder Jungwuchs schneiden und Flächen säubern, im Wald geht die Arbeit nicht aus.

Bambi-Syndrom
Eine Befragung in Deutschland zeigt eine zunehmende Naturentfremdung von Kindern und Jugendlichen. Viele finden, Bäume fällen schade dem Wald. Der Soziologe Rainer Brämer spricht in diesem Zusammenhang vom Bambi-Syndrom und meint damit eine Verniedlichung der Natur. Natur soll geschützt und gepflegt werden, aber das Nutzen ist tabu. Eine solche Einstellung verhindert jedoch, Fragen der nachhaltigen Entwicklung anzugehen.  

Viele Angebote
Es gibt also viele gute Gründe für das Lernen im Wald. Ebenfalls vorhanden sind denn auch zahlreiche Angebote für Lehrpersonen: In vielen Kantonen machen Förster kostenlose Waldgänge für Schulklassen, die Bürgergemeinde Stadt Solothurn zum Beispiel stellt ein Waldmobil zur Verfügung, es gibt Waldrucksäcke und Waldkoffer mit Literatur und Medien, Waldpädagogen bieten Exkursionen an und in jeder Gemeinde gibt es einen besonderen Wald. Sind die Schulklassen auch in Ihrem Wald schon unterwegs? Bauen sie ein Waldsofa oder helfen sie bei der Waldpflege mit? Wenn nicht, sollten Sie einmal nachfragen. Gute Gründe gibt es viele.

Esther Bäumler, Fachstelle Umweltbildung Solothurn, Institut Weiterbildung und Beratung der Pädagogischen Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW  

Wald ist Lebensraum
Die UNO hat 2011 zum Internationalen Jahr des Waldes erklärt. In der Schweiz ist rund ein Drittel der Landesfläche bewaldet. Für den Erhalt der Vielfalt muss der Wald naturnah und nachhaltig bewirtschaftet werden, damit seine Leistungen auch den zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen. Der Wald ist auch Freiraum und viele von uns nutzen ihn zur Erholung. Die Möglichkeiten dazu sind (beinahe) grenzenlos. Den einen bietet der Wald Ruhe, den anderen Sammelgründe für Pilze oder Abenteuer im Seilpark. Seit wenigen Jahrzehnten ist der Wald für viele Kinder zum temporären Klassenzimmer geworden. In Waldschulen erfahren sie die Wildnis und entwickeln Vertrauen in die Natur. Umweltbildung im Wald bietet in der Schweiz z.B. die Stiftung SILVIVA. Weitere Infos über www.silviva.ch 

Links zum Internationalen Jahr des Waldes

www.wald2011.ch
www.umwelt-schweiz.ch
www.respektiere-deine-grenzen.ch
www.wwf.ch
www.pronatura.ch

Quelle/Text: Esther Bäumler im KidySwissfamily 04.2011


"Waldpädagogik für alle Stufen"

Interview: Elias Kurt.
Quelle: Info BWSo 4/2009 

Kilian Bader, Revierförster, Forstrevier Balsthal/Mümliswil-Ramiswil  

Kilian Bader, wie oft sind Sie mit Schulklassen im Wald?
Pro Jahr sind das ungefähr sechs bis acht Mal. Einerseits handelt es sich um Waldtage mit Primarschulklassen. Bei uns in Balsthal und Mümliswil gibt es aber ab und zu auch Ferienlager mit Arbeitseinsätzen, bei denen wir auch Waldrundgänge machen.  

Was unternehmen Sie mit den Kindern im Wald?
Das kommt auf die Altersstufe an. Bei den Erst- bis Drittklässlern steht das Erleben und Entdecken im Vordergrund. Bei den älteren Schülern aus der vierten bis sechsten Klasse können wir mehr in die Details gehen. Wir schauen Jahrringe an und erklären, wie ein Baum wächst. In beiden Altersstufen verzichten wir aber auf allzu technische Themen, wie die Holzernte selbst. Manchmal pflanzen wir mit den Schülern auch Bäume und zeigen, wie man sie vor Wild schützt. Die Kinder können so immer wieder in den Wald gehen und schauen wie "ihr" Baum wächst. Damit schaffen wir eine gewisse Bindung an den Wald.  

Was bringt die Waldpädagogik aus Ihrer Sicht den Kindern?
In der heutigen Zeit gehen Kinder zum Teil sehr wenig in den Wald. Dies ist sogar auf dem Land vermehrt so. Ich hoffe, dass den Kindern ein paar Dinge über den Wald in Erinnerung bleiben und bin überzeugt, dass das langfristig sehr viel bringt.  

Bringt die Waldpädagogik auch Ihnen als Förster etwas bzw. dem Wald?
Es ist ein starkes persönliches Interesse - wahrscheinlich von allen Förstern -, das eigene Wissen an junge Menschen weiterzugeben. Das ist letztendlich auch eine Image-Frage. Die Kinder gehen heim und erzählen von dem Erlebten. Ich bin deshalb schon öfters von Eltern angesprochen worden. Es tut unserem Image gut, wenn sich die Förster bereit erklären, ihr Wissen in der Öffentlichkeit mitzuteilen. Sonst haben wir ja häufig ein eher schlechtes Image, weil die Holznutzung kritisch beurteilt wird.  

Gibt es aus Ihrer Sicht Dinge, die in Zukunft vermehrt angegangen werden sollen?
Aus meiner Sicht ist es sehr schön, dass das Amt für Wald die Waldpädagogik unterstützt. Es ist von grosser Bedeutung für uns, dass der Wald fester Bestandteil im Schulunterricht ist. Eine gute lokale Zusammenarbeit zwischen Schule und Forst ist deshalb wichtig. Das klappt je nach Förster gut. Die Schulen müssen wissen, dass ein Angebot besteht und dass der Förster die Anlaufstelle ist. Ein konkreter Wunsch von mir ist, dass sich die Waldpädagogik nicht zu fest auf die Primarschule beschränkt. Mit älteren Schülern könnte man vermehrt andere Themen wie die der Holznutzung ansprechen. Ich fände es auch sehr lohnenswert, Berufsschüler verwandter Berufe anzusprechen. Wenn z.B. Zimmerleute und Schreiner vermehrt in den Wald kommen würden, könnte man so ähnliche Probleme der verschiedenen Berufsgattungen diskutieren. Dies wäre für beide Seiten interessant und lehrreich.