Diskutieren statt kiffen und trinken

Empathisch Grenzen setzen ist eine wiederkehrende Herausforderung in der Arbeit mit Jugendlichen. Eine Gratwanderung zwischen einfühlsamem Verstehen und Konfrontieren mit risikoreichem Verhalten.
Quelle Bild: Matthias Gysel ist Bereichsleiter Jugend, Plattform Glattal. Ajuga ist politisch und konfessionell neutral und ein Angebot der Plattform Glattal. Weitere Infos über www.plattformglattal.ch. (Bild: zvg)
An einem Montagnachmittag fährt die Jugendarbeiterin mit ihrem Praktikanten im Ajuga-Mobil in eine Gemeinde im Zürcher Unterland. Ajuga bedeutet aufsuchende Jugendarbeit. Die Jugendarbeiter/-innen suchen von Jugendlichen frequentierte Strassen, Plätze, Treffpunkte und Anlässe auf, um mit den jungen Menschen in Kontakt zu treten. Oft ist Ajuga die erste Anlaufstelle für Jugendliche, welche von sich aus keine Beratungsstelle aufsuchen können oder wollen. Die Ajuga greift aktuelle Themen der Jugendlichen auf und initiiert Jugendprojekte, welche sie auch der Erwachsenenwelt zugänglich macht. Die Jugendarbeiter/-innen sind in den Gemeinden zu Fuss oder mit dem Ajuga-Mobil unterwegs. Durch längerfristige Kontakte mit Jugendlichen stellen sie professionelle Beziehungen her. Diese ermöglichen umfassende Beratung und Unterstützung in allen Lebensbereichen. Durch ihre Präventions- und Beziehungsarbeit kennen sie die aktuellen Entwicklungen in der Jugendszene. Das Ajuga-Mobil ist ein umgebauter Campingbus mit Tisch, Stühlen und Küche.

Einige Primarschüler/-innen der 6. Klasse warten bereits am gewohnten Standort. Draussen ist es bitterkalt. Das Ajuga-Mobil wird eingeheizt, die Schüler/-innen stürmen in den Bus. Sie erzählen sogleich von der Schule, ihren guten und nicht so guten Noten und weshalb sie der Lehrer heute wieder besonders genervt hat. Sie haben Durst und wollen Zvieri essen. Nach und nach treffen weitere Jugendliche ein. Der Bus ist nun gerammelt voll.

Ein Jugendlicher erzählt vom vergangenen Wochenende. Er ist 12 Jahre alt. Er sei am Samstag im Ausgang gewesen und habe das erste Mal gekifft und Wodka getrunken. Es sei ihm zwar schlecht geworden, aber es sei ein verdammt geiles Gefühl gewesen. Er habe extrem aufpassen müssen, dass die Eltern nichts merken. Er schaut die Jugendarbeiterin mit erwartungsvollem, ja beinahe lauerndem Blick an. In der täglichen Arbeit mit jungen Menschen sind wir -immer wieder mit dem Thema Sucht konfrontiert. Cannabiskonsum und Alkohol sind ständige Inhalte von Auseinandersetzungen. Prävention bedeutet in diesem Zusammenhang, die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihnen grosse Wertschätzung entgegenzubringen, sie aber mit ihrem risikoreichen Verhalten zu konfrontieren. Verstehen alleine genügt nicht. Die Jugendlichen benötigen Leitplanken, welche sie auf ihrer abenteuerlichen Gratwanderung stützen. Es ist be-deutungsvoll, ihnen die Gefahren und Risiken auf diesem Weg aufzuzeigen. Die Jugendlichen suchen bei Erwachsenen Halt und Orientierung. Sie haben das Anrecht auf Grenzen und Auseinandersetzungen. Viele Jugendliche trinken Alkohol, weil sie dazugehören wollen. Alkohol vertreibt vorübergehend ihre Ängste, nicht zu genügen, zu versagen oder ausgeschlossen zu werden. Cannabis lässt viele junge Menschen besser schlafen. Die ersten Versuche machen viele Teenager heute bereits mit 12 Jahren. «Isch doch normal, he», hört man sie sagen. Unsere Verpflichtung ist, ihnen zu sagen, dass ihr Verhalten alles andere als «normal» ist. Empathisch Grenzen setzen ist hier gefragt.

Quelle/Text: Matthias Gysel


Verwandte Artikel